Diskriminierung

Als Willy Brandt seine Hand auf mein Knie legte…

Herrenwitz oder Übergriff? Unsere Autorin hat es erlebt

Alles auch eine Frage des Alters. Der Lebenserfahrung, der Souveränität. Alles auch eine Frage des richtigen Rahmens. Und da gibt es Unterschiede wie Tag und Nacht. Im Wortsinn. Party oder Büro, spielerisch oder plump, Herr oder Mann? Wann wird die Schote zur Zote, wann der Flirt zur sexuellen Belästigung? Wann wird das Harmlose politisch und wann politisch missbraucht?

Rainer Brüderle ist ein Charmeur. Je nach Tages- (oder Abend)form, könnte man sagen, ein besserer oder schlechterer. Er stammt aus einer Generation, die damit sozialisiert wurde, dass das (meist) unverfängliche Anbaggern zum Gesellschaftsspiel gehört, zum Mannsein. Er ist der joviale Genussmensch, ist zu jeder Tischdame reizend, ein Weinchen mehr darf es auch sein.

Als angehende Reporterin Anfang der 80er-Jahre in Kiel war ich furchtbar stolz, bei einer CDU-Veranstaltung neben dem damaligen neuen Ministerpräsidenten Uwe Barschel zu sitzen. Dass er mit mir flirtete, schien mir logisch. Ich komme von der Küste, hatte Freunde, Brüder, kannte Herrenwitze und Männerwitze und wusste, dass man sie nicht weiter ernst nehmen muss. Ich hab viel gekichert an diesem Abend. Und fühlte mich geehrt. Die Kollegen waren neidisch auf meinen Platz.

Irgendwann in diesen Achtzigern sagte Hans-Dietrich Genscher bei einem fröhlichen Abend in großer Runde an langen Holztischen zu mir: „Ich wüsste schon gern, wie Ihre Lippenstiftfarbe schmeckt.“ Gott, haben wir geprustet. Es war für niemanden peinlich.

Anfang der Neunziger lud Willi Brandt einige Journalisten zu einem Roundtable-Gespräch in Berlin, es war Tag, es war ernst, worum es genau ging, weiß ich gar nicht mehr. Ich saß neben ihm. Was mir zunächst gefiel – es geht auch unter Journalisten um die Poleposition –, brachte mich plötzlich in große Verlegenheit. Eine Hand legte sich auf mein Knie. Ich reagierte nicht, verspannte komplett, war erschrocken und irritiert. Hätte ich laut sagen sollen. „Pfoten weg, Herr Brandt!“ Heute würde ich es wahrscheinlich tun. Die Hand verschwand zum Glück schnell wieder. Ich habe nie wieder mit dem Mann gesprochen, denn er hatte die Grenze weit überschritten.

Krampf oder Kampf? Viel zu häufig gibt es noch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und anderswo. Echte Not, ausgenutzte Ängste. Widerlich, ohne Wenn und Aber. Es scheint aber nachzulassen. Auch das gehört zur Diskussion, Frauen sind nicht per se Opfer, es gibt nicht wenige, die wissen, was sie wann wofür tun. Klischeegerecht kommentierte denn auch Cindy aus Marzahn in der „Gala“ ihre Verpflichtung bei „Wetten, dass ..?“ mit dem Satz: „Ich muss nicht mehr mit jedem schlafen, das ist jetzt endgültig vorbei.“

Was man nicht mehr ertragen kann, ist die Selbstüberschätzung eines Mannes, der nicht in Würde altern kann. Und wenn ein spanischer Beamter zitiert wird mit dem Satz: „Frauen sind dazu da, missbraucht zu werden“, dann ist das kein Herrenwitz, sondern einfach nur blöd. Doch wir müssen auch aufpassen, dass die Empörer nicht jedes Terrain besetzen.

Manchmal treffe ich Rainer Brüderle bei Empfängen. Er sagt dann charmant : „Sie werden ja immer jünger!“ Ich bin Mitte 50 und freu mich.