Gewalt

Pistorius wegen „vorsätzlichen Mordes“ angeklagt

Sportler bricht vor Gericht wieder in Tränen aus – Erklärung von Anwalt wird vorgelesen

Als Oscar Pistorius am Dienstag vor das Magistratsgericht in Pretoria trat, trafen im knapp 1000 Kilometer entfernten Port Elizabeth gerade die Gäste zur Beerdigung jener Frau ein, für deren Tod er verantwortlich gemacht wird. 62 Gäste waren von der Familie des erschossenen Models Reeva Steenkamp eingeladen worden. „Gottes Geschenk, ein Kind“, stand auf einem Programm, das vor der 45-minütigen Zeremonie verteilt wurde.

Währenddessen präsentierten Staatsanwaltschaft und Verteidigung in Pretoria bei einer Anhörung erstmals konkrete Angaben, was aus ihrer Sicht in der Nacht zum vergangenen Donnerstag passiert ist, als Steenkamp von drei Schüssen durch die geschlossene Badezimmertür getroffen wurde und noch vor Ort starb. „Ich hatte nicht vor, meine Freundin zu töten“, hieß es in einer Erklärung von Pistorius, die von seinem Anwalt Barry Roux vorgelesen wurde. Der Angeklagte selbst sprach nicht. Der an beiden Beinen amputierte Leichtathlet brach beim Zuhören immer wieder in Tränen aus, sodass der Richter nach südafrikanischen Medienangaben die Anhörung einmal sogar für einige Minuten unterbrach. Das Paar habe den Abend zu Hause verbracht, hieß es in Pistorius’ Erklärung. Er sei in der Nacht aufgewacht und habe ohne Prothesen auf dem Balkon frische Luft geschnappt. Von dort aus habe er Geräusche im Bad gehört und in der Dunkelheit nach einer Pistole gegriffen, die unter dem Bett gelegen habe. Nach einigen Warnrufen habe er in dem Glauben geschossen, hinter der Badezimmertür verstecke sich ein Einbrecher, der durch ein leicht zugängliches Fenster eingestiegen sei. Erst danach habe er „mit Horror“ realisiert, dass Steenkamp nicht im Bett gewesen sei. Mit einem Kricketschläger habe er die Tür aufgebrochen und versucht, das schwer verletzte Model zu versorgen. „Sie ist in meinen Armen gestorben“, so lautet die Version Oscar Pistorius’ zu den Ereignissen, „ich kann nicht ertragen, wie viel Schmerz ich verursacht habe.“

Die Aussagen des Profisportlers stehen in krassem Gegensatz zur Darstellung der Staatsanwaltschaft, der zufolge es sich um „premeditated murder“ handelt, einen im Voraus geplanten, „vorsätzlichen Mord“. Das belegen „kalte, harte Tatsachen“, sagte Staatsanwalt Gerrie Nel. Die Tür zum Badezimmer sei abgeschlossen gewesen, und das „aus gutem Grund“. In seinem Eröffnungsplädoyer erwähnte Nel ein Mordmotiv, allerdings dürfe er das „zum jetzigen Zeitpunkt“ noch nicht offenlegen.

Für den Nachweis des Vorsatzes genüge aber die Feststellung, dass sich Pistorius seine Prothesen umgeschnallt und sich sieben Meter vom Bett entfernt habe, bevor er die Schüsse abgab: „Er wollte töten.“ Richter Desmond Nair hatte den Fall daraufhin im Sinne der Staatsanwaltschaft eingestuft, ein Vorsatz lasse sich „zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen“.

Damit gilt eine Freilassung auf Kaution, über die bei der aktuellen Anhörung entschieden wird, nach südafrikanischem Recht als sehr unwahrscheinlich. Die Verteidigung hatte argumentiert, es handele sich „nicht um Mord“. Auch die Möglichkeit eines Totschlages, der unter „Schedule 5“ fallen würde, wurde nicht erwähnt: „Es war ein Unfall.“ Eine Entscheidung über den Kautionsantrag wird morgen erwartet. Der eigentliche Prozess wird frühestens in einigen Monaten beginnen. Sollte Pistorius dann wegen „vorsätzlichen Mordes“ schuldig gesprochen werden, droht ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung. Vor dem Gericht versammelten sich einige Demonstranten. Sie zeigten Plakate mit Aufschriften wie „Pistorius sollte im Gefängnis verrotten“.