Interview

„Maggizeug, graue Hose, Milch“

Wigald Boning hat ein Buch über sein liebstes Hobby geschrieben: Einkaufszettel sammeln

Wigald Boning veröffentlicht in dieser Woche sein neues Buch „Butter, Brot und Läusespray – Was Einkaufszettel über uns verraten“. Es ist bereits sein sechstes Buch und handelt von seiner kuriosen Leidenschaft, Einkaufszettel zu sammeln. Laura Waßermann hat mit dem Comedian gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Herr Boning, bei Wikipedia steht, Sie sammeln Einkaufszettel und Nasenhaarschneider. Heißt das, Ihr nächstes Buch wird von Nasenhaarschneidern handeln?

Wigald Boning:

Nein, das glaube ich nicht. Das ist ein interessantes Sammelgebiet, vor allem wegen der Verpackungen. Wie Männermodels dieses Gerät in die Nase einführen, sieht lustig aus. Aber das ist nicht so ein universelles Menschheitsthema wie das der Einkaufszettel.

Was ist das Interessante an Einkaufszetteln?

Da spielt ganz viel mit rein. Zum Beispiel Handschriftendeutung, und man kann sich viele Gedanken über die Konsumgesellschaft machen.

Wie kommt man zum Sammeln und Analysieren von Einkaufszetteln?

Ende der 90er-Jahre habe ich mich mit einem Supermarktleiter angefreundet: Herr Schramm vom V-Markt 1000 in der Nähe meines Wohnortes. In einem Smalltalk sind wir irgendwann auf die Einkaufszettel gekommen, und ich erkundigte mich, ob Einkaufszettel in der Marktforschung berücksichtigt würden. Als ich das nächste Mal in den Supermarkt kam, drückte Herr Schramm mir zwölf Einkaufszettel in die Hand. Diese Exemplare wurden der Grundstock meiner Sammlung.

Was hat Sie daran gereizt?

Das erste Exemplar hat sofort meine Sammelleidenschaft entfacht: Oben stand „Getränke“, dann kam lange erst mal nichts, dann „Maggizeug, Brötchen, Blumenerde, graue Hose, Milch“. Mein erster Gedanke war, warum diese Lücke dort ist. Was ist das für ein Herr, der Blumenfreund ist und offenbar seine Brötchen nur mit „Maggizeug“ würzt? Wie die Fantasie angeregt wird beim Lesen solcher Zettel, das fand ich spannend.

In Ihrem Buch steht: „Der Einkaufszettel ermöglicht dem kundigen Leser einen Direktblick in die Seele des Verfassers“.

Das geht manchmal ins Intimste. Man kann den Gesundheitszustand des Verfassers ja beinahe genau diagnostizieren, wenn es sich beispielsweise um einen Apotheken-Zettel handelt. Oder man entdeckt Liebesgeschichten. Auf meinem Lieblingseinkaufszettel steht „3x Bier mehr nicht“ und weiter unten dann „Ich liebe dich für immer mein Schatz Kuss“. Da schmilzt einem ja das Herz, und man hat unwillkürlich eine Ahnung, um welche Art der Beziehung es sich handelt.

Wieso ist gerade das Ihr Lieblingszettel?

Dort steht außerdem noch „Hilsen, Pelse 2x“ – Pelze können ja nicht gemeint sein. Obwohl die Idee vom Lidl-Pelz mich auch direkt wieder zum Schmunzeln bringt. „Kuss“ wird mit einem runenartigen Doppel-S geschrieben. Da kann man sich vielleicht fragen, was das denn für eine eigenartige Braut war? Aber das denke ich überhaupt nicht. Da dachte wohl eher jemand an die Band „Kiss“.

Was steht denn eigentlich auf Ihren Einkaufszetteln?

Die sind leider recht langweilig, weil ich die nur schreibe, wenn ich was Spezielles koche. Ich stecke meine Zettel dann aber auch immer wieder ein und werfe sie dann irgendwann weg. Langweiliger geht’s also eigentlich gar nicht.

Im Zeitalter des iPhones werden auch die Einkaufszettel elektronisch. Denken Sie, das „Solitär unter den Literaturgattungen“, wie Sie den Einkaufszettel betiteln, stirbt damit aus?

Ja, das ist auf jeden Fall eine aussterbende Literaturgattung. Wer Einkaufszettel sammeln will: Jetzt ist eine gute Zeit dafür! Die Apps greifen immer mehr um sich, die wiederum auch irgendwann vom intelligenten Kühlschrank abgelöst werden. Ähnlich wie bei den Romanen wird der Einkaufszettel irgendwann nur noch bei Literaturwissenschaftlern bekannt sein.

Was sammeln Sie noch alles?

Ich habe eine schöne Duschhauben-Sammlung, die kosten nichts, und in jedem Hotel kann ich wieder ein Exemplar mitnehmen. Und dazu noch, ganz klassisch, eine Sammlung mit Streichholzschachteln, aber nur Schachteln von 1974 bis 1982, also aus der Kanzlerperiode von Helmut Schmidt. Die habe ich mit der Absicht gesammelt, seine Regentschaft anhand des Designs der Schachteln nachzuvollziehen.

„Butter, Brot und Läusespray – Was Einkaufszettel über uns verraten“, 9,99 Euro.