Fernsehen

Grausig, kitschig, lustig

Das erste Halbfinale des Eurovision Song Contest zeigt, was Fans lieben und Gegner hassen: Bizarre Kostüme, irre Lieder

Können sich die Deutschen beim Eurovision Song Contest mehr Hoffnungen machen als gedacht? Zumindest bei den Buchmachern schiebt sich Cascada nach vorne. Am Mittwoch lag der deutsche Beitrag „Glorious“ erstmals auf Platz sechs. Angeführt wird die Liste von der jungen Dänin Emmelie de Forest, die sich im ersten Halbfinale am Dienstag für das Finale am Sonnabend qualifizierte. Cascada-Sängerin Natalie Horler probte am Mittwoch zum zweiten Mal und war mit der Leistung zufriedener als am Sonntag. Proben seien ja so nervenzerreißend, sagte sie und erzählte dann wie eine rheinische Ladenbesitzerin: wasserfallartig. Auch, dass sie zu viel spreche, statt ihre Stimme zu schonen. Dazwischen das herzhafte Lachen, das hier in Malmö bei der internationalen Presse gut ankommt. Noch lauter lacht nur die 68-jährige Bonnie Tyler (Großbritannien), die sich gibt, als habe sie den Spaß ihres Lebens.

Als Tochter zweier Briten fabuliert Horler gern auf Englisch. Die Sängerin wirkt dann mehr bei sich, als wenn sie Deutsch spricht. So gesteht sie auch, dass ihre Zweisprachigkeit noch zu interessanten Beschäftigungsmöglichkeiten führen könnte. „Wenn das hier den Bach runtergeht, kann ich immer noch in einem Hotel arbeiten“, ruft sie. Bevor die heute 31-Jährige zur Musik wechselte, hat sie als Jeansverkäuferin und Kellnerin gearbeitet. Doch jetzt geht es erst einmal um den ESC.

Am Dienstagabend traten zunächst 16 Starter im ersten Halbfinale gegeneinander an. Und: Es war wie immer. Ein fader Musikbrei mit albernen Gestalten, werden die einen sagen. Großratig, werden die sagen, die diesem meistbeachteten Gesangswettbewerb der Welt seit Jahren die Treue halten. Außerdem zeichnen sich zwei Entwicklungen ab. Die lange im Gedächtnis bleibenden Auftritte, wie 2012 die russischen Omas oder 2010 die durchgeknallten irischen Zwillinge Jedwards, waren bislang noch nicht dabei. Und es gibt eine Rückbesinnung auf die eigene Sprache. Von den 39 Starterländern – inklusive der Teilnehmer des zweiten Halbfinales und der fürs Finale gesetzten Länder – singen 18 nicht auf Englisch.

Vielleicht hätte sich auch Natalia Kelly aus Österreich trauen sollen, im Alpendialekt zu singen. Sie hatte einen an sich zuckersüßen Auftritt, was aber nicht fürs Finale reichte. Ähnlich ging es der gebürtigen Amerikanerin Hannah Straight, die für Slowenien antrat. Begleitet Tänzern hinter Robocop-Masken gelang der mit einem Fischschuppen-Top bekleideten Dame ein Auftritt zum Abgewöhnen. Gesanglich stärker war das Männer-Sextett Klapa S Mora aus Kroatien, mehr aber auch nicht. Dass auch die schrägsten Kostüme nicht vor dem Ausscheiden schützen, mussten die Hip-Hopper Who See aus Montenegro erfahren. In Raumfahreranzügen und unter Einsatz aller Nebelkanonen bemühten sie sich redlich um die Bühnenshow, aber ohne Erfolg. Auch Zypern verabschiedete sich, ebenso Serbien.

Ins Finale schaffte es neben der Dänin de Forest auch Zlata Ognevich aus der Ukraine. Die junge Frau ließ sich bei „Gravity“ von einem Riesen – einem 2,35 Meter großen Studenten – auf die Bühne tragen. Anouk mit ihren „Birds“ gelang es, die Niederlande das erste Mal seit 2004 wieder ins ESC-Finale zu bringen. Und das mit einem nicht massentauglichen Auftritt: Die Sängerin wählte eine Ballade. Weißrusslands Alena Lanskaja entstieg für ihr vom Regime diktiertes Lied „Solayoh“ einer Discokugel, trug ein denkbar kurzes Kleidchen und Stilettos bis zur Kniekehle und ließ sich von Tänzern in Muskelshirts umgarnen – das reichte ebenfalls fürs Finale.

Auch dabei sind der Litauer Andrius Pojavis, der Ire Ryan Dolan und der Belgier Roberto Bellarosa – alle drei so smarte Jungs. Fraglich, ob Cascada vor diesen Bubis Angst haben muss. Dafür könnte ihr noch die Russin Dina Garipowa zusetzen. Die Gewinnerin der russischen Ausgabe von „The Voice“ hatmit „What if“ alles, um es am Sonnabend ganz weit nach vorne zu schaffen.

Während die Platzierungen noch Spekulation sind, scheint ein Titel fast sicher: Moldau mit Sängerin Aliona Moon zeigte eine Show, die in der besten ESC-Tradition steht. Sie trat mit einer Betonfrisur und einem mehrere Meter über den Boden schleifenden roten Kleid auf. Im Verlauf ihres Lieds wurde sie hoch gehoben, bis sie wie eine Riesin erschien und das Kleid gerade noch auf den Boden reichte. Dann züngelten auch noch Flammen als Projektion am Kleid hoch. Unfassbar kitschig, unfassbar albern – also ESC at its best. Auch Moon schaffte es ins Finale – ein Grund mehr für eine heitere Party am Sonnabend.

Zweites Halbfinale an diesem Donnerstag, 21 Uhr (Einsfestival, Phoenix). Live-Stream über eurovision.tv