Literatur

Mein Feind, der Körper

Christian Frommert war Sportmanager. Nun hat er ein Buch über seine Magersucht geschrieben – geheilt hat ihn das nicht

Der erste Eindruck: Kochbücher. Meter an Meter reihen sich unter renoviertem Fachwerkgebälk Mälzers an Schuhbecks, Lafers, Jamie Oliver, Lea Linster. Auf einer weißen Arbeitsplatte thront ein Thermomix, der Mercedes unter den Küchenmaschinen, weil er alles kann, sogar kochen. Einen Hightech-Herd gibt es auch, herrliche Messer aus Japan und der Schweiz, edle Gläser, schönes Geschirr. Nichts fehlt, nicht mal der Weber-Grill auf der Terrasse. Und mitten in diesem Küchentraum steht ein Mann, 1,84 Meter groß, aber keine 50 Kilo schwer.

Christian Frommert, schmal wie eine 15-Jährige, zieht seinen Ledergürtel ein Loch enger. Seine Jeans, Mädchengröße 26, sitzt locker. „Ich esse gerade nur abends“, sagt er. „Gemüse mit Dip.“ Wasserdünne Tunke aus 0,2-prozentigem Quark und ein paar Kräutern, am liebsten Zitronenmelisse, nur keine Petersilie, die hat Kalorien. Gerade hat er wieder zwei Kilo abgenommen. Sein Herd ist unbenutzt, der Grill noch original verpackt. Er kann sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal Nudeln gegessen hat. Steaks oder Fisch gönnt er sich als Kochbuchfoto. Christian Frommert ist magersüchtig. Der 46-Jährige, dessen Gesicht viele mit dem Schicksal von Jan Ullrich verbinden, kämpft gegen diese Krankheit an wie ein Berserker. Vor einem Jahr machte der Mann, der einst Sponsoring-Sprecher des T-Mobile-Konzerns war und der Welt die Suspendierung des Radprofis Ullrich verkündete, seine schwere Krise öffentlich. Jetzt hat er ein Buch geschrieben. Seine privaten Aufzeichnungen und Notizen für die Vorarbeit dafür umfassen 1346 Seiten, kluge Gedanken über die Krankheit, die ihm das Fleisch von den Knochen fraß. Doch wirklich helfen und erlösen von „Anna“, wie er die Krankheit Anorexie nennt, konnten ihn all seine Einsichten noch nicht.

Haut ist dünn und transparent

Frommert hebt den Saum seines dicken Rollkragenpullovers ein bisschen und zieht das Thermounterhemd aus dem Gürtel. Das trägt er auch zu Hause, weil er ständig friert. Die Haut an seinem Bauch ist dünn, transparent, blättrig wie Pergament. „Die ist von 2008“, sagt er und zeigt auf eine Wunde am Schienbein, die nicht verheilen will. In diesem Jahr war er der Magersucht in die Fänge geraten. „Verrückt“, lacht er. „Vor zwei Jahren hätte ich diese Haut noch stolz hergezeigt.“ Weil sie beweist, wie eisern er hungern kann.

Noch heute irritiert ihn, wenn morgens nach der Dusche kein Büschel Haare im Kamm steckt. „Dann steigt sofort die Angst hoch: Was ist da los? Hab ich zugenommen?“ Die Erleichterung folgt erst, wenn die Haare wieder ausfallen, als Zeichen des Mangels. Ende 2008 war er, nach den beiden turbulentesten Jahren seines Lebens, bei der Deutschen Telekom als Sportmanager ausgestiegen. In Südafrika, wo er sich von dem Medienrummel nach der Auflösung vom T-Mobile-Team erholen wollte, verfiel Frommert der Sucht nach Essensverweigerung, kombiniert mit dem Drang zu stundenlangem Sport bis zur totalen Erschöpfung. Es war, als wollte er sich selbst in einen Tunnel der Gedankenlosigkeit schießen, sich nur nicht konfrontieren mit dem, was hinter ihm lag und vor ihm.

Noch heute steigt Frommert täglich auf ein Hightech-Rad im Keller, oft vor der Dämmerung. Auch an diesem Morgen saß er von vier bis sieben Uhr auf dem Bike, um die Kalorien vom Vorabend zu verbrennen. Und um die Unruhe zu bekämpfen, die bösen Gedanken, die Frommert nie länger als ein paar Stunden schlafen lassen. Zukunftsängste, Zweifel, grauenhafte Fantasien vom Versagen: Christian Frommert, der zeit seines Lebens immer alles perfekt machen wollte, strampelt und hungert dagegen an. Beides kann er einfach nicht lassen. 39 Kilo wog Frommert, der heute unter anderem Fußballmanager Oliver Bierhoff in Medienthemen berät, und dem in seinen schlimmsten Tagen. Nierenversagen drohte.

Offene Wunden, keine Fettschicht

Ständig habe er offene Wunden gehabt, weil es keinerlei Fettschicht mehr gab, die die Haut hätte schützen können. „An den Fußknöcheln reißen kleine Wunden auf, weil sich die Haut ob des vielen Wassers in meinen Füßen dehnt. Das Treppenlaufen, zumal mit Lasten nach dem Einkauf, ist kaum möglich. Auch barfuß laufen schmerzt, weil ich ja quasi auf den Knochen laufe, ähnlich ist es mit dem Sitzen“, notierte Frommert damals.

Es geht ihm viel besser. Er hat eine gute Therapeutin gefunden und seine Abschottung gegen die Außenwelt aufgegeben. Vor einem Jahr kaufte er im hessischen Bensheim das ehemalige Lagerhaus einer Papierfabrik. Es ist renoviert und liebevoll eingerichtet, jeden Kerzenleuchter, jedes Blumengesteck hat er persönlich ausgesucht.

Doch „Anna“ wird ihn wohl nie mehr ganz verlassen. „Anna umklammert mich nicht mehr. Aber ihre Schulter suche ich noch“, sagt Frommert. Denn die Krankheit ist verführerisch, weil sie vorgaukelt, Halt und Kontrolle zu geben.