Mode

Die nächste Generation

Das britische Topmodel Cara Delevingne läuft allen den Rang ab – besonders Kate Moss, als deren Nachfolgerin sie bereits gehandelt wird

Ihre Augen? Haben knapp 100 Twitter-Fans, na ja. Aber die Beine! 1300 Fans bei dem Kurznachrichtendienst. Genauso viel wie die legendären Augenbrauen, die bei knapp 1300 Followern liegen. Queen Cara Delevingne, sie lebe hoch! Die junge Britin dominiert derzeit die Modewelt wie kaum ein anderes Fotomodell.

Model des Jahres bei den British Fashion Awards war die 20-Jährige gerade, lief zudem bei den Schauen in London, New York, Mailand und Paris. Seit zwei Jahren ist die Londonerin schon Testimonial des britischen Labels Burberry, gerade erst dazugekommen ist ein Werbevertrag für einen Duft von Yves Saint Laurent (YSL).

Alle wollen mit ihr befreundet sein

Cara Delevingne ist das „heißeste Gesicht auf dem Planeten Mode“, jubelt etwa der britische „Observer“. „Jeder Designer will sie, alle Frontrowers wollen ihre Freunde sein, alle Journalisten wollen mit ihr befreundet sein“, resümiert der „Daily Telegraph“. „Sie ist die neue Kate“, sagt der berühmte Modefotograf Mario Testino einfach nur noch kurz und knapp. Gemeint ist natürlich Kate Moss, das legendäre britische Model, die bisher wie keine Zweite für das steht, was die Briten „street credibility“ nennen. Übersetzt heißt das „authentisch, echt, direkt von der Straße“.

Ja, sie ist wie Kate, aber sie könnten nicht unterschiedlicher sein, sagt hingegen der Stylist Sam McKnight. Und das liegt nicht nur an jenem körperlichen Merkmal, das Cara so unverwechselbar macht: ihren dunklen, dicke Augenbrauen, die wie zwei Balken über dem ein wenig koboldig wirkenden Gesicht liegen. Ein potenzieller Schönheitsmakel, der, ähnlich wie einst das Muttermal von Topmodel Cindy Crawford, stattdessen zum Markenzeichen geworden ist, ja, sogar nachgeahmt wird: Dicke Brauen, so schreibt es die deutsche Mode-Nachmacher-Zeitschrift „Instyle“, sind derzeit ein Must-have. Weniger leicht nachzumachen hingegen sind hervorragende Herkunft und Erziehung, die die junge Frau genossen hat.

Das burschikose Mädchen mit dem Tomboy-Chic, das so viel Wert auf ein eher abgerocktes, casual wirkendes Outfit legt, ist nämlich mitnichten ein Arbeiterkind. Während Kate Moss im Londoner Stadtteil Croydon und in eher bescheidenen Verhältnissen aufwuchs, stammt Cara aus Belgravia/Chelsea, einer der teuersten Innenstadtlagen Londons.

Auch Caras Familie ist wohlhabend, gut vernetzt und doch mit Makeln. Vater Charles, ein erfolgreicher Immobilienentwickler, verkehrt in den besten Kreisen der britischen Gesellschaft. Caras Mutter Penelope war lange heroinabhängig. Cara und ihre Schwestern Chloe und Poppy – deren Namen schon als Zugeständnis an die Sucht der Mutter gedeutet wurde („Poppy“ heißt Mohnblume, aus Mohn wird Rauschgift gewonnen) – wurden deshalb vom Vater großgezogen.

Die Delevingnes fielen auch der Frau auf, die einst jenes blasse, dürre Mädchen mit Sommersprossen und schiefen Zähnen entdeckt hat, das wenig später als Verkörperung eines neuen Looks, des abgerockten „Heroin Chic“-Modegeschichte schreiben soll. Sarah Doukas, Gründerin der Londoner Modelagentur Storm, sah Kate Moss, damals gerade 14 Jahre alt, erstmals auf einem New Yorker Flughafen. Für Cara Delevingne musste sie noch nicht einmal ihr Haus verlassen. Die war nämlich schon im Kindergartenalter eine Freundin von Doukas’ eigener Tochter. 2009, da ist Cara gerade 17 Jahre alt, bekommt sie ihren ersten Vertrag bei Storm, dann geht es Schlag auf Schlag. Weil sie virtuos Mainstream und Underground zu vereinen weiß. Sie posiert für die Modebibel „Vogue“ ebenso wie für das Trendmagazin „i-D“.

Von Teenagern weltweit kopiert

Mit ihren privaten Outfits macht sie Mode, genau wie Kate Moss, die bei der Kette Top Shop eine eigene Verkaufskollektion hat, aber auch mit ihrer täglichen Fashion-Choices Trends setzt. Getragen, geknipst, Trend geworden. Die Paparazzi-Fotos von Cara wandern blitzschnell in die Modeblogs und werden dann weltweit von Teenagern kopiert.

Was also könnte der globalen Model-Weltherrschaft noch dazwischenkommen? Sie selbst! Cara hat nämlich auch andere Interessen: Sie spielt Schlagzeug und auch der Schauspielerei ist sie zugetan. Wer weiß, vielleicht hat sie irgendwann wie ihre große Schwester Chloe keine Lust mehr auf das ganze Business und studiert lieber Jura? Es sind Bauchentscheidungen wie diese, die einer Cara Delevingne eben manchmal leichterfallen als einer Kate Moss.

Zumindest an einem Ort sind die beiden Grazien derzeit jedoch friedlich vereint: An einem Kreisverkehr in Londons Stadtteil Holland Park. Dort hängt eine Werbung für die Zeitschrift „Love“, mit Fotos, auf denen beide nackt im Wasser planschen.