Medizin

Das Mädchen, das wie ein Wolf aussieht

Bhawana Thami leidet an einem seltenen Geschwür. Doch es gibt Hoffnung

Ein Bild geht um die Welt: ein kleines Mädchen mit rundem Köpfchen und traurig verzogenem Mund, die glänzenden Augen blicken verloren. Ihr halbes Gesicht ist von pechschwarzem Haar bedeckt, wie das glänzende Fell eines kleinen Tieres. An ihrem Ohrläppchen hängt ein silberner Ohrring, und wie eine Spiegelung dieses schimmernden Tropfens rinnt ihr eine einzelne silberne Träne über die schwarze Wange. Das Foto drückt tiefsten Kummer aus.

Bhawanas Eltern hatten nie einen Spiegel im Haus. Ein teurer Luxus sowieso für die arme Familie aus dem nepalesischen Dorf Dusikharka, zwei Tagesmärsche von der nächsten Stadt und rund 345 Kilometer von der Hauptstadt des Himalajastaates entfernt. Aber vor allem hatte die Familie Thami auch deshalb keinen Spiegel, damit die Kleine ihr Gesicht nicht ständig sehen musste.

Denn dieses Gesicht hat den Alltag des Kindes und sein Schicksal bestimmt. Bhawana Thami ist vor neun Jahren mit einer seltenen Krankheit auf die Welt gekommen, einem haarigen Melanom, das ihr halbes Gesicht einnahm und sie aussehen ließ wie ein kleines Affenmädchen.

Als Kleinkind war Bhawana arglos. Sie wusste nicht, dass sie entstellt war, hässlich, eine Ausgestoßene. Doch die Menschen redeten. Hinter ihrem Rücken nannten sie sie „Boksi“, eine Hexe. Ihrem Vater Kaluman Thami hat es das Herz gebrochen. Er erinnert sich genau an den Tag, als seiner kleinen Tochter ganz und gar bewusst wurde, dass sie anders war. Bhawana war damals acht Jahre alt, als ein achtloser Fotograf ein Bild von ihr knipste und es ihr anschließend zeigte.

Das Mädchen fiel aus allen Wolken: Es war entsetzt und voller Angst, angeekelt von ihrem eigenen Anblick. Zutiefst schockiert. Bhawana war in Tränen ausgebrochen und weinend davongerannt, um sich zu verstecken. Und Bhawanas Krankheit ist nicht nur ein soziales Stigma, sie ist auch gefährlich: Wird die wuchernde Haut nicht medizinisch behandelt, kann daraus Hautkrebs entstehen.

Doch die kleine Nepalesin hatte Glück. Die Kinderhilfsorganisation Child Workers in Nepal (CWIN) wurde auf sie aufmerksam. Ein Arzt aus der Hauptstadt Kathmandu erklärte sich bereit, sie unentgeltlich zu operieren. Die erste Operation im März 2012 dauerte sechs Stunden. Der in den USA ausgebildete plastische Chirurg Shankarman Rai ersetzte die behaarte Haut im Gesicht Bhawanas durch Haut aus ihrem Oberschenkel. Ein Jahr später, im vergangenen Februar, gelang es ihm, fast die gesamte Gesichtsbehaarung zu entfernen. Wenn sie 14 Jahre alt wird, muss sie dann ein drittes Mal unters Messer, um die restliche Haut zu transplantieren. Dann, so glaubt der Mediziner, wird von dem „Wolfsmädchen“ nichts mehr übrig sein.

Schon jetzt ist die Veränderung der kleinen Nepalesin erstaunlich: Aus dem tieftraurigen, völlig verschüchterten Kind ist ein fast normales Mädchen geworden. Eines, das sich heute traut, geradeaus, fast trotzig in eine Kamera zu blicken.