Kriminalität

Rentner erschießt Landrat

In Hameln betritt ein 74-Jähriger das Büro des Politikers und schießt mehrfach auf ihn. Mitarbeiterinnen alarmieren Polizei

Wie aus dem Bilderbuch für vorbildliche Kommunalpolitiker: Hamelns Landrat Rüdiger Butte (SPD), 63 Jahre alt, seit einer halben Ewigkeit verheiratet, zwei erwachsene Kinder, fünf Enkel, davon drei Mädchen, die beiden Jungs sind Zwillinge. Butte fährt Rad mit seiner Frau Renate, die beiden reisen gerne. Dann betritt am Freitagmorgen ein Mann mit einer Smith & Wesson 357 Magnum Buttes Landratsbüro und schießt. Einmal, zweimal, dreimal. Alles ist aus.

Man weiß noch nicht so viel über das Wie und Warum. Und der Mann, der es vielleicht hätte erklären können, ist ebenfalls tot. Der Täter, der 74 Jahre alte Hans B. aus Buttes Landkreis Hameln-Pyrmont, richtete sich unmittelbar nach seiner Tat selbst. Also bleiben vorerst nur Fassungslosigkeit und Entsetzen.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) ist einer der Ersten, die den Schock in Worte fassen. „Wir stehen tief betroffen vor der Nachricht des tödlichen Mordanschlags auf Rüdiger Butte. Dieser war ein herausragender Vertreter der Polizei und der kommunalen Selbstverwaltung. Ich habe ihn als durch und durch freundlichen Menschen erlebt.“ Rund 700 Menschen haben am Freitagabend bei einer Trauerandacht des ermordeten Hamelner Landrats Rüdiger Butte gedacht.

In Hameln versuchen Polizei und lokale Presse derweil, die Fakten zu sortieren. Als Hintergrund vermutet die Polizei jahrelange verwaltungsrechtliche Auseinandersetzungen des Mannes mit dem Landkreis. Hans B. wurde 2009 wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt. Die Erlaubnis, eine Waffe zu besitzen, war ihm bereits 1988 entzogen worden – die Tatwaffe besaß er somit illegal. Darüber hinaus war er der Polizei wegen Betrugs und Körperverletzung bekannt.

Der Innenminister, Boris Pistorius (SPD), reiste am Freitag an. „Mir fehlen die Worte nach solch einer grausamen Tat“, lässt er mitteilen. Butte sei ein gradliniger, kompetenter und erfahrener Kommunalpolitiker sowie ein ausgewiesener Kriminalist und allseits geschätzter Kollege in der Polizei gewesen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) reagiert mit großer Erschütterung und Trauer. Butte sei ein „überaus fachkundiger und sehr akzeptierter Fachmann in Fragen der inneren Sicherheit“ gewesen, sagt GdP-Landeschef Dietmar Schilff.

Rüdiger Butte war seit 2005 Landrat in Hameln-Pyrmont. Zuvor hatte er Karriere als Polizist gemacht – ein Beruf, den er, wie er selbst sagte, „mit Herzblut“ ausgeübt hatte. Bis zum Direktor des Landeskriminalamts Niedersachsen hatte er es gebracht. Zwischendrin war er auch für die Weltausstellung Expo zuständig und für diverse Castortransporte, bei denen er den Polizeieinsatz führte. Als Landrat hatte er vor allem auch den demografischen Wandel und die Wirtschaftsentwicklung im Blick. „Die Region muss attraktiver werden für die Wirtschaft“, hatte er vor seinem Amtsantritt gesagt.

Mitarbeiter schlossen sich ein

Wichtig, so schreibt es Butte auf seiner Homepage, seien ihm dabei immer die Menschen gewesen, ein klares Wort, Geradlinigkeit, Transparenz, Vertrauen. Die Schüsse auf ihn waren gezielt und geplant. Der Rentner hatte sich offenbar im Landratsbüro von Rüdiger Butte angemeldet und das Zimmer des Verwaltungschefs dann nach Aufforderung betreten. Dann feuerte der Mann die Schüsse aus einem Revolver ab. Nach der Tat erschoss er sich selbst. So rekonstruiert die Polizei die Ereignisse, Augenzeugen für das Verbrechen gibt es nicht. Hans B. hatte sich laut Polizei zwei Tage vor der Tat telefonisch um ein Gespräch mit Butte bemüht. Am Freitag sei es zu einem Treffen gekommen.

Die Sprecherin des Landkreises Hameln-Pyrmont, Sandra Lummitsch, hörte die Schüsse in einem benachbarten Büro. Lummitsch sagte, anschließend sei die Vorzimmerdame des Landrats in ihr Büro gelaufen und habe gerufen: „Etwas Schreckliches ist passiert.“ Die Sprecherin setzte einen Notruf ab. Danach habe sie sich mit der Kollegin im Büro eingeschlossen. Der Täter sei ihr bisher nicht bekannt gewesen, sagte Lummitsch. Die Mitarbeiter der Kreisverwaltung wurden nach Hause geschickt. Einige wurden am Tatort noch von einem Notfallseelsorger betreut.

Medial über Niedersachsens Grenzen hinaus bekannt wurde Butte unter anderem durch die „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm. 2004 habe Maria Furtwängler für ihre Rolle im LKA-Schießkeller den Umgang mit Pistolen gelernt. „Inzwischen ist sie auch Hauptkommissarin ehrenhalber und hat sogar einen Polizeiausweis“, sagte Butte damals. Außerdem hatte er dafür gesorgt, dass Polizeischüler in einer „Tatort“-Folge mitspielen durften.