Kinderraub in Spanien

Mehr als 250.000 gestohlene Babys

Sie verschwanden seit Franco-Regime bis in die 90er-Jahre aus den Kliniken in Spanien: Jetzt finden Kinder und Eltern zusammen

Fast 50 Jahre sind vergangen, und am Samstag im spanischen Turia in der Provinz Valencia ist es so weit: Die Mutter umarmt zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Tochter. Der Frau hatte man 1964 im Krankenhaus gesagt, ihre Tochter sei bei der Geburt gestorben. Sie hat es geglaubt. Die Tochter war es, die 2011 wissen wollte, wo sie herkam. Damals häuften sich Berichte über Entführungen von neugeborenen Babys in der Franco-Zeit, die illegal an kinderlose Familien verkauft wurden. Anhand der Krankenhauspapiere und der DNA von 200 Frauen gelang es der Polizei, die wahre Mutter zu ermitteln. „Die Tochter hat uns um Diskretion gebeten und will ihren Namen nicht preisgeben, weil ihre Adoptivmutter im Sterben liegt und sie ihr in den letzten Tagen nicht unnötig Kummer bereiten will“, sagt Luna Mont, Sprecherin des valencianischen Suchverbands „SOS Bebés robados“ (SOS geraubte Babys), die den Fall betreut hat.

Es ist nicht der einzige Fall, mit dem sich die spanische Polizei derzeit beschäftigt. Rund 1000 Anzeigen häufen sich landesweit in den Amtsstuben, nur knapp 20 Kindesentführungen wurden bislang gelöst, darunter auch der Fall von Manuela, 81, aus dem nordspanischen Dorf As Pontes bei La Coruña. Sie fand ihre Tochter Maria Jesús nach 44 Jahren wieder. „Mein Kind war stark, ich glaubte den Nonnen im Krankenhaus kein Wort, als sie mir nach der Entbindung sagten, mein Kind sei tot auf die Welt gekommen“, sagt Manuela.

Nur die Spitze des Eisbergs

„Wir glauben, dass die wenigen gelösten Fälle die Spitze eines Eisbergs sind“, sagt Antonio Barroso, 44. „Zwischen 1960 und 1990 wurden nach unseren Schätzungen in Spanien mehr als 250.000 Babys ihren Eltern geraubt und an kinderlose Paare verkauft.“ Barroso hat die Vereinigung Anadir gegründet, eine der ersten, die versucht, die Verbrechen aufzuschlüsseln. Barroso selbst ist ein dramatischer Fall. Im Jahr 2008 hatte er durch Zufall herausgefunden, dass sein eigenes Leben auf einer Lüge basierte. Damals hatte ihn sein Freund Luis Moreno angerufen. Beide seien Schicksalsgenossen, teilte er dem völlig ahnungslosen Antonio mit. Luis’ Eltern hätten ihn in einer Klinik in Saragossa gekauft, und Antonios Eltern hätten das auch getan. Das habe ihm sein Vater auf dem Sterbebett gestanden. Heimlich machte Antonio einen DNA-Abgleich mit seinen vermeintlichen Eltern – der Befund war negativ. Seine Mutter gestand ihm daraufhin, dass sie und ihr Mann tatsächlich nicht seine leiblichen Eltern seien. Eine Nonne hatte Antonio seinerzeit verkauft, für 200.000 Peseten, so viel kostete 1979 eine Wohnung. „Zehn Jahre lang mussten meine Adoptiveltern, einfache Arbeiter in einer Zementfabrik, mich in Raten bezahlen“, erzählt Antonio.

Der Raub der Neugeborenen war bestens organisiert, zahllose Kliniken im ganzen Land sind involviert. Den Nonnen kam eine ganz besondere Rolle zu. Sie waren es, die die Schwangeren intensiv betreuten. Im Falle von unverheirateten Frauen versuchten die Ordensschwestern vor der Entbindung, sie zur Freigabe zur Adoption zu überreden. Das geschah seinerzeit auch Paloma Moset, 54, die 1984 in einer Madrider Klinik entband und sich weigerte, den Ratschlag der Nonne zu befolgen. Sie wollte ihr Kind behalten, doch als sie nach einem Kaiserschnitt aus der Narkose erwachte, war es weg. Man sagte ihr, das Neugeborene sei besonders entstellt gewesen und sofort nach der Geburt verstorben. Noch heute sucht Pilar, die mittlerweile in Alicante lebt, nach ihrem Kind, bislang vergebens.

Nur eine einzige dieser Ordensschwestern musste bislang vor Gericht aussagen. Es handelt sich um Sor Maria Gómez Valbuena, sie spielt eine Hauptrolle im Fall der „geraubten Kinder“, der ganz Spanien erschüttert. Die heute 87-Jährige vom Orden der Barmherzigen Schwestern leistete jahrzehntelang in der Madrider Klinik Santa Cristina seelischen Beistand. Mittlerweile wurden vier Verfahren wegen Kindesraubs gegen sie eingeleitet. Vor Gericht brachte sie Maria Luisa Torres, die ihre Tochter mithilfe einer engagierten Fernsehreporterin wiederfand. „Sor Maria tat so, als wolle sie den Frauen helfen, in Wirklichkeit war sie autoritär und hartherzig“, so Maria Luisa. „Ich hatte seinerzeit eine außereheliche Beziehung, und Sor Maria wollte mir helfen, stattdessen klaute sie mir mein Kind.“ Sor Maria schwieg stur vor Gericht. Sie sei unschuldig und habe nur aus tiefer religiöser Überzeugung gehandelt, ließ sie in einem Brief wissen.

Ein lukratives Geschäft

Eigentlich kannte man die systematischen Kindesentführungen nur aus der Zeit des Bürgerkriegs (1936–1939) und den schweren Nachkriegsjahren. Zehntausenden inhaftierten republikanischen Frauen wurden in jenen dunklen Jahren die Kinder, die im Gefängnis zur Welt kamen, weggenommen und an regimetreue, oft kinderlose Paare weitergereicht. „Der Raub von Kindern – einst politisch motiviert – wurde nach dem Ende des Franco-Regimes zum lukrativen Geschäft für Ärzte, Hebammen, Pfarrer und Beamte“, sagt Antonio.

Am Freitag hätte Sor Maria wieder aussagen müssen. Sie erschien nicht vor Gericht, der Arzt bescheinigte ihr „Verhandlungsunfähigkeit“ aufgrund des hohen Alters. Ein Dutzend Menschen demonstrierte trotz Verbots vor dem Gerichtsgebäude.