Gedenken

Abschied mit Queen, Pomp und Pathos

Die Briten geben der ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher in London das letzte Geleit. Sogar die Demonstranten halten sich zurück

Erstaunliche Stille liegt am Mittwochmorgen über der City von London. Unterbrochen nur von den Glocken von Westminster Abbey und St Paul’s Cathedral, von Trauermärschen, gespielt von der Band of The Royal Marines. Und vom Applaus der Menschen, die Margaret Thatcher entlang der einstündigen Prozessionsstrecke die letzte Ehre erweisen.

Keine lauten Protestrufe, von einzelnen Buhrufen abgesehen. Keine öffentliche Empörung mehr über die zwölf Millionen Euro teure Zeremonie. Keine Milchbäche, die ihre Gegner über die Fleet Street schütten wollten, in Erinnerung an die Schulmilchvergabe, die sie Anfang der 70er-Jahre als Bildungsministerin strich.

Als sei das Land müde des heftigen und mitunter bitteren Schlagabtauschs, den sich Thatchers Anhänger wie ihre Feinde seit dem Tod der 87-Jährigen vor zehn Tagen, am 8. April, geliefert haben. Rechts wie links haben sich an der Toten abgearbeitet. Sie selbst hätte nichts anderes erwartet, sagen jene, die sie gut kannten.

Sie polarisierte für ihr Leben gern, je schärfer die Debatte, umso mehr genoss sie diese. Wahrscheinlich wäre sie selbst von der respektvollen und ruhigen Atmosphäre auf den Straßen Londons, die ihr in den britischen Union Jack gehüllter Sarg passiert, überrascht, vielleicht sogar enttäuscht gewesen. Und ob es der Eisernen Lady gefallen hätte, dass ihr Amtsnachfolger und Parteichef der Konservativen, David Cameron, am Morgen im BBC-Radio gar verkündet hat, dass „wir jetzt alle Thatcherites“, Anhänger Thatchers, sind?

Um 10.59 Uhr, eine Minute früher als im von Thatcher größtenteils selbst verfassten Ablaufplan vorgesehen, schließen sich die Westportale von St Paul’s. Sechs schwarze Pferde der King’s Troops hatten den Sarg auf einer Geschützlafette hierher gezogen. In der Kathedrale sitzen 2300 geladene Gäste aus aller Welt, an ihrer Spitze Königin Elizabeth II., die keinem Premierminister seit Winston Churchill 1965 mehr diese Ehre erwiesen hat.

In den Bankreihen verfolgen der amtierende Premierminister Cameron und seine Vorgänger Gordon Brown, Tony Blair und John Major die Zeremonie. Schatzkanzler George Osborne läuft eine Träne über die bleiche Wange. Henry Kissinger ist unter den Gästen, Südafrikas ehemaliger Präsident Frederik Willem de Klerk, für die Bundesregierung Außenminister Guido Westerwelle. Showstars wie Joan Collins oder Andrew Lloyd Webber sind geladen, der Autor William Shawcross sowie 50 Veteranen des Falkland-Kriegs. Der Chor singt den vierten Satz aus Brahms Deutschem Requiem „Wie lieblich sind deine Wohnungen“. Vor dem Altar sitzt Thatchers Familie, die Zwillinge Carol und Mark und Thatchers Enkel.

Vor den Toren von St Paul’s harren derweil Zehntausende aus. „Sie war eine außergewöhnliche, bemerkenswerte Frau. Sie hat unser Land gerettet, als es endgültig den Bach herunterzugehen drohte“, sagt John Cook, 66, und Finanzmakler im Ruhestand. Er ist aus Nordlondon gekommen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. „Niemand konnte ihr gegenüber neutral bleiben, sie hat die Gesellschaft gespalten. Aber drei Wahlsiege beweisen, dass sie die Mehrheit hinter sich hatte.“

Auf der Rückseite der Kathedrale hat sich eine „Speakers’ Corner“ versammelt, jemand hat ein Megafon mitgebracht, es wird heftig diskutiert. Während eine alte Dame inbrünstig die Verdienste der Verstorbenen preist, tönt es von hinten „Dingdong, die Hex ist tot!“. Conrad, ein 22-Jähriger aus Yorkshire, singt den Song aus dem „Zauberer von Oz“, der per Facebook über Nacht zum Hit aller Thatcher-Hasser geworden ist. Ich war zu jung, aber mein Vater und mein Großvater haben sie erlebt. Sie war eine böse Frau, die den Norden unseres Landes zugrunde gerichtet hat.“ Trotzdem halten sich die Proteste im Rahmen, die Metropolitan Police, die auch wegen der Anschläge in Boston die Sicherheit noch einmal verstärkt und 4000 Beamte auf die Straßen geschickt hatte, berichtet zwar von „Gegenständen, die auf den Trauerzug geworfen wurden. Es handelte sich aber lediglich um Blumen.“

Um kurz nach 12 Uhr Ortszeit beginnen die Glocken von St Paul’s wieder zu läuten. Thatchers Sarg wird aus der Kathedrale getragen, Applaus und Hurra-Rufe branden auf. Endlich bricht die Sonne aus dem grauen Himmel. Am Nachmittag soll die Tote im Kreis der Familie eingeäschert werden. Als der Leichenwagen mit der 87-Jährigen langsam davonfährt, steht die fast 87-jährige Königin Elizabeth II. regungslos auf den Stufen des Gotteshauses und nimmt letzten Abschied.