Urteil

„Falscher Rockefeller“ geht in Berufung

Jury spricht Deutschen wegen eines Mordes aus dem Jahr 1985 schuldig

Wer wie Christian Karl Gerhartsreiter sein Leben nur auf Betrug und Lügen aufbaut, muss sich am Ende nicht wundern, dass ihm niemand mehr glaubt. Eine Jury in Los Angeles hat den als „falschen Rockefeller“ bekannten Deutschen am Mittwoch wegen Mordes an seinem Vermieter John Sohus schuldig gesprochen. Eine Tat, die 28 Jahre zurückliegt und für die es weder Zeugen, ein Motiv noch eindeutige Beweise gibt. Dem 52 Jahre alten Gerhartsreiter, der vor Gericht in einem blauen Jackett, weißem Hemd und grauer Freizeithose erschien, droht jetzt eine Gefängnisstrafe von 27 Jahren bis „lebenslänglich“. Das Strafmaß will Richter George Lomeli am 26. Juni verkünden. Die Verteidigung will in die Berufung gehen.

„Ich bin sprachlos und erleichtert“, sagte Ellen Sohus, die Schwester des Opfers nach dem Schuldspruch der Geschworenen. „Ich hatte Angst, dass dieser Typ, der über Jahre ohne Folgen so viele Menschen betrogen und belogen hat, auch diesmal davonkommt.“ Doch das Rechtssystem habe funktioniert. „Im Zweifel für den Angeklagten“ – bei vielen anderen Beschuldigten wären die sechs Männer und sechs Frauen der Jury diesem Grundsatz vermutlich gefolgt. Doch nicht bei Gerhartsreiter, der den Schuldspruch ohne Regung entgegennahm. Der notorische Lügner hatte seinen Kredit an Glaubwürdigkeit vermutlich bereits vor Prozessbeginn verspielt.

Um Gerhartsreiter den Mord nachzuweisen, hatte die Staatsanwaltschaft mehr als 40 Zeugen vorgeladen und 160 Beweisstücke vorgelegt. Die zwölf Geschworenen, die sich am Dienstag zu ihren Beratungen über das Urteil zurückgezogen hatten, folgten schließlich der Version der Anklage. Die Verteidigung hatte Freispruch gefordert. In ihrem Schlussplädoyer erklärte sie am Montag, dass die Schuld des Deutschen nicht zweifelsfrei erwiesen sei. Weder Augenzeugen noch kriminaltechnische Beweismittel wie DNA-Spuren würden den Angeklagten direkt mit dem Verbrechen in Verbindung bringen. Außerdem habe die Staatsanwaltschaft kein Motiv präsentiert. Gerhartsreiters Anwälte argumentierten, dass die verschollene Ehefrau des Mordopfers ebenso gut als Täterin in Frage komme.

Nach Angaben der Verteidigung will der Deutsche den Schuldspruch anfechten. „Er ist enttäuscht und besteht weiter auf seiner Unschuld“, sagte Anwalt Brad Bailey. „Morgen ist ein neuer Tag in diesem Fall.“ Sein Kollege Jeffrey Denner räumte ein, dass Gerhartsreiters betrügerische Vergangenheit die Verteidigung erschwert habe. Der Hochstapler wirke nicht unbedingt sympathisch, sagte Denner. „Aber das bedeutet nicht, dass er ein Mörder ist.“ Gerhartsreiter sitzt bereits seit mehr als vier Jahren im Gefängnis, ein Gericht im Bundesstaat Massachusetts hatte ihn 2009 wegen der Entführung seiner Tochter verurteilt. Der Deutsche aus Siegsdorf am Chiemsee war Ende der 70er-Jahre als Austauschschüler nach Amerika gekommen.