Ermittlungen

Wende im Mordfall Peggy

Zwölf Jahre nach Tat nimmt die Polizei die Suche nach dem vermissten Mädchen wieder auf. Ihre Leiche soll in einem Brunnen liegen

Es könnte eine dramatische Wende im Fall der 2001 spurlos verschwundenen PeggyK. sein. Am Montagmorgen hat die Polizei ein Grundstück im fränkischen Ort Lichtenberg abgeriegelt. Hinter weißen Sichtschutzwänden und Absperrbändern suchten die Beamten nach der Leiche des Mädchens – sie hatte nur hundert Meter entfernt gewohnt. Die Beamten rückten mit einem Bagger an. Ihr besonderes Augenmerk galt dem Hof des Hauses. Unter dem Pflaster soll sich ein Brunnen befinden. Der schaurige Verdacht: Hier könnte Peggys Leichnam versteckt sein.

Die Beamten wollen am Dienstag zu der Zisterne vordringen. „Wir werden den Hof umgraben. Er ist ein möglicher Leichenablageort“, sagte ein Polizeisprecher der Berliner Morgenpost. „Die Arbeiten werden bis morgen dauern, aber über Nacht ruhen.“ Der Sprecher dementierte Meldungen, denen zufolge der Hausbewohner festgenommen worden sein soll. Der Mann sei lediglich befragt worden.

Zum Bewohner des Hauses machte der Sprecher keine Angaben. Auch woher die Hinweise auf das Anwesen stammten, wollte die Polizei nicht sagen. 2012 hatten Staatsanwaltschaft und Kripo Bayreuth in dem Fall mit neuen Ermittlungen begonnen. „Die Summe der Erkenntnisse hat uns veranlasst, hier Untersuchungen zu beginnen.“ Nach Informationen der Berliner Morgenpost handelt es sich bei dem Bewohner um einen Frührentner, der wegen des Missbrauchs zweier Mädchen im Alter zwischen sieben und zehn Jahren vorbestraft ist und drei Jahre im Gefängnis verbracht hat. Deshalb war sein Haus schon einmal im Oktober 2007 durchsucht worden.

Damals hatten die Polizisten ein Kinderunterhemd gefunden. DNA-Spuren von Peggy konnten darauf nicht nachgewiesen werden. Auch andere Hinweise auf das Mädchen hatten sich damals nicht ergeben. Kurz vor seiner Verurteilung habe der Rentner noch auf der Anklagebank beteuert, dass „mir der Mord an Peggy in die Schuhe geschoben werden sollte“, berichtete die „Frankenpost“. Das Unterhemd habe seine Frau zum Putzen benutzt, erklärte der Mann. Die neunjährige Peggy war 2001 verschwunden. Obwohl es weder eine Leiche noch Tatzeugen, Tatwaffe oder Tatspuren gab, wurde der geistig behinderte Gaststättenhelfer UlviK. wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Der damals 23 Jahre alte Mann hatte die Tat gestanden, später aber sein Geständnis widerrufen. Das Urteil ist aufgrund der dünnen Beweislage bis heute umstritten. Eine Bürgerinitiative setzt sich für ihn ein, sie versucht seit Jahren, seine Unschuld zu beweisen.

Der Frankfurter Anwalt Michael Euler, 32, hat erst vor zwei Wochen beantragt, den Fall seines Mandanten neu aufzurollen. „Es lässt sich nachweisen, dass Ulvi nicht der Täter sein kann“, sagt er. Eulers Antrag umfasst mehr als 2000 Seiten. Er wirft den damaligen Ermittlern unter anderem vor, Zeugen manipuliert und Zeugenaussagen, die seinen Mandanten entlasten, ignoriert zu haben. Ob es zur Wiederaufnahme des Verfahrens kommt, muss jetzt das Landgericht Bayreuth entscheiden.

Der Fall PeggyK. ist deshalb immer auch zugleich der Fall UlviK., und er lässt den Menschen in der Region keine Ruhe. Die einen sagen: Mit einem IQ von 67 könne er unmöglich das perfekte Verbrechen begangen und eine Leiche spurlos verschwinden lassen haben. Andere halten dagegen, dass der heute 35 Jahre alte UlviK. auch eine dunkle Seite ausgelebt habe. Er habe vor Kindern masturbiert oder sie betatscht. Die Polizei ging deshalb davon aus, dass er Peggy umbrachte, um eine Vergewaltigung des Mädchens zu vertuschen.

Ohne Anwalt verhört

Doch wer Ermittlungsbericht und Urteil studiert, stößt auf Merkwürdigkeiten. Vom ersten Geständnis fehlt zum Beispiel der sonst übliche Tonbandmitschnitt. Es gibt nur ein Gedächtnisprotokoll der Beamten. Der politische Druck auf die Polizei war damals sehr hoch. Trotz enormen Aufwands waren die Ermittlungen lange erfolglos verlaufen. Hundertschaften und Bundeswehrtornados suchten nach Peggy, fast alle Einwohner Lichtenbergs wurden vernommen. Ermittler folgten Spuren bis in die Türkei. Die Haupt- und Nebenakten sind 14.000 Seiten stark. Dann rückte UlviK. in den Fokus der Fahnder. Der Gaststättenhelfer, der aufgrund einer eitrigen Meningitis behindert ist, wurde lange und oft ohne seinen Anwalt verhört.