Pferdefleisch-Skandal

„Große kriminelle Energie“

Pferdefleisch-Skandal: Hunderttausende Fertiggerichte nach Deutschland geliefert. Erster deutscher Hersteller betroffen

Spuren von Pferdefleisch sind erstmals in einem Fertigprodukt eines deutschen Lebensmittelherstellers gefunden worden. Die Dreistern-Konserven GmbH & Co. KG aus dem brandenburgischen Neuruppin teilte mit, dass in „Rindergulasch 540g Omnimax“ „Spuren von Pferde-DNA nachgewiesen“ worden seien. Bisher stehen französische Hersteller im Fokus der Pferdefleischdebatte.

Damit nimmt der Pferdefleischskandal immer größere Dimensionen an: Das Bundesverbraucherschutzministerium bestätigte am Sonnabend dass 179.000 verdächtige Lasagnepackungen nach Deutschland importiert wurden. Sie sollen entgegen den Angaben auf der Verpackung auch Pferdefleisch enthalten haben. „Spiegel online“ berichtete unter Berufung auf EU-Lieferlisten, dass knapp 360.000 Packungen Lasagne und Cannelloni von einem verdächtigen Luxemburger Betrieb an den deutschen Lebensmittelhandel geliefert wurden.

Die aus dem Ausland importierten verdächtigen Fertigprodukte wurden aus den Verkaufsregalen genommen. Sie stammen unter anderem vom französischen Fleischverarbeiter Comigel, der über seine Luxemburger Filiale deutsche Lebensmittelketten beliefert hatte. So hatte Kaiser’s Tengelmann am Freitag bekannt gegeben, eine Lasagne von Comigel habe Pferdefleisch enthalten.

Mit der Brandenburger Firma Dreistern-Konserven räumte nun auch ein deutscher Betrieb ein, Rindergulasch eigener Herstellung enthalte Spuren von Pferdefleisch. Auf ihrer Internetseite teilte die Neuruppiner Firma mit, Pferde-DNA sei in Konserven mit der Bezeichnung „Rindergulasch 540g Omnimax“ nachgewiesen worden. Zu den Ursachen erklärte die Firma: „Die nachgewiesenen Spuren von Pferde-DNA können im Rahmen der Fleischverarbeitung bereits durch die Nutzung gemeinsamer Schlachthäuser oder Transportbehälter entstanden sein.“

Bei dem Unternehmen war am Sonnabend niemand zu erreichen. Sicherheitsleute riegelten das Gelände der Firma ab. Eine Sprecherin des Brandenburger Verbraucherschutzministeriums erklärte, es gebe noch keine Erkenntnisse darüber, wie das Pferdefleisch in das Produkt gelangt sei und woher es stammen könnte.

Mit der Hilcona AG war ein weiterer deutscher Fleischverarbeiter in den Skandal verwickelt. Im vom Discounter Lidl verkauften Nudelprodukt „Combino Tortelloni Rindfleisch“ hatten österreichische Behörden Pferdefleisch entdeckt. Hilcona teilte mit, der Betrieb beziehe sein Frischfleisch von einem deutschen und einem Schweizer Hersteller. „Mit beiden steht Hilcona AG in engem Kontakt und setzt alles daran, den Sachverhalt lückenlos aufzuklären“, hieß es.

Illegale Schlachtungen?

Die im niedersächsischen Buchholz ansässige Betz Holding hatte am Freitag über Aldi Süd verkaufte Ravioli-Konserven zurückgezogen. Eine Stichprobe habe eine „Kontamination mit Pferdefleisch“ ergeben, teilte das Unternehmen auf seiner Webseite mit. Bei der Holding handelt es sich nach den Angaben auf der Webseite um eine Vertriebsgesellschaft, die demnach die Konserven nicht selber hergestellt hat. Bislang wiesen die Spuren in dem Skandal auf die französische Firma Spanghero, die Pferdefleisch aus Rumänien zu Rinderfleisch umetikettiert und damit Hersteller von Fertigspeisen beliefert haben soll. Spanghero belieferte den ebenfalls französischen Fleischbearbeiter Comigel. Comigel wiederum ist Zulieferer großer deutscher Handelsketten. Sowohl Spanghero als auch Comigel bestreiten, die Inhaltsangaben ihrer Produkte wissentlich gefälscht zu haben.

Branchenkenner äußerten den Verdacht, dass illegal geschlachtete Pferde im Hackfleisch landeten. „Wir können uns nicht vorstellen, dass Pferdefleisch zu einem Bruchteil des Preises für Rind legal gehandelt wird“, sagte der Sprecher des Deutschen Fleischerverbands (DFV), Gero Jentzsch. Weil der Markt für Pferdefleisch so klein ist, können allerdings weder der DFV noch die Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI) in Bonn einen genauen Preis für Pferdefleisch nennen.

Die Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker warnte vor dem Medikament Phenylbutazon, das in exportiertem Pferdefleisch aus Großbritannien entdeckt wurde. „Es ist ein stark wirksames Mittel gegen Entzündungen im Körper und keinesfalls total unproblematisch“, sagte die Expertin Petra Zagermann-Muncke. Als Nebenwirkungen seien schwere allergische Reaktionen – Hautausschläge oder Asthma – oder Beeinträchtigungen des Blutes möglich, auch unabhängig von der Dosis. Phenylbutazon wird bei Pferden als Dopingmittel verwendet.

Die Verbraucherzentralen kritisierten ungenügende amtliche Informationen für die Kunden über den Pferdefleischskandal. Der deutsche Lebensmittelhandel wies den Vorwurf zurück, Supermarktketten hätten ihre Kunden zu spät über mögliches Pferdefleisch in Tiefkühllasagne informiert. Die Firmen hätten angesichts erster Verdachtsfälle die Produkte vorsorglich aus dem Verkauf genommen, teilte Präsident Friedhelm Dornseifer vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels mit.

Nationales Kontrollprogramm

Die Verbraucherminister von Bund und Ländern wollen am Montag bei einer Sondersitzung über Konsequenzen aus dem Pferdefleischskandal beraten. „Da der Betrugsfall immer größere Dimensionen annimmt, müssen Länder und Bund im engen Schulterschluss schnell und konsequent handeln“, forderten die Vorsitzende der Verbraucherschutzministerkonferenz der Länder, Hessens Umweltministerin Lucia Puttrich, und Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner. Aigner trat in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ für ein nationales Kontrollprogramm ein, das über die von der EU beschlossenen Maßnahmen hinausgehen soll. „Der Betrugsfall nimmt immer größere Dimensionen an. Hier wurde offenbar mit großer krimineller Energie gehandelt“, sagte sie.