Kino

Die Unschuld vom Strande

Der Film „Spring Breakers“ spielt mit dem Klischee feierwütiger Studenten. Die Exzesse haben Tradition

Allein beim Titel des Films kommen einem unweigerlich folgende Bilder in den Kopf: leicht bekleidete Jugendliche, laute Musik, überfüllte Strände und viel Alkohol. „Spring Breakers“, der seit gestern in den deutschen Kinos läuft, erfüllt auf den ersten Blick leicht die Kriterien eines weiteren belanglosen Teeniestreifens, irgendwo zwischen „American Pie“ und „Party Animals“. Doch die Besetzung verwirrt. Disney-Stars Selina Gomez und Vanessa Hudgens in neonfarbenen Bikinis zum einen. Charakterdarsteller James Franco zum anderen. Regie führt Independent-Filmemacher Harmony Korine. Insbesondere Korine scheint nicht in die mit Bässen und Schminke aufgepumpte „Spring Break“-Welt zu passen.

Dabei sind die Rauschpartys seit Jahren fester Bestandteil der amerikanischen Gesellschaft. Jedes Jahr schließen die Universitäten des Landes von Ende Februar bis Anfang April. Dann zieht es knapp eine Million Studenten an die Küsten Floridas und Kaliforniens, um für kurze Zeit zu feiern, zu trinken und kaum auszunüchtern. Auf den zweiten Blick steht Harmony Korine das Thema also durchaus. Der Amerikaner ist Mitte der 90er-Jahre vor allem durch sein Drehbuch zu dem Film „Kids“ bekannt geworden. Der Film zeigt verstörend und laut den moralischen Niedergang einer gelangweilten und vernachlässigten Generation von Jugendlichen. Im Mittelpunkt steht ein junges mit Aids infiziertes Mädchen. Um sie herum Gleichaltrige, die ihren Frust in Drogen und Alkohol ertränken. Und auch in seinem aktuellen Film fokussiert sich Korine mit dem „Spring Break“ auf die Verwahrlosung einer Generation, in der Geld, nackte Haut und der Rausch das amerikanische Wertesystem vernebeln.

In einer „kurzen Geschichte des Spring Breaks“ – veröffentlicht vom „Time Magazine“ – ist der Beginn der Exzesse genau datiert: Schwimmtrainer Sam Ingram organisierte 1936 eine Poolparty für sein Team von der New Yorker Colgate University in Fort Lauderdale. Der Casino Pool in der Stadt war der bis dato einzige mit olympischen Maßen.

Die Tradition beginnt 1936

Zwei Jahre später nahmen 300 Schwimmer an dem feuchtfröhlichen Gelage teil – eine Tradition war begründet. Bereits Ende der 60er-Jahre war das Phänomen dem „Time Magazine“ eine Geschichte („Bier & der Strand“) wert und Fort Lauderdale von nun an als Fort Liquordale bekannt. Sogar Tom Cruise – 1983 weder für seine schauspielerischen Qualitäten noch für sein Engagement bei Scientology bekannt – ließ sich hinreißen, in dem dankenswerterweise kaum bekannten Film „Spring Break“ mitzuspielen.

1985 pilgerten bereits 370.000 Studenten nach Florida, um an den Sandstränden auch das letzte verbliebene Klausurwissen wegzuspülen, und mit ihnen kamen auch die ersten moralischen Bedenken an den jährlichen Saufgelagen. Fort Lauderdales Bürgermeister Robert Dressler verkündete der ganzen Nation via Frühstücksfernsehen, Collegestudenten seien in seiner Stadt nicht mehr willkommen. Die Feierwütigen suchten ihren Spaß nun auch in südlicheren Gefilden, wo das Bier genauso warm, jedoch billiger und auch einfacher zu haben war. Denn jenseits der US-amerikanischen Grenze, an der Ostküste Mexikos, haben die Gesetzeshüter den Ruf, nicht so genau hinzuschauen, wenn es um das Alter der Partytrinker geht. In Florida dagegen – trotz etwaiger Gegenversuche noch immer Hochburg studentischer Absturzpartys – sind alkoholische Drinks unter 21 Jahren verboten.

Bei den Trinkgelagen spielen die gesetzlichen Vorgaben keine Rolle. Hier geht es schon lange nicht mehr darum, ob man sich betrinkt. „Es geht darum, die ganze Woche betrunken zu bleiben“, sagt Delynne Wilcox, stellvertretende Direktorin des Gesundheitszentrums an der Universität von Alabama. Sie untersucht das Phänomen des sogenannten Binge drinking, hierzulande besser unter dem Begriff „Flatrate-Saufen“ bekannt. Denn die Auswirkungen so mancher durchzechter Partynacht sind fatal. Nach Angaben des amerikanischen National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism an der Universität Harvard kommen jährlich rund 1800 US-Studenten unter Alkoholeinfluss ums Leben. Mehr als 97.000 werden Opfer sexueller Gewalt, die mit Alkoholkonsum zusammenhängt.

Dabei gehört der Spring Break längst nicht mehr nur den amerikanischen College-Studenten. Große Open-Air-Partys, viel nackte Haut und Alkohol aus überdimensional großen Plastikbehältern gehören anscheinend auch zu den Vorstellungen eines Traumurlaubs europäischer Jugendlicher. Unter dem Titel „Spring Break Europe“ werden sich vom 30. Mai bis zum 2. Juni Tausende Jugendliche – vorrangig aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – in Kroatien treffen, um mit etwas Verspätung und viel Flüssigkeit den Frühling einzuläuten.

Vier Tage lang befindet sich die kroatische Halbinsel Istrien dann im Ausnahmezustand. Die Veranstalter haben einen Party-Plan konzipiert, der dem amerikanischen Beispiel in nichts nachstehen soll. Dieser ist mit Veranstaltungen wie „Wiesn am Meer“ zwar eindeutig auf das deutschsprachige Publikum zugeschnitten. In der Beschreibung heißt es dazu: „Basics wie passende Oktoberfest-Live-Musi, Wiesn-Spiele, Deko und Freibier dürfen logischerweise nicht fehlen“. Amerikanische „Spring Break“-Traditionen wie „Beer Pong“ werden jedoch ebenfalls angeboten.

Verlangen nach Exzessen

Tickets für die mittlerweile fünfte Auflage des „Spring Break Europe“ sind ab 165 Euro zu haben. Wer allerdings mehr als nur eine Unterkunft im Mehrbettzimmer und den Zugang zu Musikveranstaltungen haben möchte, muss mehr Geld einplanen. VIP-Tickets kosten 235 Euro. Die Facebook-Seite der Veranstaltung hat beinahe 100.000 Likes. Das Verlangen nach frühsommerlichen Partyexzessen ist ungebrochen. Angst vor dem Kater am nächsten Morgen sucht man an den Stränden von Kroatien oder Florida vergebens – in der Realität wie im Film. Die Besäufnisse sind Mittel zum Zweck, taugen sie doch noch immer, den Ruf einer Generation zu ruinieren.

Diese Wirkung mag das Ziel von Selena Gomez und Vanessa Hudgens gewesen sein, als sie beschlossen, die Rollen in Korines Film anzunehmen. Die Jungstars, die in Disney’s TV-Produktionen groß wurden, wählen das Klischee der besoffenen amerikanischen Jugend, um sich abzunabeln. Die süffisante Botschaft: Wer sieben Tage Vollrausch überlebt, überlebt auch das Erwachsenwerden.