Biografie

"Neukölln erinnert mich an St. Pauli"

Der Schauspieler und Kampftrainer Michel Ruge hat über seine Jugend als "Bordsteinkönig" zwischen Kokain und Prostituierten geschrieben

Wie begegnet man so einem wie Michel Ruge? Sollte man mit einer Frage beginnen? Wie fühlt es sich an, einen Menschen auf der Straße niederzuschlagen? Jemanden mit einer Pistole zu bedrohen? Hatte Ihr Vater wirklich drei Bordelle? Was fragt man einen Mann, der einem bereits mehr von seinem Intimleben zugemutet hat, als man sich je zu fragen getraut hätte.

In „Bordsteinkönig. Meine wilde Jugend auf St. Pauli“ erzählt Michel Ruge davon, wie er in den 70er- und 80er-Jahren im Kiez groß wurde. Er erzählt von seinem ersten Sex mit einer Prostituierten, von den Gewaltexzessen seiner Kindergang, von der Angst und dem Abgestumpftsein, aber auch von der grenzenlosen Bewunderung, die er einst für die Luden hegte. Er erzählt davon, wie man erwachsen wird und was das überhaupt bedeuten kann. „Ich wollte keine Retrospektive eines Viertels machen“, sagt Michel Ruge später, „es ging mir um mein eigenes Aufwachsen, um die Frage, wie ich ein Mann wurde.“ Männlichkeit und Weiblichkeit, das waren entscheidende Kontraste in seiner Jugend.

Als kleiner Junge wünschte sich Ruge nichts sehnlicher, als ein Zuhälter mit weißen Boxerstiefeln, fetter Rolex und Ferrari zu werden. Die Luden, das waren die Gewinner, schreibt Ruge in seiner Biografie. Der Kindheitstraum ist nicht wahr geworden. Michel Ruge trifft sich zum Interview im bürgerlichen „Molinari & Ko“ in Kreuzberg in der Nähe der Bergmannstraße. Er sieht kein bisschen nach Zuhälter aus. Schwarzer Pulli, stylischer Haarschnitt, smarter Gesichtsausdruck, gespannte Körperhaltung. Ruge hat auch mal geschauspielert.

Der 43-Jährige macht den Gesprächsanfang seinem Gegenüber erstaunlich leicht. „Ach, ich bin noch gar nicht ganz wach“, gesteht er schon nach dem ersten Ausflug in die Gesellschaftsanalyse. Also wird Cappuccino bestellt und erst mal etwas Unverfängliches gefragt: Was, bitte, ist denn ein Bordsteinkönig? Ruge lacht: „Ach, das sagt man zu den Jungs, die da die Bordsteine langbutschern auf St. Pauli. Das ist eine Verniedlichung.“

Ruges „Bordsteinkönig“ ist mehr ein Roman als ein Erfahrungsbericht. Und St.Pauli erscheint nicht als etwas, das man hinter sich lässt, sondern als etwas, das man in sich trägt. Ruge hat liebevolle kleine Porträts geschaffen von der Gegend und den Menschen, die seine Jugend geprägt haben. Dazwischen gibt es immer wieder Momente des Innehaltens. „Indem ich anderen wehtue, glaube ich, verhindern zu können, dass man mir noch mal so wehtut“, schreibt Ruge einmal. Er schreibt das in Bezug auf eine Frau, aber es gilt für mehr. Manchmal kann man all die Verzweiflung und die Sehnsucht spüren, die eine Kindheit ausmachen. Nicht nur die auf St. Pauli.

Die Biografie erzählt auch, wie man es schafft, wie man sich langsam lösen kann von den Gesetzen, mit denen man aufwächst. Ruge beginnt, die Macker auf dem Kiez zu durchschauen. Als ersten Schritt weg aus der Welt von Kokain und Zuhältern ändert er seinen Kleidungsstil. Ein Hemd und eine Karottenjeans. „Jetzt kam ich mir vor wie ein Solider“, schreibt er.

Aus was für einer Welt er gekommen ist, davon zeugen heute noch Ruges breite Schultern. Die hat er vom Kampfsport beziehungsweise dem Selbstverteidigungstraining, das er schon als kleiner Junge auf St. Pauli mit Leidenschaft betrieben hat. Später setzte er sein Können ein als Türsteher des Berliner Clubs „Cookies“ und als Personenschützer. So kam er auch zum „Bordsteinkönig“. 2010 hat er sein erstes Buch veröffentlicht. Ein psychologischer Ratgeber: „Das Ruge-Prinzip. Signale der Gewalt erkennen, Konflikte meistern, Zivilcourage zeigen!“ Darin zeigt er, wie Gewalt entsteht, warum Jugendliche gewalttätig werden, ob es typische Verhaltensweisen gibt, die einen zum Opfer oder Täter machen.

Ruge hat viel durch seine Leidenschaft für Sport gelernt. „Beim Training kam ein neues Ich zum Vorschein. Meine Gedanken beruhigten sich und wurden klar. Der Dreck der Gosse kam nicht an mich heran“, schreibt er. Später hat er jahrelang mit Jugendlichen Selbstverteidigungstraining gemacht. Dabei hat er festgestellt, was vielen Kindern heute fehlt. „Kinder können sich nicht mehr selbst entdecken, sie werden viel zu sehr behütet“, sagt Ruge. „Zwei Stunden Sportunterricht in der Schule reichen nicht aus. Statt immer Lernprogramme am Computer zu üben, sollten sie lieber mal raus an die Luft.“

Gewalt, das ist ein wichtiger Aspekt in der Jugend auf St. Pauli. Aber es ist eine andere Gewalt als die, über die man heute liest, wenn Jugendliche Rentner auf den U-Bahnhöfen totschlagen. „Diese Geschichten schockieren mich“, sagt Ruge. „Stampftritte auf den Kopf, das gab es in meiner Jugend nicht. Dass jemand so etwas macht, konnte ich mir auch gar nicht vorstellen. Raubzüge gab es natürlich schon, aber wenn einer auf dem Boden lag, dann hat man aufgehört.“

Seit fast 14 Jahren wohnt Ruge jetzt schon in Berlin. Erst jahrelang im Ostteil. „Das war toll um die Jahrtausendwende“, sagt er. Jetzt aber bevorzugt er den Westen. Gerade zieht er von Kreuzberg nach Neukölln um. „Das erinnert mich total an St. Pauli.“ Bitte? „Als ich da zum ersten Mal in ein Café ging, dachte ich mir, wow, hier kennen sich ja junge und alte Leute, Türken und Deutsche, und sie mögen sich.“ In Prenzlauer Berg und Mitte habe er das ganz anders erlebt. „Da ist man cool, alle sind jung, alle sind ähnlich, alle treffen sich im Nachtleben. Das wurde auf Dauer zu langweilig.“ Und St. Pauli? Zieht es ihn da noch hin? „Ach“, sagt Ruge, „St.Pauli ist heute überall. Es gibt doch überall Sex und Gewalt.“

Michel Ruge: „Bordsteinkönig. Meine wilde Jugend auf St. Pauli“. Knaur, München. 288 Seiten, 9,90 Euro