Prozess

Fünfmal schwanger vom Entführer

Behörden in Cleveland geben weitere Details des Martyriums der drei Frauen und des Kindes bekannt. Ariel Castro handelte offenbar alleine

Eine Pizza! Das wünschte sich Amanda Berry, als sie nach dem Ende ihres zehnjährigen Martyriums in der Gewalt des Ariel Castro endlich nach Hause zurückkehren konnte. Gina DeJesus bat um ein Chicken Sandwich zur Willkommensparty bei ihrer Familie wenige Blocks entfernt im Westen von Cleveland. Michelle Knight war am Donnerstag noch in einem Krankenhaus, aber die Ärzte beschrieben ihren Zustand als gut, und sie esse mit Appetit.

Drei junge Frauen, 27, 23 und 32 Jahre alt, sind zusammen mit Jocelyn, der von ihrem Entführer gewaltsam gezeugten sechsjährigen Tochter Amandas, der Hölle entkommen. Der nach oben gereckte rechte Daumen Ginas bei ihrem Eintreffen daheim kontrastierte mit dem unverändert gen Boden gesenkten Blick des 52-jährigen Ariel Castro vor dem Haftrichter am Donnerstagmorgen.

Vermutlich lebenslange Haft

Gekleidet in eine dunkelblaue Gefängnisuniform und mit Handschellen gefesselt, hörte Castro regungslos zu, als der Untersuchungsrichter die Kaution für ihn auf unerreichbare acht Millionen Dollar festsetzte. Ihm wird der Prozess gemacht wegen vier Fällen von Freiheitsberaubung und drei Fällen von wiederholten Vergewaltigungen, begangen an den Frauen, die er als 16-, 14- und 21-Jährige entführte. Für jeden derartigen Fall drohen Strafen zwischen zehn Jahren und lebenslänglich. Vor dem Hintergrund weiterer Anklagepunkte, die im Laufe der Untersuchung hinzukommen werden, wird er das Gefängnis wohl nie wieder verlassen.

Die Ermittler gehen inzwischen davon aus, dass Ariel Castro als Alleintäter und ohne Mitwisser handelte. Am Montagabend waren seine Brüder Onil und Pedro als vermeintliche Komplizen verhaftet worden. Onil wurde in der Begleitung Ariel Castros auf dem Parkplatz eines nahen McDonald’s aufgegriffen, und die beiden Männer führten die Beamten zum dritten Bruder, der sich bei ihrer Mutter aufhielt. Donnerstag wurden die beiden 54- und 50-jährigen Männer aber wieder auf freien Fuß gesetzt.

Amanda Berry hatte am Montagnachmittag einen Moment der Abwesenheit ihres Peinigers genutzt, um auszubrechen. Bei ihr sei ein „Bruchpunkt“ erreicht gewesen, sagen die Ermittler. Als Castro das Haus verließ, um zum erwähnten McDonald’s zu fahren, vergaß er, die „große Zwischentür“ abzuschließen, zitieren Medien aus einem vorläufigen Polizeibericht. Amanda verließ daraufhin entgegen den Verboten ihres Entführers das zweistöckige, marode Gebäude und rief, weil die Sturmtür davor verschlossen war, verzweifelt um Hilfe. Nachbar Charles Ramsey half ihr, den unteren Teil dieser Tür aufzubrechen, so dass Amanda mit ihrer Tochter hindurchkriechen konnte.

Die beiden anderen Frauen hätten zu diesem Zeitpunkt ebenfalls fliehen können, blieben aber im Obergeschoss. Erst als Polizeibeamte das Haus durch die aufgebrochene Tür betraten und sich laut als Polizisten auswiesen, stürzte sich zunächst Michelle aus einem Zimmer in die Arme des einen Beamten. „Sie haben mich gerettet“, rief sie. Gleich danach lief Gina dem Beamten aus einem anderen Zimmer ebenfalls in die Arme.

Diese Szene vermittelt eine Vorstellung, wie sehr Castro die jungen Frauen einschüchterte. Nachdem er sie entführt hatte, die damals 16-jährige Amanda auf dem Weg von einem Restaurant, in dem sie jobbte, und die ihm als Klassenkameraden einer Tochter bekannte 14-jährige Gina auf dem Heimweg von der Schule, fesselte er sie zunächst im Keller.

Kaum Zeit zusammen verbracht

Sie wurden geschlagen und bedroht und durften erst später in Zimmern im oberen Stockwerk leben. Aber auch dort schloss Castro sie in verschiedene Räume ein. Die jungen Frauen durften offenkundig nur wenig Zeit miteinander verbringen, um die Kontrolle, die Castro über sie gewonnen hatte, nicht zu gefährden. Alle Frauen wurden von ihrem Entführer vergewaltigt. Michelle Knight, die am längsten in seiner Gewalt war, wurde dabei fünfmal schwanger. Laut Polizeibericht „ließ er sie für mindestens zwei Wochen hungern, und danach schlug er ihr wiederholt in den Bauch, bis sie eine Fehlgeburt erlitt“.

Michelle musste hingegen Amanda bei ihrer Entbindung von Jocelyn helfen. Es gab Probleme, weil das Baby zunächst minutenlang nicht atmete. „Michelle sagte aus, Ariel habe ihr gesagt, dass er sie töten würde, wenn das Baby sterbe“, so der Bericht. Michelle rettete das Kind daraufhin durch Mund-zu-Mund-Beatmung. Einen Arzt sahen die jungen Frauen und das Kind nicht.

Nur zweimal während ihrer Leidenszeit hätten sie das Haus verlassen dürfen, aber nur, um in den Garten und in eine zu Castros Haus gehörende Garage zu gehen, sagen die Frauen. Dies geschah möglicherweise, als Castro doch einmal Gäste in seinem Haus hatte. Ein Mitglied der Salsa-Band, in der Castro spielte, hat ausgesagt, er sei zumindest einmal in dem Haus gewesen, habe dort aber keine weitere Person wahrgenommen.