Gewalt

Dopingverdacht und ein weiterer Schuss

Polizei nahm Blutprobe bei Oscar Pistorius. Vieles deutet auf Mord an Freundin hin

Der südafrikanische Karikaturist Jonathan Shapiro, Künstlername „Zapiro“, gilt als verlässlicher Sensor für die Stimmung des Volkes in Südafrika. Er hat die Wahrnehmung des mordverdächtigen Leichtathleten Oscar Pistorius in einer Zeichnung treffend zusammengefasst, die in der südafrikanischen Zeitung „Sunday Times“ erschienen ist. Darauf ist Pistorius als gebrochener Sportler zu sehen, neben ihm steht in großen Buchstaben „Icon“ (Ikone) geschrieben, allerdings mit durchgestrichenem „I“. Übrig bleibt „Con“ – Betrüger.

„Wir wollen wissen, warum unsere Tochter auf diese Weise sterben musste“, sagte Steenkamps Mutter June der „Times of South Africa“ und brach damit ihr Schweigen. „Warum mein kleines Mädchen? Warum ist das passiert? Warum hat er das getan?“ sagte June Steenkamp. „Alles, was wir haben, ist dieser entsetzliche Tod, mit dem wir fertig werden müssen. Alles, was wir wollen, sind Antworten.“

In Südafrika glauben nach zahlreichen verbreiteten Mutmaßungen nur noch wenige an die zunächst verbreitete Version, Pistorius habe seine Freundin Reeva Steenkamp in der Nacht zu Donnerstag irrtümlich für einen Einbrecher gehalten und deshalb auf sie geschossen. Mehrere Zeitungen berichteten, Steenkamp habe bereits am Mittwoch gegen 18 Uhr die Wohnanlage betreten, in der sich Pistorius’ Haus befindet, das hätten die Auswertungen von Aufnahmen einer Überwachungskamera ergeben. Die Schüsse fielen zwischen drei und vier Uhr in der Nacht. Danach soll Pistorius zunächst seinen Freund Justin Divaris verständigt haben. „Oscar hat mich um 3.55 Uhr angerufen und gesagt, dass er Reeva erschossen habe“, sagte dieser der britischen Zeitung „Sunday People“.

Offiziell von der Polizei bestätigt wurden diese Meldungen nicht, die Behörden halten sich mit Stellungnahmen seit Donnerstagnachmittag zurück. Auch Pistorius’ Verteidiger kommentierten bislang keines der angeblichen Details der Tatnacht. So hieß es in einem Zeitungsbericht, Pistorius habe seine Freundin zunächst mit einem Kricketschläger geschlagen. Nachdem sie sich in das Bad geflüchtet hatte, schoss Pistorius in dieser Darstellung dann durch die Tür.

Absage aller Wettkämpfe

Pistorius wurde am Donnerstag auch eine Blutprobe abgenommen. Sie wurde auf illegale Substanzen untersucht, ein Ergebnis steht noch aus. Damit sollte festgestellt werden, ob der 26-Jährige zur Tatzeit Drogen, Dopingmittel oder Alkohol im Blut hatte.

Pistorius’ Manager Peet van Zyl alle Wettkämpfe des Sprinters ab. „Ich sehe keine andere Möglichkeit“, sagte er. Dieser Schritt solle es Pistorius ermöglichen, sich „auf die anstehenden Gerichtsverfahren zu konzentrieren“. Er war unter anderem zu Rennen in Australien, Brasilien und den USA gemeldet. Zudem standen im August als Höhepunkt die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau auf dem Programm. An diesem Dienstag wird in Pretoria über Pistorius’ Kautionsantrag entschieden. Selbst wenn diesem stattgegeben werden würde, was als unwahrscheinlich gilt, dürfte er das Land nicht verlassen. Der 400-Meter-Läufer hatte vor einigen Monaten in London als erster beidbeinig amputierter Sportler an Olympischen Spielen teilgenommen und damit weltweite Aufmerksamkeit erregt.

Seit seiner Verhaftung am vergangenen Donnerstag befindet sich der Sportler in Polizeigewahrsam in Pretoria, wo er viel Besuch erhält. Der 26-Jährige empfing am Wochenende Medienberichten zufolge Familienangehörige, Anwälte, Freunde, Berater und Geistliche. Pastor A.J. Wilson aus der Provinz Nordkap kam der „Cape Times“ zufolge mit seiner Tochter zu Pistorius. Der Athlet habe bei diesem Treffen durchweg geweint, berichtete der Pastor. „Wir haben zusammen über die Gegebenheiten geweint, mit denen er nun konfrontiert ist“, sagte der Geistliche. Pistorius, der Geistliche und dessen Tochter hätten sich zudem an den Händen gehalten und gebetet. Auch die Schwester von Pistorius, Aimee, war der Zeitung zufolge zu Besuch gekommen, äußerte sich aber nicht dazu.

Zahlreiche Journalisten, Fotografen und Kamerateams umlagern das Polizeirevier in der südafrikanischen Hauptstadt, seitdem der Sportler dort untergebracht ist. Offenbar wurden ihm dort besondere Rechte eingeräumt, so hat das Team seiner Verteidiger auch außerhalb der Besuchszeiten Kontakt zu ihm. „Wir haben die ganze Zeit Zugang zu ihm“, sagte sein Anwalt Kenny Oldwage.

Am Montag wurde bekannt, dass es im Januar einen Zwischenfall mit Pistorius in einem Restaurant gegeben hat. Die Zeitung „Beeld“ zitierte den Profiboxer Kevin Lerena mit den Worten, Pistorius habe mit einer Pistole „nur Zentimeter neben meinen Fuß“ geschossen. Er habe einen großen Schreck bekommen, „aber es war wirklich ein außergewöhnlicher Unfall“. Pistorius habe sich die Waffe eines Freundes ansehen wollen. „Er hat sich über mehrere Tage hinweg immer wieder bei mir entschuldigt“, sagte Lerena, der mit Pistorius befreundet ist.

Die Leiche der getöteten Reeva Steenkamp soll eingeäschert und am Dienstag in einer privaten Trauerfeier beigesetzt werden. Die Medien dürfen der Zeremonie nicht beiwohnen.