Musik

Vergesst doch mal die Präsidentengattin

Carla Bruni, früher Première Dame, kehrt mit „Little French Songs“ aus der Politik in die Popkultur zurück – und zwar erfolgreich

Man muss zugeben, dass die Voraussetzungen für dieses Comeback eher ungünstig sind. Als Carla Bruni vergangene Woche in Berlin bei der Echo-Verleihung auftrat, um den Song „Mon Raymond“ aus ihrem neuen Album „Little French Songs“ vorzustellen, saß der Besungene in der Amtsstube eines Richters in Bordeaux. Als die Anhörung vorbei war, hatte Nicolas Sarkozy ein Ermittlungsverfahren wegen „Ausnutzung von Schwäche“ am Hals. Er soll 2007 eine gebrechliche Milliardärin bezirzt haben, seine Wahlkampfkasse aufzufüllen.

Carla Bruni hat sich ihr Leben als Künstlerin nicht leichter gemacht, als sie sich 2007 bei einem Abendessen beim Pariser Werbeguru Jacques Séguéla ausgerechnet in Nicolas Sarkozy verliebte, den sie in den heiter-ironischen Zeilen von „Mon Raymond“ als echte „Kanone“, ja, als Typ mit „Atombombe“ beschreibt, als jemanden, der zwar Krawatte trägt, aber eigentlich „Pirat“ ist. Aus dem singenden Ex-Model Carla Bruni wurde im Februar 2008 die Präsidentengattin Carla Bruni-Sarkozy, eine Première Dame, die nicht mehr an ihren Liedern gemessen, sondern mitverantwortlich gemacht wurde für alles, was dem Gatten im Amt nicht gelang.

Dass ihr mit einem gewissen Geltungsdrang ausgestatteter Nicolas/Raymond beinahe platzte vor Stolz darüber, dass er eine Ex-Konkubine von Mick Jagger erobert hatte, erschwerte die Lage zusätzlich. Konservativ-schamhafte Franzosen waren entsetzt über einen Präsidenten im Liebesrausch, der sein Privatleben in der Öffentlichkeit zelebrierte. Carla Bruni hingegen hatte ein anderes Problem: Sie, die zuvor mit dem Publizisten Jean-Paul Enthoven und dann mit dessen Sohn, dem Philosophen Raphaël Enthoven, liiert war, stand schließlich im Ruf, eine Kaviar-Linke zu sein.

Die Franzosen glaubten ihr nicht

Indem die Tochter einer Konzertpianistin und eines Turiner Industriellen einen konservativen Präsidenten heiratete, verscherzte sie es sich nachhaltig mit ihrer Zielgruppe. Die Verkaufszahlen ihres Albums „Comme si de rien n’était“, das im Sommer 2008 erschien, lagen deutlich unter dem ihres millionenfach verkauften Debüts „Quelqu’un m’a dit“ aus dem Jahr 2002. Die Franzosen wollten ihr offenbar nicht abnehmen, dass „nichts gewesen wäre“. Nun ist Carla Bruni mehr als fünf Jahre lang nicht aufgetreten, sieht man einmal von einer Geburtstagsgala für Nelson Mandela in New York ab. In der Zwischenzeit bemühte sie sich nach Kräften, als Première Dame halbwegs diskret „bella figura“ zu machen.

Im Nachhinein muss man einräumen, dass der höheren italienischen Tochter dies ganz gut gelungen ist. Bei Staatsbesuchen und sonstigen Auftritten sah sie perfekt aus und klopfte dem Gatten bei Bedarf die Fussel vom Revers. Carla Bruni engagierte sich derweil im Kampf gegen Aids und hielt sich ansonsten zurück. Im Oktober 2011 brachte sie die gemeinsame Tochter Giulia zur Welt. Erst als die Umfragen im vergangenen Frühjahr keine Rettung mehr für Nicolas Sarkozy verhießen, beteiligte sie sich mit Interviews am Wahlkampf.

Die Niederlage kam, und Carla Bruni widmete sich wieder der Arbeit an ihrem Album. Einen Großteil der Lieder hat sie bereits 2010 geschrieben, mit den Aufnahmen begann sie im Februar 2011. Nach der Geburt ihrer Tochter ließ sie die Dateien erst einmal liegen. Ihre Stimme, die etwas rauchiger und tiefer geworden ist, sang sie im September letzten Jahres ein. Produziert hat das Album Bénédicte Schmidt, die Ehefrau des Toningenieurs Dominique Blanc-Francard, mit dem Carla Bruni ihr Debütalbum produziert hatte. Das war eine kluge Entscheidung, denn Carla Bruni klingt jetzt wieder wie Carla Bruni 2002, nur ein bisschen weiser. „Little French Songs“ hat sie ihre Platte genannt, und man darf diesen Titel wohl als eine Art Demutsgeste begreifen: Hier bin ich wieder, vergesst doch mal, dass ich Präsidentengattin war, ich singe bloß ein paar kleine französische Liedchen.

Album, das sich sehen lassen kann

Bruni hat mit „Little French Songs“ ein sehr schönes Chanson-Album vorgelegt, das beinah surfend daherkommt und auf kunstvolle Art hin- und herwogt zwischen lebensklug-sanfter Ironie und der edlen Melancholie. Sie weiß auch keinen Ausweg aus der Midlife-Crisis, aber sie schreibt wenigstens gute Texte darüber. Bruni trauert in „Darling“ um ihren verstorbenen Freund François Baudot, sie träumt sich in einen bekifften Sommer mit „Keith et Anita“, sie denkt in „Liberté“ über die Dialektik der Freiheit nach.

Sie behauptet nach vier Jahren als hauptberuflicher Première Dame in leicht straßengörigem Ton, sie sei überhaupt keine Dame: „Pas une dame“. Und zum Schluss verhöhnt sie dann noch diesen ungehobelten Pinguin, der keinen Handkuss beherrsche und irgendwie verloren in seinem Garten herumstehe. Französische Journalisten vermuteten dahinter eine Abrechnung mit François Hollande, der die Familie Bruni-Sarkozy bei der Amtsübergabe taktloserweise nicht zum Wagen geleitet hatte und auf dem offiziellen Präsidentenfoto von Raymond Dépardon in der Tat verloren im Élysée-Garten herumsteht. Carla Bruni hat selbstredend in allen Interviews bestritten, dass es sich beim Pinguin um den aktuellen Präsidenten handle. Das sei bloß eine Metapher. Auch diese Verblüffung hat Carla Bruni sehr gut gespielt.