Fernsehen

Hecks heile Welt

Der ZDF-Moderator schwärmt von Himbeertorte, Hitparade und dem deutschen Schlager

Die Eingangshalle des Berliner Hotels „The Westin Grand“ ist sechs Stockwerke hoch. Die Zimmer öffnen sich zu ringförmigen Balkonen, die ein Atrium bilden, von oben fällt ein wenig Licht auf ein Podium, auf dem Sofas und Sessel an niedrigen Tischen ordentlich zum typischen öffentlichen Wohnzimmer einer Luxusherberge arrangiert sind: Einladend soll die Lobby wirken, aber bitte geschmackvoll bleiben, mit der beige-braunen Eleganz des Früher-war-nicht-alles-schlecht, in der sich eine distinguierte Klientel besonders wohlfühlt. Fast versteht es sich von selbst, dass das ZDF hier seine Stars unterzubringen pflegt.

Und als sich die Aufzugtür im hinteren Teil der runden Lobby öffnet und Dieter Thomas Heck im leuchtend roten Sakko suchend rechtsherum geht und seine Frau Ragnhild im leuchtend roten Pulli linksherum, da fragt man sich kurz, ob man in eine neue Staffel von „Lerchenberg“ geraten ist, dieser Satireserie, mit der Sascha Hehn und das ZDF sich derzeit selbst auf die Schippe nehmen. Wir haben uns verabredet, weil der Sender dieser Tage sein 50-jähriges Bestehen feiert, und Dieter Thomas Heck 40 davon im ZDF moderiert hat. „Schätzelein, ich hab sie schon gefunden!“ dröhnt der berühmte Hecksche Bariton vermutlich alle sechs Stockwerke hoch durch die Halle, als er die Journalistin entdeckt hat. Aber Schätzelein kümmert sich schon um den richtigen Tisch: „Hier ziehts nicht so, mein Schatz.“

27 Millionen Zuschauer

Schätzelein, Schatz und „mein Mädchen“, wie die Journalistin im Folgenden liebevoll genannt werden wird, freuen sich gemeinsam ausgiebig über dieses nette Treffen in dieser wirklich ganz perfekten Sofaecke und beschließen frohgemut, erst einmal gemeinsam die Kuchenauswahl in Augenschein zu nehmen, die zur Kaffeezeit auf dem obligatorischen Lobbyflügel bereitsteht. Offensichtlich ist Hecks Gattin nur mitgekommen, um nach dem Rechten zu sehen, sie selbst will keinen Kuchen, aber seine Himbeer-Marzipantorte („Ohh, guckt mal, die macht doch was her!“) wird unkommentiert genehmigt, „mein Mädchen“ entscheidet sich für eine Pfirsich-Tarte. Mit dem Ehepaar Heck hat sogar der Gang ans Kuchenbüfett etwas von fröhlichem Wanderausflug.

Nachdem wir uns wieder gesetzt haben, und nachdem auch die Getränkebestellzeremonie erledigt ist („Ich nehme einen schönen Earl Grey“ – „Ach, den nehme ich auch!“ – „Ich hätte gerne einen Kaffee mit Milch“ – „Einen Latte macchiato?“ – „Hmm, ja…“ – „Schatz, der ist aber mit Espresso“ – „Ach, dann lieber einen Kaffee mit Milch“), reden wir über die „Hitparade“, die im Januar 1969 auf Sendung ging. Wer in den 70er-Jahren ferngesehen hat, hat die ZDF-„Hitparade“ gesehen. Wenn einmal im Monat ausschließlich deutschsprachige Interpreten ausschließlich live sangen und sich dem Postkartenvotum der Zuschauer stellten, schalteten bis zu 27 Millionen ein – ja, 27, es war die Zeit vor RTL & Co.

Was die mediale Aufmerksamkeit angeht, so war die ZDF-„Hitparade“ das RTL-Dschungelcamp der 70er. Aber sie war ein Kind der Liebe, der Liebe Hecks zum deutschen Liedgut. Während seiner Zeit als Moderator beim Saarländischen Rundfunk erfand er die „Deutsche Schlagerparade“ – sie war der äußerst erfolgreiche Radio-Vorläufer der ZDF-Sendung: „Englische Songs behandelten doch genau dieselben Themen wie der deutsche Schlager. Aber ich wollte, dass die Menschen verstehen, um was es geht. Die Sprache, die man im Herzen trägt, geht vom Herzen zum Herzen. Als mein Nachfolger Viktor Worms 1985 die Hitparade übernahm und auf Englisch gesungene Lieder erlaubte, ging der Reiz der Sendung verloren. Einmal im Monat wird man sich ja wohl noch Deutsch erlauben dürfen in diesem unseren Lande, um mit dem Kanzler zu sprechen.“

Der Kanzler, den Heck meint, ist Helmut Kohl. Im Grunde ist Dieter Thomas Heck der Helmut Kohl der deutschen Fernsehunterhaltung. Immer da, immer gleich. Als Heck mit dem Gedanken konfrontiert wird, herrscht ein paar Sekunden andächtige Ruhe am Tisch. Ragnhild Heck ist gerührt: „Das ist ja niedlich.“ Heck scheint es nicht fassen zu können: „Das ist ein tolles Kompliment!“

Die Bundesrepublik war zur Blütezeit der „Hitparade“ allerdings eine andere als das Deutschland Kohls. Hängt der Erfolg der Sendung mit der Sehnsucht nach einer heilen Welt zusammen? Ragnhild Heck antwortet sofort: „Bestimmt!“ Ihr Mann lehnt sich erst einmal zurück: „Und wenn es so wäre, wär das nicht schlimm!“ Heck bleibt gelassen: „Der Schlager ist eine sehr schicke Wegwerfware, die ich heute glücklich vor mich hin pfeife, morgen kaufe, und übermorgen pfeif ich was Neues.“

Aber durch die Privatsender sei Fernsehen sehr oberflächlich geworden, sagt Heck. „Es ist kein Tiefgang mehr da. Wir hatten ja selbst bei der ,Hitparade‘ Tiefgang.“ Da bleibt die Gabel mit der Pfirsich-Tarte auf halber Strecke zum Mund in der Luft stehen. „Bei manchen meiner Ansagen musstest du schon nachdenken – ,Wie hat der Heck das jetzt gemeint?‘“ Während man noch krampfhaft überlegt, wie der Heck das jetzt gemeint hat, kommt seine Ehefrau zu Hilfe: „Na ja... Also, ich weiß nicht… Aber ich weiß, was du meinst, Schatz. Wenn man zum Beispiel ein Format wie ,Deutschland sucht den Superstar‘ nimmt...“ Der Ehemann nickt heftig: „Ach Gott, ja! Was der Dieter so manchmal von sich gibt – das hätten wir nie gewagt. Wobei ich ihn sehr gerne mag, den Dieter!“ Gemeint ist Bohlen.

Puls eines Fallschirmspringers

In der Welt des Schlagers, wo die Interpreten für den Künstlernamen einfach ihre Vornamen aneinanderzureihen pflegen, duzt man sich. Und mit der patriarchalischen Knuffigkeit des Großonkels, dem man für seinen Überschwang einfach nicht böse sein kann, schließt das allumarmende Du auch jene ein, die ihre Außenseiterrolle pflegen. Grönemeyer und Lindenberg zum Beispiel, die nie in der „Hitparade“ aufgetreten sind: „Der Herbert hat immer gesagt, Dieter, ich singe keine Schlager. So wie der Udo: ,Du willst doch wohl nicht sagen, dass das, was ich mache, Schlager sind?‘ Sag ich: ,Du, die hören sich aber so an. Ist höchstens eine andere Art, sie zu singen.‘“ Die neue Deutsche Welle hingegen hatte keine Berührungsängste, sie kamen alle: „Ich hab immer vom deutschen Schlager geredet, nun hatten wir eine ganze Welle! Fantastisch! Wenn ich so an Kralle, Peter und Stefan denke – ,Da da da‘ – toll!“ Dieter Thomas Heck ist wahrscheinlich der Einzige, der Trio bei den Vornamen nennt.

Heck moderierte die „Hitparade“ bis 1984, außerdem das Quiz „Die Pyramide“ und Shows wie „Melodien für Millionen“. 2007 nahm er seinen offiziellen Abschied. Jetzt werden die Hecks von ihrem Haus im spanischen Águilas nur noch für besondere Anlässe eingeflogen. Ragnhild ist Hecks zweite Ehefrau, und in ihrem Turteltaubentechtelmechtel scheinen sie ein entwaffnender, wenn auch irritierender Beweis für den Wahrheitsgehalt jeder deutschen Schlagerzeile: „Er gehört zu mir“ von Marianne Rosenberg etwa.

Ragnhild ist heilfroh, dass ihr Mann endlich ein paar Gänge runterschaltet. Die Zeitschrift „Hörzu“ ließ vor einer „Hitparade“ mal Herz und Puls testen: Heck hatte die Werte eines Fallschirmspringers vor seinem ersten Sprung. „Das kann mir niemand bezahlen, was ich da immer durchmache“, sagt Ragnhild Heck. „Und es wird immer schlimmer! Schatz, wir müssen deine Auftritte wirklich extrem reduzieren. Nur noch für ganz wichtige Geschichten. Das ist wirklich ein Albtraum!“ „Ja ja, mein Mäuschen. Aber sonst bin ich so lieb.“ „Das ist richtig, mein Schätzlein, aber eine Woche vor Auftritten…“

Als Dieter Thomas Heck kurz ins Hotelzimmer verschwindet, sagt seine Frau: „Es gibt für jeden Menschen eine Waschanleitung. Der eine hat vielleicht fünf Dinge, die man beachten muss, der andere zehn. Aber wenn man die befolgt, dann läuft da nichts ein und nichts wird kratzig.“ Bevor man sie fragen kann, ob ihr Mann in die Kochwäsche kann oder das Wolle-Feinprogramm benötigt, kommt er zurück. Sehr gut gepflegt wirkt er, geradezu flauschig. Wie das ZDF.