Ehrenmordprozess

Mord um der Ehre willen

Der Vater der getöteten Kurdin Arzu Ö. erwartet sein Urteil, ihm droht eine langjährige Haft

Vor einem Jahr und drei Monaten wurde Arzu Ö. von ihrem eigenen Bruder ermordet. Die 18-Jährige aus dem nordrhein-westfälischen Detmold musste am 1. November 2011 sterben, weil ihre Familie nicht akzeptierte, dass sie einen deutschen Freund hatte. Die Ö.s gehören zur Religionsgemeinschaft der Jesiden, Liebesbeziehungen zu Andersgläubigen sind verboten. Dieser Grundsatz wurde Arzu, die ihren Partner trotz des immensen Drucks ihrer Eltern und Geschwister nicht verließ, zum Verhängnis. Ein sogenannter Ehrenmord.

Das Landgericht Detmold verurteilte fünf der neun Geschwister der jungen Frau im Mai 2012 zu Haftstrafen zwischen lebenslang für den Todesschützen Osman, 22, und fünf Jahren. Am heutigen Montag nun könnte das letzte Wort im Fall Arzu Ö. gesprochen werden.

Anstiftung zum Mord

Dann wird das gleiche Gericht das Urteil im Prozess gegen Fendi Ö., den Vater der Getöteten, sprechen. Der 53-Jährige ist wegen Anstiftung zum Mord an seiner Tochter sowie schwerer Körperverletzung angeklagt. Nach drei Prozesstagen ist davon auszugehen, dass Staatsanwalt Christopher Imig in seinem Plädoyer eine langjährige Haftstrafe für Ö. fordern wird. Bis zu 15 Jahre sind möglich.

Verteidiger Torsten Giesecke wird hingegen auf „nicht schuldig“ plädieren. Schon im Vorfeld und in den Verhandlungspausen hatte er gesagt, Indizien alleine könnten für eine Verurteilung seines Mandanten nicht ausreichen.

Diese simple Schlussfolgerung greift allerdings zu kurz; regelmäßig kommt es am Ende von Indizienprozessen zu Verurteilungen. Im Fall Fendi Ö. gibt es zudem schwerwiegende Indizien für die Schuld des Angeklagten. Da wäre zum einen seine Rolle innerhalb der Familie.

Mehrere Zeugen zeichneten ein Bild von Ö. als Familienoberhaupt, von einem, der das Sagen hat. Nachdem die Eltern und Geschwister von Arzus geheim gehaltener Beziehung zu einem Bäckergesellen erfahren und das Mädchen geschlagen und bedroht hatten, flüchtete die junge Frau in ein Frauenhaus und zeigte Vater und Bruder an. Eine 48-Jährige, die Arzu dort kennengelernt hatte, berichtete im Zeugenstand von einer „Höllenangst“ des Mädchens vor ihrem einst geliebten Vater. Sie soll gesagt haben: „Wenn ich nach Hause komme, bringt Papa mich um.“

Der jesidische Psychologe und Universitätsprofessor Jan Kizilhan erklärte vor Gericht die patriarchalen Strukturen jesidischer Familien. Bei Regelverletzungen müsse das Familienoberhaupt aktiv werden: „Sonst gilt es als schwach.“ Auch das spricht für eine Beteiligung des Vaters an dem Tod seiner Tochter.

Schwer einzuschätzen ist, wie Richter Michael Reineke das Auftreten eines Häftlings bewertet, der mit Arzus später verurteiltem Bruder Elvis die Zelle teilte. Der Mann hatte bei der Polizei ausgesagt, Elvis habe ihm erzählt, sein Vater sei es gewesen, der Arzu töten wollte.

Belastende Telefonate

Definitiv belastend für Fendi Ö. ist die Tatsache, dass er in der Tatnacht vor und nach der Tötung seiner Tochter mehrfach mit seinen an dem Mord direkt beteiligten Kindern telefonierte. Die Auswertung der Telefongespräche der Familienmitglieder hat ergeben, dass Arzus Geschwister in dieser Zeit mit ihren Handys mehrfach mit einem Handy, das sich im Haus der Familie befand, verbunden waren. Selbst Ö.s Verteidiger Giesecke hegt keinen Zweifel daran, dass es sein Mandant war, der dieses Telefon benutzte. Weil das Gericht keine Informationen über die Gesprächsinhalte sammeln konnte, will Giesecke in den Telefonaten aber auch kein Indiz für eine Schuld Ö.s erkennen.

Aber ist es wirklich vorstellbar, dass Arzus Geschwister den Mordplan ohne die Zustimmung des mächtigen Vaters durchführten? Und, wie eine Menschenrechtlerin, die den Prozess verfolgte, sagte: Ist es nicht eine noch größere Ehrverletzung, wenn der Vater von seinen Kindern hintergangen wird?

Zur Klärung dieser Fragen hätten die Verwandten Fendi Ö.s beitragen können. Falls der Vater mit dem Mord nichts zu tun hatte, hätten die verurteilten Kinder ihn vor Gericht entlasten können. Stattdessen machten seine engsten Vertrauten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Von einer Mauer des Schweigens sprachen im Vorfeld schon die Ermittler. Auch der Angeklagte selbst hat sich im Detail nicht zu den Vorwürfen, die den Mord betreffen, geäußert. In einer Erklärung, die sein Verteidiger verlas, ließ er verlauten, Arzu sei aus der Familie ausgeschlossen worden: „Damit war die Sache erledigt.“

Den Vorwurf der Körperverletzung räumte Ö. indes ein. Er gab zu, seiner Tochter mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen und sie mit einem Stock verprügelt zu haben. „Grün und blau“ sei Arzu gewesen, sagte eine ihrer Freundinnen, zu der die junge Frau nach der Attacke des Vaters geflüchtet war. In Ö.s Erklärung hieß es, seine Tochter sei „sehr respektlos“ aufgetreten, was ihn „emotional sehr erregt“ habe. Dann habe er sie angegriffen: „Es tut mir leid. Mein Verhalten war nicht richtig.“

Mit den Geschehnissen danach – der fieberhaften Suche nach Arzu, ihrer Entführung aus der Wohnung ihres Freundes, ihrer Ermordung auf einem Rastplatz, dem Verscharren ihrer Leiche am Rande eines Golfplatzes – will Fendi Ö. nichts zu tun gehabt haben.

Ein Polizist, der in der Tatnacht zum Haus der Familie Ö. fuhr und den Vater über die Entführung informierte, schilderte vor Gericht die Reaktion des Mannes: Er habe sich „teilnahmslos“ verhalten und sei „in keinster Weise kooperativ“ gewesen. Es ist ein komplizierter Fall für Richter Reineke. Dass Fendi Ö. straffrei davonkommt, ist jedenfalls ausgeschlossen. Zumindest für die Körperverletzung wird er wohl belangt werden.

Zudem ließ Reineke während der Verhandlung durchblicken: Falls der Angeklagte die Tat hätte verhindern können, ist auch eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord durch Unterlassen möglich. Bei diesem Szenario müsste Ö. ebenfalls für viele Jahre hinter Gitter.