Forschung

Erfolg durch Selbstkontrolle

Eine Studie zeigt: Wer sich schon als Kind gut selbst beherrschen kann, ist später erfolgreicher und sozial kompetenter

„Alle glücklichen Familien gleichen einander; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Das ist der erste Satz aus Leo Tolstois Roman „Anna Karenina“ – und er beschreibt kanadischen Wissenschaftlern zufolge perfekt das Ergebnis ihrer gerade in „Nature Communications“ erschienenen Studie.

Die Forscher um Marc Berman vom kanadischen Rotman Research Institute in Toronto fanden heraus, dass sich ein hohes Maß an Selbstkontrolle aus der Gehirnaktivität ablesen lässt. In ihrem Versuch sollten Probanden im Magnetresonanztomografen sechs Wörter auswendig lernen – und wurden anschließend angewiesen, drei davon wieder zu vergessen. Schließlich sollten sie immer dann einen Knopf drücken, wenn eines der drei noch übrigen relevanten Wörter auf einem Bildschirm erschien.

Marshmallow nicht essen dürfen

Das erfordert Selbstkontrolle, denn man muss drei der gelernten Wörter komplett ignorieren, obwohl sie zuvor ins Bewusstsein gerückt wurden. Teilnehmer mit guter Selbstkontrolle nutzten ihre neuronalen Netzwerke nicht nur effizienter, sie zeigten als Gruppe auch ein homogeneres Aktivierungsmuster als die weniger kontrollierten Probanden. Die stark Kontrollierten nutzten also nur wenige, dafür aber die gleichen Netzwerke, während weniger Kontrollierte viele und individuell unterschiedliche Netzwerke anwarfen.

Der Vergleich mit den glücklichen und unglücklichen Familien ist kein Zufall. Die 24 Teilnehmer dieser Studie gehören zu einer besonderen Gruppe von Versuchsteilnehmern. Sie alle saßen Ende der Sechzigerjahre, damals zwischen vier und sechs Jahre alt, vor einem Tisch im Versuchslabor der Stanford Bing Nursery School, einer Art Kindergarten zu Forschungszwecken, und starrten auf einen Marshmallow.

Liegt die Kontrolle in den Genen?

Der Psychologe Walter Mischel hatte ihnen gesagt, sie könnten den Marshmallow sofort essen – oder aber eine Weile warten und dafür später zwei bekommen. Dann verließ er den Raum und beobachtete durch einen Einwegspiegel, was die Kinder anstellten, bis er 15 Minuten später wiederkam. Einige Kinder schafften es unter Aufbietung aller Kräfte zu warten, andere nicht. Eine ganz witzige Idee, doch nicht einmal Mischel selbst ahnte, dass seine Experimente zum Belohnungsaufschub – er testete mehr als 500 Kinder mit unterschiedlichen Belohnungen und Wartezeiten – einst legendär werden würden.

Denn als Mischel seine Versuchsteilnehmer 13 Jahre später erneut unter die Lupe nahm, gab es erstaunliche Ergebnisse. Jene Kinder, die im Vorschulalter lange hatten warten können, waren als junge Erwachsene entschlossener, erfolgreicher in der Schule und konnten besser mit Rückschlägen umgehen. Sie wurden als sozial kompetenter beurteilt und wurden seltener drogenabhängig als jene, die dem Marshmallow vor ihrer Nase damals nicht hatten widerstehen können. Die Ungeduldigen dagegen waren emotional instabiler und schnitten in der Schule schlechter ab – obwohl sie nicht weniger intelligent waren. „Es ist bemerkenswert, dass unsere Versuchsteilnehmer selbst nach 40 Jahren eine so ausgeprägte neuronale Signatur tragen, die möglicherweise einen biologischen Marker für die Fähigkeit zur Selbstkontrolle darstellen könnte“, schreiben Berman und seine Kollegen; darunter auch Walter Mischel. Dass bereits das Verhalten Vierjähriger so aussagekräftig für ihren weiteren Lebensweg sein konnte, stieß schon vor einiger Zeit Diskussionen darüber an, ob die Fähigkeit zur Selbstkontrolle ganz oder zum Teil genetisch veranlagt sei – und ob das bedeute, dass sie unveränderbar ist.

Auch in der neuen Untersuchung von Berman bestätigte sich dieser Fund: Die weniger Kontrollierten hatten längere Reaktionszeiten und machten mehr Fehler – auch wenn der Unterschied zu den stark Kontrollierten nicht sehr groß war. Und auch Untersuchungen, die sich nicht auf die Marshmallow-Kinder bezogen, hatten das immer gleiche Ergebnis: Wer sich schon als Kind gut selbst beherrschen kann, kann dies auch im Alter. Die Langzeitstudie von Avshalom Caspi und Terrie Moffit vom King’s College in London etwa testete 1037 Kinder in regelmäßigen Abständen von der Geburt an bis zum 32. Lebensjahr.

Die Psychologin Celeste Kidd von der Rochester University in New York fand all diese Studienergebnisse nicht nur deprimierend und entmutigend, sondern bemängelte auch, dass das Lebensumfeld der Kinder bei dem üblichen Marshmallow-Test nicht berücksichtigt wird. Sie selbst hatte einige Zeit in einem Heim für obdachlose Familien im kalifornischen Santa Ana gearbeitet, wo die Kinder kaum etwas besaßen. „Sie würden den Marshmallow sofort essen“, dachte sie. Kidd vermutete, dass ein unbeständiges und unzuverlässiges Umfeld dazu führt, dass Kinder keinen Belohnungsaufschub zeigen. „Auf Belohnungen warten zu können spiegelt nicht nur die Fähigkeit eines Kindes zur Selbstkontrolle, es zeigt auch seinen Glauben an den praktischen Sinn des Wartens“, so Kidd. Denn Selbstkontrolle sei nur dann sinnvoll, wenn sie sich auch auszahle. Wer gelernt hat, dass er danach mit leeren Händen dasteht, wird schneller zugreifen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Selbstkontrolle entsteht also im komplexen Zusammenspiel von genetischen Veranlagungen, wie etwa dem Temperament des Kindes, und frühen Lernerfahrungen mit seiner Umgebung.