Prozess

Die Brust aus dem Baustoffhandel

Der Prozess um die Billig-Implantate der französischen Firma PIPhat begonnen. 5000 Frauen klagen gegen den Hersteller

Mehr als 5000 Klägerinnen passen in keinen Gerichtssaal. Deshalb wurde der Prozess gegen fünf verantwortliche Führungskräfte des Billig-Brustimplantate-Herstellers PIP (Poly Implant Prothèse) gleich in das Kongresszentrum im Parc Chanot (Marseille) verlegt. Die Justizverwaltung erwartet, dass bis zu zehn Prozent der rund 5127 Klägerinnen, die sich bislang an der Sammelklage beteiligt haben, auch persönlich vor Gericht erscheinen wollen. Hinzu kommen mehr als 300 Anwälte, wenn einer der größten Medizinskandale der letzten Jahre verhandelt wird. Allein in Frankreich haben sich mehr als 30.000 Frauen seit Mitte der 90er-Jahre Brustimplantate des Herstellers PIP einsetzen lassen. In Deutschland sollen es rund 5000 Frauen sein.

Risse führen zu Entzündungen

Schon die Vorgeschichte des Skandals liest sich gruselig: Der exzentrische Firmengründer Jean-Claude Mas hatte die Silikonprothesen mit einem kostengünstigen Industrieprodukt hergestellt, das der deutsche Hersteller Brenntag eigentlich für den Baustoffhandel bestimmt hatte. Dieses Gel war zwar für Matratzen und Computer hervorragend geeignet, aber weniger für menschliche Brüste. Die Geleinlagen bekamen häufig Risse und sollen zu Entzündungen geführt haben. Nachdem sich solche Fälle bei PIP-Kundinnen häuften, warnten mehrere nationale Gesundheitsbehörden. Seit 2011 wurden die Patientinnen aufgefordert, sich die Problem-Implantate wieder entfernen zu lassen. Etwa die Hälfte aller PIP-Kundinnen in Frankreich soll dieser Empfehlung bisher nachgekommen sein. Wie groß der Anteil im Ausland ist, ist bislang unklar.

Die Firma wickelte einen Großteil ihres Geschäftes im Export ab. 84 Prozent ihres Umsatzes erzielte sie im Ausland in insgesamt 65 Ländern. Kostengünstige PIP-Implantate waren bei Frauen (und deren Männern) in Venezuela, Brasilien, Kolumbien und Argentinien besonders beliebt. 57 Prozent ihres Umsatzes erzielte die Firma in Lateinamerika, 28 Prozent in Europa. Seit diesem Mittwoch nun muss sich der Firmengründer Jean-Claude Mas gemeinsam mit vier seiner ehemaligen leitenden Angestellten wegen „schwerer Täuschung“ und „Betruges“ vor Gericht verantworten. In getrennten Verfahren wird zudem wegen „Körperverletzung“ und Finanzbetruges gegen das Unternehmen aus La-Seyne-sur-Mer ermittelt.

Den Angeklagten drohen bis zu sechs Jahre Haft. Mas hat bereits eingeräumt, seine Produkte mit dem Billiggel gefüllt zu haben, bestreitet aber, dass davon eine gesundheitsgefährdende Wirkung ausgehe. „Alle Silikon-Gele haben eine reizauslösende Wirkung“, behauptet Mas.

Der 73-Jährige räumte gegenüber den Ermittlern allerdings ein, die Kontrolleure des TÜV Rheinland, der die PIP-Implantate für Europa zertifizierte, systematisch getäuscht zu haben. Vor den Kontrollbesuchen der TÜV-Mitarbeiter ließ Mas Unterlagen mit Hinweisen auf das Billiggel und Container mit dem Produkt regelmäßig von Mitarbeitern verstecken. Dass die Implantate mit einem selbst zusammengerührten „Haus-Gel“ gefüllt wurden, war für Mitarbeiter der Firma offenbar kein Geheimnis. Neben Mas sind der Leiter der Geschäftsführung, Jean-Claude Couty, der Produktionsleiter Loïc Gossart, der technische Direktor Thierry Brinon und die Leiterin der Qualitätsprüfung, Hannelore Font, angeklagt.

„Es gibt die Tendenz, immer nur über Herrn Mas und Herrn Couty zu sprechen, aber es gibt noch drei weitere Verantwortliche. Vielleicht muss sich bei denen das Gewissen mit dem Mut verbünden, damit sie uns die Gründe erklären, die sie dazu gebracht haben, Geld als wichtiger anzusehen als die Gesundheit der Frauen“, sagte der Rechtsanwalt Philippe Courtois, der allein 2800 der betroffenen Frauen vor Gericht vertreten wird.

Hersteller längst pleite

Während Firmengründer Mas laut den Ermittlungsakten freimütig einräumt, das Billiggel statt des zehnmal so teuren, medizinisch aber weit weniger bedenklichen Nusil-Gels eingesetzt zu haben, wunderte sich Geschäftsführer Couty über die „mediale Aufregung“. Auch die übrigen Angeklagten gaben sich demonstrativ gelassen: Sie sagten in den Vernehmungen, aus Sorge um ihre Arbeitsplätze geschwiegen zu haben. Firmengründer Mas ist ohnehin überzeugt, dass er von seinen ehemaligen Kundinnen nur „wegen der Kohle“ verklagt wird. Naheliegender sind gesundheitliche Probleme: In bislang 4100 gemeldeten Fällen ist es bei 2700 Frauen zu Rissen von einem oder gar von beiden Gel-Implantaten gekommen.

In Frankreich haben sich inzwischen 15.000 Frauen die Implantate wieder entfernen lassen, davon 11.000 aus prophylaktischen Gründen. Frankreich ist allerdings auch eines der wenigen Länder, wo die Krankenkasse die Kosten für diesen Eingriff trägt. Unklar ist bislang, ob die PIP-Implantate auch das Krebsrisiko erhöhen. Bislang gibt es in Frankreich 64 gemeldete Fälle von PIP-Patientinnen mit Krebsdiagnose. Die Gesundheitsbehörde Inserm will nun in einer Zehn-Jahres-Studie prüfen, inwiefern ein Zusammenhang mit den Implantaten besteht.

Mehr als fraglich ist, ob die Klägerinnen im Erfolgsfall auf eine Entschädigung hoffen können. PIP ist pleite. Der TÜV Rheinland sieht sich auf der Seite der Opfer und hat sich ebenfalls als Nebenkläger angemeldet. Versicherungskonzerne wie die Allianz lehnen Zahlungen ab.