Unglück

Das Wunder von Bangladesch

17 Tage nach dem Fabrikeinsturz wird eine lebende Frau aus den Trümmern geborgen

Es grenzt an ein Wunder: 17 Tage nach dem verheerenden Fabrikeinsturz in Bangladesch haben Helfer eine Überlebende gefunden. Die Frau sei in einer Trümmerspalte entdeckt worden, sagte Feuerwehrchef Ahmed Ali am Freitag. „Sie hat offenbar Wasser bei sich gehabt oder von dem Wasser getrunken, das wir in das Gebäude gepumpt hatten.“ Die Frau namens Reshma Begum hatte 17 Tage lang im Erdgeschoss des ehemals achtstöckigen Gebäudes überlebt.

Die Zeitung „Daily Star“ berichtete, sie sei nur leicht verletzt. Die Rettungskräfte stellten demnach gegen 15 Uhr (Ortszeit) den Einsatz schwerer Maschinen ein, als sie ein Stöhnen unter dem Schuttberg hörten. Ein Soldat vor Ort berichtete, Rettungskräfte hätten im Schutt eine Frau winken sehen. Menschen, die die Rettung aus der Distanz beobachteten, brachen in spontanen Jubel aus. Die Frau trug ein lila Kleid, sie wurde sofort in ein Krankenhaus gebracht. Die bislang letzte Überlebende hatten die Einsatzkräfte am 28. April gefunden, vier Tage nach der Katastrophe. Die Textilarbeiterin konnte jedoch nicht gerettet werden, weil beim Versuch, sie zu befreien, ein Feuer ausgebrochen war.

Das Militär ließ den Unglücksort in Savar, einem Vorort der Hauptstadt Dhaka, absperren, um den Rettungskräften bei der Bergung freie Hand zu lassen. Diese setzten die Suche nach weiteren Opfern mit Baggern, Kränen und Bulldozern fort. Einige Tote seien bereits stark verwest gewesen und hätten nur aufgrund von Mobiltelefonen in ihren Taschen oder Arbeitsausweisen identifiziert werden können, hieß es. Mindestens 150 Leichen, deren Identität nicht geklärt werden konnte, seien in anonymen Gräbern auf einem staatlichen Friedhof bestattet worden.

Die Rettung ist auch deswegen besonders spektakulär, da Menschen, die in den Trümmern eingestürzter Gebäude eingeschlossen sind, meist nur eine kurze Zeit überleben. Die meisten Geretteten werden innerhalb von 24 Stunden aus dem Schutt geholt. Ein Mensch kann nur etwa drei Tage ohne etwas zu trinken überleben. Nur wenn Verschüttete Zugang zu Flüssigkeiten haben, haben sie auch danach noch eine Überlebenschance. Wie jetzt in Bangladesch haben Menschen aber sogar wochenlang unter Trümmern überlebt.

Als Wunder wurde 1977 die Rettung eines 19-jährigen Rumänen bezeichnet, der elf Tage nach einem Erdbeben in Bukarest lebend geborgen wurde. Eine Frau in Pakistan hielt es nach einem Beben im Jahr 2005 mit Essensresten und Regenwasser sogar mehr als zwei Monate unter den Trümmern eines eingestürzten Hauses aus. Nach Angaben des Zentrums für Katastrophenmanagement bargen Rettungskräfte bis Freitagnachmittag 1043 Leichen aus den Trümmern des Geschäftsgebäudes, in dem fünf Textilfabriken untergebracht waren.

Das teils illegal errichtete Haus war am 24. April in sich zusammengestürzt. Fast 2500 Menschen wurden dabei verletzt, vor allem Frauen. Zu dem Zeitpunkt des Unglücks sollen etwa 3000 Menschen im Gebäude gewesen sein. Der Einsturz ist das schwerste Unglück weltweit in der Textilindustrie und gilt als eines der folgenschwersten Industrieunglücke. 18 Textilwerke wurden nach der Katastrophe aus Sicherheitsgründen geschlossen.