Kriminalität

Schuss durch die Badezimmertür

Der Fall Pistorius weist Parallelen zum Fall Bubi Scholz auf. Der Boxer tötete 1984 seine Frau

Mehrfacher Deutscher Meister und Europameister, Lieblingsmaskottchen der Westberliner Gesellschaft und erfolgreicher Unternehmer: Eigentlich hatte Gustav Scholz, den alle nur Bubi nannten, an diesem 22. Juli 1984 alles beisammen, wovon er einmal geträumt haben mochte. Geboren 1930 und aufgewachsen im Berliner Arbeiterviertel Prenzlauer Berg, Sohn eines Schmiedes und einer Hausfrau, hatte er zwar den Stallgeruch einfacher Verhältnisse zeitlebens nicht abgelegt. Doch das entsprach seinem Naturell: Das Gerade, Simple und Unverstellte war ihm allemal lieber als das Verschnörkelte und Prätentiöse, und dafür liebte man ihn im Kreise seiner Freunde, mit denen er die Nacht zum Tage machte. Die alltäglichen Nöte seiner Kindheit mögen es dennoch gewesen sein, die seinen Ehrgeiz schürten, ihn zu höchsten Erfolgen führten und ihm ein Vermögen einbrachten. Und so waren es nicht Hinterhöfe von Prenzlauer Berg, wo man den inzwischen 54-Jährigen am 22. Juli 1984 hätte treffen können. Es war eine feine Gegend im grünen Berliner Westend, wo er ein großzügiges Haus besaß und mit seiner Frau Helga bewohnte.

Sie war die Liebe seines Lebens. Auf öffentlichen Veranstaltungen, auf Bällen, Partys und Empfängen konnte man das Ehepaar Scholz jahrelang wie frisch verliebte Teenager miteinander turteln sehen. Das ungebrochene Glück, das sie so gekonnt verstrahlten, platzierte sie regelmäßig auf den vorderen Rängen der Gästelisten. Doch an diesem Tag sollte es damit vorbei sein.

„Helga Scholz ist an einer Kopfschussverletzung gestorben“, gab der Gerichtsmediziner Volkmar Schneider im Januar 1985 vor dem Moabiter Kriminalgericht zu Protokoll. „Sie war aber nicht unmittelbar tot. Sie hat nach dem Schuss eine halbe bis eine Stunde noch gelebt, wobei es aber sehr fraglich ist, ob sie bei einer sofortigen Einlieferung in ein Krankenhaus überlebt hätte. Mit Sicherheit trat eine sofortige Bewusstlosigkeit ein.“ Die Bilder der Polizei zeigen einen leblosen Frauenkörper, der sich im Fallen zwischen einem Toilettensockel und der Wand verklemmt hat, auf den Fliesen sind vereinzelt Blutspritzer zu sehen.

Hielt sie für einen Einbrecher

Bubi Scholz hatte seine Ehefrau Helga erschossen, durch die Tür der Gästetoilette hindurch – gerade so, wie es jetzt im Fall des südafrikanischen Athleten Oscar Pistorius geschehen ist. Der beinamputierte Pistorius wird von der Staatsanwaltschaft beschuldigt, seine 29-jährige Freundin ermordet zu haben. Der Profisportler, der mit spektakulären Sprints auf Unterschenkelprothesen zum Star wurde, hatte am Valentinstag in seinem Haus seine Freundin Reeva Steenkamp durch die geschlossene Toilettentür im Badezimmer seines Hauses erschossen. Der als „Blade Runner“ bekannt gewordene Sportler beteuert, dass es ein tragisches Versehen war und er sie für einen Einbrecher gehalten habe. Nach mehrtägiger Verhandlung wurde er gegen Kaution freigelassen.

Bubi Scholz hatte an jenem Abend, an dem er seine Frau tötete, ein Repetiergewehr der J.G. Anschütz GmbH vom Kaliber .22 geladen. Er hielt es in einer Höhe von 1,35 Meter unmittelbar an die Tür und schoss in einem leicht ansteigenden Winkel. Das Projektil trifft Helga Scholz hinter dem rechten Ohr. Unmittelbar nach der Tat betrinkt sich der ohnehin schon reichlich alkoholisierte Bubi Scholz weiter. Er legt sich ins Bett und schläft ein.

Schwer zu sagen, wie ein Leben, wann eine Ehe auf solche Abwege geraten kann. Liest man heute die Aussagen der Nachbarn oder des Gärtners nach, dann entfaltet sich ein Bild sozialer Zerrüttung, das so gar nichts mit dem öffentlichen Glanz dieses Paars zu tun hat. „Als Gärtner Willi gegen 15Uhr zur Arbeit kam“, notierte etwa der Korrespondent des „Spiegel“, „saß Bubi Scholz auf dem Boden seines leeren Swimmingpools. Er hielt ein Weinglas in der Hand. Die Nacht davor hatte man bei Harald Juhnke Geburtstag gefeiert. Das war, wie zu erwarten, ein ziemliches Besäufnis geworden. Doch Bubi behielt auch dabei Laune und Standvermögen. Das Trinken war er ja gewohnt, die Entziehungskuren auch. ‚Willi‘, sagte er zu seinem Gärtner, ‚ick habe Zoff mit meiner Frau.‘“ Die Bewohner der angrenzenden Grundstücke berichteten denn auch von regelmäßigen Schreiereien jenseits des Gartenzauns. Aber Totschlag, oder sogar Mord? Vielleicht helfen ein paar Stationen in diesem außergewöhnlichen Leben, um sich einen Reim darauf zu machen. Die Geschichte von Bubi und Helga Scholz scheint sich auf den ersten Blick in das beliebte Erzählschema von Aufstieg und Fall zu fügen, von dem wir nicht genug kriegen können, seit sich der sagenhafte Ikarus an der Sonne verbrannte. Doch beim näheren Hinsehen erweist sich die Sache als komplizierter. Weniger ein Sturz ist es, den wir bezeugen, als vielmehr ein Siechtum, ein langsames Verlöschen. Die Geschichte des Bubi Scholz ist eine traurige Ballade vom Erfolg.

Scholz musste einen schmerzlichen Rückschlag einstecken, als 1955 bei ihm eine Rippenfellentzündung mit nachfolgender Tuberkulose diagnostiziert wurde – für die Ärzte ein sicheres Ende seiner Karriere. Doch für ein kleines Vermögen, unter Decknamen und strengster Abschottung der Presse trat Scholz eine Marathon-Kur im Schwarzwald an. Nach 650 Tagen Abstinenz konnte er wieder in den Ring steigen – wenn auch gegen den erklärten Rat seiner Ärzte. Und er schaffte es tatsächlich: Am 4. Oktober 1958 errang er nach 12 Runden gegen den drei Jahre älteren Franzosen Charles Humez die Europameisterschaft.

Ende der Karriere

Der Lebenswandel jener Jahre konservierte sich über die folgenden Jahrzehnte – wenn auch die Frage unbeantwortet blieb, womit die Leere zu füllen sei, die sich nach Ende der aktiven Karriere wohl oder übel auftun würde. Am 23. Juni 1962 griff Scholz im Berliner Olympiastadion gegen Harold Johnson nach der Weltmeisterschaft – vergebens, der Amerikaner gewann nach Punkten. Der größte Triumph, den ein Boxerleben bereithält, blieb Scholz versagt. „König bist du nicht geworden“, sagte Altchampion Max Schmeling, „aber du hast das Schloss gesehen.“ Noch heute empfindet man den galligen Spott, der in diesen Worten spielte. Im Februar 1965 gab Scholz das Ende seiner Karriere bekannt.

Was nun, als der Applaus ausblieb, mit seinem Leben anzufangen war, darauf wusste er keine rechte Antwort. Er versuchte sich als Chef einer Werbeagentur, während seine Frau die von ihm gegründeten Parfümerien betreute. Doch die Droge Popularität, an die er sich über Jahre hinweg gewöhnt hatte, war jetzt nur noch in geringen Dosen verfügbar. Scholz versuchte das Vakuum mit Tabletten zu füllen und mit sexuellen Eskapaden, die seine Frau nach außen schnippisch, nach innen wohl verbittert zur Kenntnis nahm. Immer ausschweifendere Partys wurden in dem Anwesen am Grunewald gefeiert, und jetzt, als der Erfolg keinen Dauerrausch mehr erzeugte, traten die Unterschiede zwischen diesen beiden Menschen zutage.

Zeitzeugen berichten von der zuweilen verletzenden Art der klugen Helga, mit der sie die Umtriebe ihres Mannes kommentierte. Man muss es tatsächlich für einen tragischen Unfall halten, was in jener Nacht geschah, als ein alkoholvernebelter Scholz das Gewehr gegen die Tür richtete. Eine Tötungsabsicht, gar einen Mord erkannte das Gericht nicht, nur die Fahrlässigkeit eines Sturzbetrunkenen. Es verurteilte ihn zu einer dreijährigen Haftstrafe. „Ich wollte sie da rausholen“, hatte Bubi Scholz immer wieder in der polizeilichen Vernehmung beteuert. „Ich wollte sie da rausholen.“ Es blieb unklar, ob er nur die Toilette damit meinte. Oder auch ein beschädigtes Leben.