Autobiografie

„Hör auf zu lügen“

| Lesedauer: 6 Minuten

Sex, Mord, Freispruch und ein neuer Prozess: Das Justizdrama um Amanda Knox ist komplex. Jetzt packt der „Engel mit den Eisaugen“ aus

Es war einer der spektakulärsten Mordfälle der vergangenen Jahre. Als Verdächtige in einem schlagzeilenträchtigen Justizdrama erregte die US-Studentin Amanda Knox weltweit Aufsehen. Die hübsche Amerikanerin mit den blauen Augen studiert im Spätherbst 2007 im italienischen Perugia, als dort ihre britische Mitbewohnerin Meredith Kercher, 21, mit durchschnittener Kehle, halb nackt und von Messerstichen übersät tot aufgefunden wird. Die Rede ist von wilden Sexspielen. Knox und ihr damaliger Freund Raffaele Sollecito beteuern ihre Unschuld. 2009 werden sie in einem Indizienprozess zu über 25 Jahren Haft verurteilt. In einem abgetrennten Verfahren wurde der Ivorer Rudy Guede wegen Beihilfe zum Mord zu 30 Jahren Haft verurteilt.

Vier Jahre nach dem umstrittenen Schuldspruch hob ein Berufungsgericht die Strafe im Jahr 2011 wieder auf. Knox, der „Engel mit den Eisaugen“ wie die Medien sie während des Prozesses nannten, und Sollecito wurden freigelassen. Nur Guede, ein Staatsbürger der Elfenbeinküste, dessen Strafe auf 16 Jahre reduziert wurde, blieb in Haft.

Seit ihrer Entlassung lebt Knox wieder in Amerika, in Seattle. An diesem Dienstag kommt ihre Autobiografie „Waiting To Be Heard“ (dt. Titel „Zeit, gehört zu werden“, Droemer-Knaur-Verlag) unter anderem in Deutschland, Frankreich, Österreich und in ihrem Heimatland auf den Markt. Am selben Tag strahlt der US-Sender ABC ein Interview mit der 25-Jährigen aus. Schon jetzt werden immer mehr Einzelheiten bekannt. Auf knapp 500 Seiten schreibt Knox über ihren Prozess, ihre Ängste und ihre Gedanken, Selbstmord zu begehen. Schwere Vorwürfe erhebt sie gegen die italienische Justiz und ihre Gefängniswärter. Von ihnen soll sie sexuell belästigt worden sein.

Ihr Buchverleger hofft auf reißenden Absatz. Der Washingtoner Staranwalt Bob Barnett, der schon den US-Präsidenten Barack Obama und Bill Clinton zu literarischen Erfolgen verholfen hat, handelte für Knox einen Vertrag über einen Vorschuss von vier Millionen Dollar aus. Ihre Enthüllungen würden die Leser „bis ins Mark schockieren“, prophezeite Barnett kürzlich im Branchenblatt „Hollywood Reporter“. Die deutsche Ausgabe ist 542 Seiten stark.

Nackt zur Untersuchung

Ihr Martyrium soll bereits kurz nach der Verhaftung am 6. November 2007 begonnen haben, schreibt Knox in ihren Erinnerungen. Damals musste sie sich auf der Polizeistation für eine Untersuchung nackt ausziehen. Ein Arzt habe zunächst ihre Arme, ihre Hände und ihre Beine vermessen. „Später erst verstand ich, dass sie damit Beweise suchten, die mich mit dem Verbrechen in Verbindung brachten“, schreibt Knox.

Danach musste sich die damals 20 Jahre alte Studentin „hinstellen und die Beine auseinanderspreizen“. Der Arzt habe sie „mit den Fingern im Intimbereich angefasst“. Er habe ihre „Vagina gemessen und sogar von ihr Fotos gemacht“. Die ganze Zeit hätten dabei mehrere Polizisten zugeschaut. Bei ihrem Verhör sei sie dann von den Ermittlern zu einem Geständnis gezwungen worden, das sie später widerrief. Besonders aggressiv sei eine Polizistin gewesen, die sie „immer wieder mit der Hand auf den Hinterkopf geschlagen“ habe. Ein anderer soll ihr gedroht haben. „Hör auf zu lügen“, habe er sie angebrüllt.

Später im Gefängnis sei es dann laut Knox zu weiteren sexuellen Übergriffen gekommen. Eine bisexuelle Zellennachbarin habe versucht, sie zu verführen und sie auf den Mund geküsst. Knox konnte ihre Avancen aber abwehren.

Schwieriger soll es mit dem Vizedirektor des Gefängnisses, Raffaele Argrio, gewesen sein. Er habe sie immer wieder bedrängt. „Ich höre, dass du Sex magst“, soll Argrio laut Knox gesagt haben. „Wie hast du es denn am liebsten? Welche Stellung magst du? Möchtest du Sex mit mir haben? Oder bin ich dir zu alt?“

„Ich habe erst gedacht, ich versteh ihn nicht richtig“, schreibt Knox, die im Gefängnis unter dem Spitznamen „Foxy Knoxy“ bekannt war. Doch dann wurde ihr schnell klar, was er wollte. Sie habe versucht, ihn mit anderen Gesprächen abzulenken, doch er habe immer nur das eine gewollt. „Er war wie besessen vom Thema Sex“, so Knox.

Argrio soll bei jeder medizinischen Untersuchung der jungen Frau dabei gewesen sein. Einmal habe er sie angelogen und behauptet, dass sie HIV positiv sei. „Mach dir keine Sorgen“, soll er sie beruhig haben. „Ich möchte immer noch mit dir Sex haben. Versprichst du mir, dass du es mit mir machst.“ Argrio, mittlerweile in Pension, hat die Vorwürfe von Knox als Lügen zurückgewiesen.

Panikattacken kurz vor dem Urteil

Knox spricht in ihrem Buch aber auch von ihren Ängsten und über ihre Selbstmordgedanken. „Kurz vor dem Urteil hatte ich bereits Panikanfälle“, schreibt sie. Sie sei so aufgeregt gewesen, dass sie „keine Luft mehr bekommen“ habe und „ihr immer wieder schwindelig“ wurde. Nur der Besuch eines katholischen Priesters habe sie beruhigen können.

Nach dem Urteil habe sie auch an Selbstmord gedacht. „Erst wollte ich mich mit einem Plastikbeutel über den Kopf ersticken“, schreibt sie. Andere Gefangene hätten das so versucht. „Ich habe mir vorgestellt, dass ich so ganz ruhig und ganz langsam in den Tod gehen würde. Ich habe mich sogar als Leiche gesehen.“ Doch der Gedanke an eine Zukunft in Freiheit habe sie von diesem ultimativen Schritt abgehalten.

Seit ihrer Rückkehr 2011 in die USA versucht Amanda Knox, in ein normales Leben zurückzukehren. In der neuesten Ausgabe der US-Zeitschrift „People“ offenbart Knox, dass sie immer noch von Ängsten und Verzweiflung eingeholt werde. Das würde ihr Herz zum Rasen bringen und sie lähmen. Inzwischen studiert sie wieder und ist mit einem früheren Freund zusammen. Zu dem neuen Prozess will Knox nicht nach Italien reisen. Auch wenn der „Eisengel“ nun auspackt, ist es bestimmt nicht das letzte Wort in dem ungeklärten Mordfall.