Kriminalität

Birma versinkt im Drogensumpf

Das Geschäft mit Opium und Crystal Meth boomt – und finanziert den Aufstand gegen den Staat

Die zwei Kugelschreiber, die in der Jeansjacke von Sai stecken, schreiben nicht. Der 28-jährige Drogendealer aus dem Shan-Staat im Nordosten Birmas versteckt darin seine Ware – vier Millimeter kleine Kugeln YaMa. So heißt Methamphetamin auf den Straßen Birmas. Bis vor einem Jahrzehnt galt der Shan-Staat als der weltgrößte Opium-Produzent. Nun haben die Drogenbosse und Aufständischen, die mit Drogenhandel ihren Kampf gegen die Regierung finanzieren, neue Geschäftsfelder entdeckt: Die an China, Laos und Thailand grenzende Region versorgt Südostasien mit der synthetischen Droge Methamphetamin, die auch unter dem Namen Crystal Meth oder Ice bekannt ist.

Das illegale Aufputschmittel lässt sich einfacher und billiger produzieren. Birmas Präsident Thein Sein hat seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren Waffenstillstandsabkommen mit den vier wichtigsten ethnischen Rebellengruppen im Shan-Staat geschlossen. Sie alle haben ihren Kampf für mehr Autonomie durch Drogen finanziert. Doch die Vereinbarungen haben bislang nur wenig Auswirkungen auf das Drogengeschäft.

„Die ethnischen Spannungen und die Armut gibt es immer noch“, sagt Tun Nay Soe von der UN-Drogenbehörde UNODC (United Nations Office on Drugs and Crime). „Solange sich das nicht ändert, kann man auch das Drogengeschäft nicht beseitigen.“ Das Regierungsziel, die Drogenproduktion im Land bis 2014 auszumerzen, wurde wegen der Lage im Shan-Staat auf 2019 aufgeschoben.

Die Behörden haben sich in der Vergangenheit darauf konzentriert, die Mohnfelder zu zerstören. Die Opiumproduktion in der entlegenen, gesetzlosen Region fiel von 1,3 Millionen Tonnen 1998 auf etwas über 690 Tonnen im Jahr 2011.

Drogenabhängige gebe es viele, sagt ein Dorfbewohner. Und viele Mohnfelder liegen in den Gebieten der Aufständischen. Dorthin reiche der Arm der Regierung nicht. Doch auch falls alle Rebellengruppen mit der Regierung Frieden schlössen, werde es kaum weniger Drogen geben, meint Tun Nay Soe. Die Aufständischen würden dann in die Einheiten der Grenztruppen eingegliedert. Damit werde es für die Polizei noch schwieriger, sie zu verfolgen. „Ich bin pessimistisch, dass die Waffenstillstände gut für die Drogenbekämpfung sind“, sagt er.

Für die Bauern in der Region gibt es wenig Alternativen zum Mohnanbau. „An einem Ort wie dem Shan-Staat, der geografisch nichts zu bieten hat, sind illegale Aktivitäten die einzige Einkommensquelle“, meint der UNODC-Experte.

Drogendealer Sai kann dem nur zustimmen: „Es gibt sehr wenige Jobs hier, und die, die es gibt, sind schlecht bezahlt.“ Drogenproduzenten und Dealer hingegen würden satte Profite machen. Sais Stoff kostet pro Pille zwischen 4000 und 20.000 Kyat (umgerechnet 3,50 bis knapp 18 Euro): viel Geld in einem Land, in dem der durchschnittliche Tageslohn unter zwei Euro liegt.

Sai ist viel vorsichtiger geworden, was seine Kunden angeht: „Ich trau mich nicht, an jeden zu verkaufen. Ich kenne die örtlichen Polizisten, aber nicht die von der Anti-Drogen-Einheit“. Im vergangenen Jahr stellten die Behörden zwischen Januar und August eine Rekordmenge von 15,6 Millionen Meth-Pillen sicher, berichtet UNODC. Ob dies auf bessere Polizeiarbeit oder vermehrte Produktion zurückgeht, das weiß die Behörde aber nicht.