Prozess

Schuldlos in Haft

Fünf Jahre war Horst Arnold fälschlicherweise wegen Vergewaltigung im Gefängnis, dann starb er. Sein Bruder will nun Gerechtigkeit für ihn

Sein Bruder Stefan ist gekommen, seine 23-jährige Tochter auch. Nur Horst Arnold selbst kann nicht mehr dabei sein in diesem hellen, altehrwürdigen Gerichtssaal A213 im Darmstädter Landgericht, in dem seine mutmaßliche Fehlbeschuldigerin in den kommenden Wochen unter anderem einer jungen Richterin Rede und Antwort stehen soll. Der Beklagten drohen wegen schwerer Freiheitsberaubung infolge einer falschen Beschuldigung wegen Vergewaltigung ein bis zehn Jahre Haft.

Der Biologie- und Sportlehrer Horst Arnold war beschuldigt worden, seine Kollegin vergewaltigt zu haben. Fünf Jahre lang hatte er im Gefängnis gesessen, 2012 starb er an einem Herzinfarkt – im Alter von 53 Jahren. „Das System hat ihn kaputtgemacht“, sagt sein Bruder Stefan im Darmstädter Landgericht zum Prozessauftakt.

Damit bleibt Horst Arnold aber auch erspart zu erleben, wie Heidi K., die ihn mit falschen Aussagen überhaupt hinter Gitter brachte, felsenfest an allen Vorwürfen festhielt. Und das, obwohl das Landgericht Kassel im Sommer 2011 das Urteil gegen Arnold eindeutig und ohne jeden Zweifel einkassiert hatte.

„Herr Arnold wurde zu Unrecht zu fünf Jahren Haft verurteilt“, sagt Oberstaatsanwalt Klaus Reinhardt, und es wirkt, als müsse er dabei die Zähne zusammenbeißen. „Glauben Sie mir, es ist keine Freude, einen solchen Fall eines ungerechtfertigten Urteils zu haben.“ Zu der Frage einer Reporterin, ob die Staatsanwaltschaft nicht hätte besser ermitteln müssen damals, in den Jahren 2001 und 2002, will sich Reinhardt nicht äußern.

Eine Entschuldigung fehlt bis heute

Damals sei nicht in alle, sondern nur „in eine Richtung ermittelt worden“, wirft nun Bruder Stefan Arnold der Staatsanwaltschaft vor. Man habe seinem Bruder nicht glauben und noch im Gefängnis immer wieder zu einem Geständnis bringen wollen – mit dem Versprechen der vorzeitigen Entlassung. „Er hat sich nicht unterkriegen lassen. Aber selbst, als seine Unschuld klar war, hat ihn der Staat im Regen stehen lassen.“

Bis heute sei keine Entschuldigung von der Justiz oder dem Kultusministerium gekommen, das Arnold nicht wieder einstellen wollte, und es habe nie Versuche gegeben, den einstigen Lehrer wieder zu integrieren. Arnold lebte von Hartz IV, bis er im Sommer 2012 starb – just an dem Tag, an dem die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen gegen Heidi K. abschloss und die Anklage vorbereitete.

Stefan Arnold ist traurig, aber auch empört, und vor allem entschlossen: „Unsere Familie will, dass diese Frau nie wieder ein Verbrechen begehen kann.“ Diese Frau, damit ist Heidi K. gemeint, heute 48Jahre alt und vor zwölf Jahren eine frischgebackene Kollegin von Horst Arnold an einer südhessischen Gesamtschule. Im Sommer 2001, gerade mal drei Wochen nach ihrem ersten Arbeitstag in der Schule, hatte die aus Nordrhein-Westfalen nach Hessen versetzte Frau behauptet, Arnold habe sie in einem Biologievorbereitungsraum schwer vergewaltigt.

Im Rückblick ist schwer nachzuvollziehen, wie leichtfertig das Gericht damals mit dem schweren Vorwurf umging. Die Frau hatte zwar in Verhören bei der Polizei angegeben, blaue Flecken, Kratzer und Blutungen aus After und Vagina zu haben. Doch niemand nahm die angeblichen Verletzungen in Augenschein, es existieren keine Fotos. Der Frau wurde, wie es scheint, einfach geglaubt. Der Prozess gegen Arnold, er dauerte bloß fünf Verhandlungstage.

Den Fragen der Richterin will sie sich überraschend stellen. Die Medien, erläutert die Deutsch- und Biologielehrerin, hätten seit dem Wiederaufnahmeverfahren von Horst Arnold immer einseitig berichtet und sie „vorverurteilt“. Jetzt werde sie ihre Seite darstellen, „denn jede Medaille hat zwei Seiten“.

Stefan Arnold, der Bruder des toten, zu Unrecht beschuldigten Lehrers, kann nicht verstehen, dass das Vorleben von Heidi K. nie unter die Lupe genommen wurde bei jenem Prozess im Sommer 2002, der Horst Arnold ins Gefängnis brachte. „Dauernde Schulwechsel, drei gescheiterte Ehen mit damals 36, das hätte doch aufhorchen lassen müssen.“ Nicht einmal der Tatort sei begutachtet worden.

Der Prozess ist bisher auf sieben Tage angelegt. Die sehr sportliche, schlanke Frau, die nach eigenen Aussagen schon zig Therapien hinter sich hat, Familienaufstellung, Gestalttherapie und Traumatherapie eingeschlossen, wird dabei auch von einem renommierten Gutachter, dem Psychiater Norbert Leygraf, untersucht werden. Zudem sind viele Zeugen geladen.