Interview

„Auch Bushido hat Feinde“

Ein ehemaliger Bekannter des Rappers bezweifelt, dass der allein aus Freundschaft eine Generalvollmacht erteilt hat

Der 35 Jahre alte Arye Sharuz Shalicar wuchs als Sohn jüdisch-iranischer Einwanderer im Berliner Bezirk Wedding auf. In seiner bei DTV erschienenen Autobiografie „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ beschreibt Shalicar den grassierenden Antisemitismus unter arabischen Jugendlichen, dem er jahrelang in Berlin ausgesetzt war. Im Jahr 2001 kehrte er der Szene den Rücken, wanderte nach Israel aus und studierte in Jerusalem. Heute ist er Sprecher der israelischen Armee. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost spricht Shalicar über seine Erfahrungen mit der Berliner Großfamilie, über die im Zusammenhang mit Bushido in den vergangenen Tagen berichtet wurde und welchen Einfluss deren Mitglieder auf den Rapper Bushido zu haben scheinen. Mit Arye Sharuz Shalicar sprach Morgenpost-Reporter Claus Christian Malzahn.

Berliner Morgenpost:

Herr Shalicar, Sie haben Ihre Jugend in der Hip-Hop und Graffiti-Szene in Wedding verbracht. Unter dem Pseudonym „Boss Aro“ waren Sie in der Graffiti-Szene eine Legende – und für die Polizei ein rotes Tuch. Haben Sie Bushido damals kennengelernt?

Arye Shalicar:

Wir kannten uns vom Hören und Sehen, hingen aber nicht zusammen rum. Aber wir hatten gemeinsame Freunde. Soweit ich weiß, war Bushido nicht weiter involviert in der Gang-Szene Berlins in den 90er-Jahren, während meiner und seiner Jugendjahre.

Bushido wird der libanesisch-palästinensischen Großfamilie aus Neukölln zugeordnet. Sagt Ihnen das was?

Natürlich. An denen kommt man in einem gewissen Milieu in Berlin nicht vorbei. Ich habe mit einzelnen Mitgliedern dieser Familie selbst nicht die besten Erfahrungen. Die sind in der Lage, aus dem Stand ein paar Hundert Männer zu mobilisieren. In Neukölln dominieren sie ganze Straßenzüge, darüber hinaus viele Läden, Imbisse, Geschäfte.

In Ihrer Autobiografie beschreiben Sie detailliert Ihr Leben als Jude in Wedding, zwischen Graffiti-Szene, Gangs und Hip-Hop. Sie mussten mehr als einmal um Ihr Leben laufen.

Ja, ich hatte Schutz vor bestimmten arabischen Clans insbesondere wegen meiner Freundschaft zu einer der Hauptfiguren des Weddinger kurdisch-libanesischen Clans, den ich in meinem Buch Husseyn nenne. Er war nicht der Chef, hatte aber großen Einfluss, auch auf Ältere.

Laut „Stern“ hat Bushido einem hochrangigen Mitglied des Clans eine umfassende Generalvollmacht erteilt. Wie interpretieren Sie das?

Damit hat er sich mit Haut und Haaren an diese Großfamilie verkauft. Wenn er singt, Platten macht, Geld verdient, dann für die. Das ist schon krass: Bushido ist nicht mehr Herr seines Lebens. Darüber entscheidet jetzt derjenige, auf den die Generalvollmacht ausgestellt ist.

Was steckt dahinter? Ist das ein Beweis für Freundschaft?

Ich bezweifle, ob das wahre Freundschaft ist. Im Grunde handelt es sich, bei allen Umarmungen und Beteuerungen, um ein kühles Geschäft. Der Deal funktioniert nur so lange, wie Bushido eine Marke ist und er Geld reinspült. Für den Clan ist er im Moment noch ein wertvolles Asset. Bushido hatte Zugang zur Prominenz, zuletzt sogar zur Politik.

Was denken Sie, wozu braucht Bushido diese Leute?

Auch Bushido hat Feinde. Und dass der Clan ihm damals geholfen hat, aus einem alten Vertrag bei einem Plattenlabel herauszukommen, betont Bushido ja selbst immer wieder. Seinem Image als Gangsta-Rapper hat die Nähe zum Mob bisher auch nicht geschadet.

In einem neuen YouTube-Video spricht Bushido auch über seinen Glauben und den Islam. War er als Jugendlicher auch schon religiös?

Um das zu beurteilen, kannte ich ihn nicht gut genug. Aber er wäre nicht der Erste, der plötzlich die Religion für sich entdeckt, teilweise auch als „Flucht“ vor dem harten Alltag. Ich hoffe nur, dass er die positiven Punkte der Religion aufnimmt und nicht plötzlich radikalislamische Hasstiraden von sich gibt. Das hat es auch schon gegeben, zum Beispiel beim inzwischen abgetauchten Berliner Rapper DesoDogg oder vielen Weddingern, die ich während meiner Jugendjahre kennengelernt habe.

Bereuen Sie eigentlich, Berlin und der Bundesrepublik den Rücken gekehrt zu haben?

Überhaupt nicht. Inzwischen ist auch mein kleiner Bruder hier. Darüber bin ich sehr froh. Mein Bruder war wie ich oft antisemitischen Angegriffen ausgesetzt. Da blieb es nicht bei verbalen Anfeindungen. Ich bin froh, dass er dem Wedding und dem Hass nun auch den Rücken gekehrt hat, bevor es womöglich zu einer Katastrophe gekommen wäre.