Bühne

Startänzer lässt Bolschoi-Chef aus Rache verätzen

Solist Pawel Dmitritschenko gesteht das Säureattentat auf Sergej Filin. Als Motiv nennt er eine „persönliche Feindschaft“

Vor Kurzem tanzte er Iwan den Schrecklichen und den bösen Zauberer im „Schwanensee“ auf der Bühne des Bolschoi-Theaters in Moskau. Nun steht Pawel Dmitritschenko mit verschwitzten Haaren vor einer Polizeikamera und wird von vorn und im Profil gefilmt. Die Polizei hat den Tänzer am Dienstag nach der Durchsuchung seiner Wohnung festgenommen. Er steht unter Verdacht, der Auftraggeber des Säureanschlags auf den Bolschoi-Ballettchef Sergej Filin zu sein. Dmitritschenko hat sich am Dienstagabend zur Tat bekannt. „Ich habe diesen Anschlag organisiert, aber nicht in dem Maße, wie er erfolgte“, sagt er müde in die Kamera.

Ebenfalls am Dienstag wurde der mutmaßliche Täter festgenommen. Der 34-jährige Juri Sarutski gab bei der Polizei zu, er habe Filin Säure ins Gesicht geschüttet. Die habe er in einem Laden für Autozubehör gekauft und zu Hause gebraut, um die Konzentration zu erhöhen. Der dritte Festgenommene ist der Fahrer, der Sarutski zum Tatort gebracht haben soll.

Filin ist am späten Abend des 17.Januar in der Nähe seines Hauses angegriffen worden. Der Säureanschlag fügte ihm schwere Verätzungen, vor allem der Augen, zu. Die Polizei kam auf die Spur des Täters, indem sie Telefonanrufe analysierte. Sarutski, der mehrmals zu Gefängnisstrafen verurteilt worden war, hatte den Bolschoi-Tänzer angerufen.

„Persönliche Feindschaft“ mit Filin

Als Tatmotiv vermutet die Polizei eine „persönliche Feindschaft“ zwischen Filin und Dmitritschenko, die „mit ihrer Arbeit verbunden war“. Dabei soll es allerdings nicht um die berufliche Konkurrenz gegangen sein, wie russische Medien unter Berufung auf polizeiliche Quellen berichteten. Dmitritschenko, dem Bolschoi seit 2002 verbunden, habe unter anderem Hauptrollen in „Spartakus“ und „Iwan dem Schrecklichen“ getanzt.

Der Absolvent der Moskauer Staatlichen Akademie für Choreografie hat am größten Staatstheater des Landes erreicht, wovon die meisten Tänzer auf der Welt nur träumen können. Seine Sprungkraft in der Titelrolle des Balletts „Spartakus“ löste Stürme verzückten Jubels im Publikum aus. „Ich liebe es, Erster zu sein – und das ist doch so schwer“, schrieb er unlängst in einem Blog. Er sei glücklich, mit Genies zu arbeiten.

Mit der Notiz im Internet reagierte er auf den Artikel einer Ballettkritikerin, die meinte, er habe als Zar Iwan, der Schrecken und Mitgefühl gleichzeitig auslösen müsse, nicht überzeugt. Selbst einfachste Liebesszenen erledige der Tänzer mit einer „Sterilität im Stile eines Krankenpflegers“, ätzte die Expertin, die Dmitritschenko dann wiederum als „verhinderte Tänzerin“ bezeichnete.

Doch die Feindschaft zwischen ihm und Filin entstand offenbar nicht aus rein persönlicher Abneigung. Vielmehr soll der Konflikt mit der Tänzerin Angelina Woronzowa zu tun haben, mit der Dmitritschenko, wie die Zeitung „Kommersant“ schreibt, eine Beziehung hatte. Die 21-Jährige wurde von ihrem Lehrer, dem Starsolisten Nikolai Ziskaridse, protegiert. Ziskaridse gilt als der größte Rivale Filins. Er wurde auch von der Polizei vernommen.

Im Februar hatte Ziskaridse in einem Interview mit der BBC über sein Verhältnis zu Filin gesprochen und es „nicht ideal“ genannt. Er hatte die Situation im Theater mit der Stalinzeit verglichen. Der zum zweiten Mal verheiratete Filin soll die Tänzerin einst von der Provinz nach Moskau geholt, sie gekleidet, ernährt und ihr die Wohnung bezahlt haben, schrieb die Zeitung „Komsomolskaja Prawda“. Das war zu einer Zeit, als er Ballettchef am Stanislawski-Theater war. Woronzowa soll ihm erst zugesagt haben, in seiner Truppe zu tanzen – und nahm dann doch ein Angebot am Bolschoi an.

Nach Ziskaridses Darstellung hat Filin Woronzowa aufgefordert, ihren Lehrer zu wechseln – dann werde er sie als Odette/Odile in Tschaikowskys „Schwanensee“ besetzen. Die Pressesprecherin des Bolschoi-Theaters, Jekaterina Nowikowa, sagt, Woronzowa habe Filin um große Rollen gebeten. Der habe geantwortet, sie sei noch nicht so weit, und dass es ihr nutzen würde, eine Frau als Lehrerin zu haben. So könnte Woronzowas geplatzter Traum vom „Schwanensee“ zum Streit zwischen Dmitritschenko und Filin geführt haben.

In der Boulevardpresse wurde am Mittwoch gemutmaßt, Dmitritschenkos Freundin, die Tänzerin Angelina Woronzowa, stecke hinter dem Säureangriff auf den Ballettchef. Sie sei wütend gewesen, weil Filin ihr im „Schwanensee“ nicht die Doppel-Titelrolle der Odette/Odile gegeben habe. „Wurde Filin wegen einer Frau mit Säure übergossen?“, fragte die Zeitung „Komsomolskaja Prawda“. Auch die Zeitung „Moskowski Komsomolez“ berichtete, Dmitritschenko sei erbost gewesen, weil Filin seine Freundin so rücksichtslos übergangen habe.

Seit Dezember hatte Filin Drohungen und Anrufe von Unbekannten erhalten. Seine Mails wurden gehackt, die Reifen seines Autos zerstochen. Nach dem Anschlag sagte Filin in einem Interview, er wisse, wer hinter der Tat stecke. Filin ließ keinen Zweifel daran, dass der Angriff mit seiner Arbeit zu tun hat.

Intensive Schwefelsäure verwendet

Zurzeit wird der Ballettchef in einer Klinik in Aachen behandelt. Filins Augen waren so schwer verätzt, dass deutsche und russische Ärzte lange befürchteten, er könne das Augenlicht verlieren. Das läge an der Intensität der verwendeten Säure. Ein Polizeisprecher erklärte, dass die Täter die Konzentration der Schwefelsäure noch erhöhten, „indem sie Wasser aus ihr herausgekocht“ hätten.

Dennoch ist der Chef der mit mehr als 200 Tänzern größten Balletttruppe der Welt guter Dinge, in diesem Sommer wieder arbeiten zu können – mit ausreichendem Augenlicht. Auch im Bolschoi hofft man, dass Filin bald wieder einsatzbereit ist. „Wir hoffen, dass Sergej rechtzeitig zu unserem Londoner Gastspiel im Sommer zurückkehrt“, sagte die Sprecherin des Theaters, das als Wiege klassischer russischer Ballettkunst mit makellosem Spitzentanz, streng synchronen Bewegungen und einzigartiger Körperbeherrschung gilt. Der hausinterne Konkurrenzkampf am Bolschoi ist extrem hart.