Handel

Die Spur des Fleisches

Auch in Berlin: Europäische Händler müssen 50.000 Tonnen Schlachtgut finden. In Deutschland sind mehr als 100 Betriebe betroffen

Der vor Monaten aufgedeckte, europaweite Betrug mit falsch deklariertem Pferdefleisch ist noch größer als bislang bekannt. Bereits seit mehr als zwei Jahren soll ein Großhändler aus den Niederlanden Pferdefleisch falsch etikettiert und verkauft haben. Bei ihren Nachforschungen stießen die Behörden laut EU-Kommission auf insgesamt 50.000 Tonnen Fleisch, bei denen die Herkunft unklar ist. „Die niederländischen Behörden haben bestätigt, dass Pferdefleisch mit Rindfleisch vermischt wurde“, sagte der Sprecher von Verbraucherschutz-Kommissar Tonio Borg am Donnerstag.

Auch in Deutschland 124 Betriebe von dem nun bekanntgewordenen Fall betroffen, darunter ein Berliner und fünf Brandenburger Betriebe. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz in Berlin wurde der Name des Unternehmens am Donnerstag über das europäische Schnellwarnsystem gemeldet. Es handle sich um einen angesehenen Zulieferer, vor allem für Hersteller von Fertigprodukten , sagte eine Sprecherin. Das zuständige Bezirksamt sei informiert.

Lebensmittelkontrolleure entnehmen nun bei der betroffenen Firma Proben und kontrollieren wiederum deren Lieferlisten. „Es ist bisher nicht bekannt, welche Chargen betroffen sind“, hieß es. Das Unternehmen könne die Ware bereits seit 2011 von dem niederländischen Hersteller bezogen haben. Die Senatsverwaltung wertet das Geschehen als Betrugsfall, eine Gesundheitsgefährdung bestehe nicht.

Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) erklärte, es seien praktisch alle Bundesländer betroffen. Sie schloss nicht aus, dass falsch etikettiertes Fleisch bereits gegessen wurde. Der Verzehr solcher Produkte sei aber nicht gesundheitsgefährdend. Die EU-Kommission rief dennoch dazu auf, die verdächtigen Produkte zu ermitteln und vom Markt zu nehmen. Der Schwindel sei im Rahmen der flächendeckenden Tests aufgefallen, die seit fünf Wochen in der gesamten EU bei Fleischprodukten, die laut Etikett Rindfleisch enthalten, gemacht würden.

Warnungen an alle Staaten

Die Länder sollten prüfen, ob noch Produkte mit verarbeitetem Fleisch aus dem betreffenden niederländischen Großbetrieb im Handel seien. Falls ja, sollten die Behörden diese bis auf weiteres zurückziehen. Eine entsprechende Warnung sei an alle EU-Staaten gegangen. „Alle nationalen Behörden sind nun informiert“, so die Behörde. Schon vor mehreren Wochen war ein großer Pferdefleisch-Skandal bekanntgeworden. In zahlreichen Tiefkühl-Fertiggerichten, die angeblich nur Rindfleisch enthalten sollten, wurde Pferdefleisch entdeckt. Ermittlungen zeigten, dass die Handelswege weit verzweigt waren und in verschiedene europäische Länder führten. Laut EU-Kommission ist von dem Großhändler in den Niederlanden zwischen dem 1. Januar 2011 und dem 15. Februar 2013 falsch etikettiertes Fleisch verkauft worden. Der größte Teil der 50.000 Tonnen Fleisch wurde laut den niederländischen Kontrollbehörden vermutlich bereits verzehrt. Doch ein Teil sei auch in Tiefkühlprodukten verarbeitet worden. Der Großhändler habe das Fleisch an rund 500 Betriebe geliefert, darunter 132 Betriebe in den Niederlanden und 370 in 16 EU-Staaten – auch an Deutschland.

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch führte den Skandal darauf zurück, dass bestehende EU-Verordnungen nicht eingehalten würden. „Würde von den Unternehmen auf jeder Handelsstufe verlangt, Auskunft über alle Vorstufen geben zu können, hätte kein seriöser Abnehmer bei dem holländischen Großhändler kaufen dürfen“, erklärte Foodwatch.

Ein Sprecher der Lebensmittelindustrie sagte, das Vertrauen der Verbraucher sei beschädigt. Alle Händler müssten die Ware aufspüren. Der verdächtige Unternehmer will nun gerichtliche Schritte gegen die Kontrollbehörde unternehmen. Die Maßnahme sei unbegreiflich, sagte sein Anwalt Frank Peters einem niederländischen Radiosender. „Das Fleisch kann man normal essen, und es wurde unter Aufsicht der Behörde verkauft.“

Zugleich fällte der Europäische Gerichtshof ein wegweisendes Urteil für künftige Fleisch-Skandale, das vor allem Deutschland betrifft: Behörden hierzulande dürfen auch dann öffentlich vor Ekel-Fleisch warnen, wenn dieses zwar nicht gesundheitsschädlich ist, wohl aber für den Verzehr ungeeignet. Der EuGH entschied, auch ein nur „ungeeignetes“ Lebensmittel erfülle nicht die Anforderungen an die Lebensmittelsicherheit. Das Gericht nahm zu einem Streit um verdorbenes Wildfleisch vor dem Landgericht München I Stellung. Das Passauer Unternehmen Berger Wild GmbH hatte Schadenersatz verlangt, weil das bayerische Verbraucherschutzministerium vor dem Verzehr des Wildfleischs gewarnt und über ekelerregende Zustände in der Firma berichtet hatte. Berger Wild meldete wenig später Insolvenz an.