Mondmission

Streit um einen berühmten Satz

„Ein kleiner Schritt für einen Menschen …“ und große Worte dazu – aber wer hat Neil Armstrongs Worte wirklich erdacht?

– Einen kleinen Schritt könnte die Menschheit dieser Tage weitergekommen sein, auf der Suche nach der Wahrheit über einen ihrer berühmtesten Sätze. Der große Sprung zur endgültigen Klärung aber blieb aus. Neil Armstrong, erster Mann auf dem Mond, aus dessen Mund jener Satz im Juli 1969 kam, dürfte das große Geheimnis mit in den Himmel genommen haben – bei seinem zweiten, endgültigen Aufstieg, nachdem er im August 2012 verstorben war.

„Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit.“ Das waren Armstrongs Worte, als er die oberste Sprosse der Leiter bestieg, um aus dem Landemodul „Eagle“ auf die Mondoberfläche hinabzusteigen. Die Apollo-Mission war am Ziel. Es war ein Satz von einer intellektuellen Tragweite, die man von dem eher wortkargen Armstrong nicht gewohnt war, ja, die ihm manch einer, der ihn kannte, wohl auch nicht zugetraut hätte. Noch bevor der erste Mann auf dem Mond – ohne weitere große Worte – vier Tage später den Boden der Erde betrat, rätselte die Fachwelt, wer zu welchem Zeitpunkt diesen Satz wohl gedichtet habe.

Jetzt enthüllte sein Bruder Dean Armstrong, 80, ein nicht ganz unwichtiges Detail. Gegenüber dem britischen Fernsehsender BBC erklärte er, er habe Monate vor dem Start von „Apollo 11“ mit seinem Bruder über diesen Satz gesprochen. Während sie eines Abends beim Gesellschaftsspiel „Risiko“ zusammensaßen, habe Neil ihm unversehens einen Zettel rübergeschoben, auf dem die Worte standen, und gefragt, was er davon halte, wenn er, Neil, dies bei seinem Abstieg zum Mond der Welt mitteilen würde. „Fantastisch“, habe er geantwortet. So will Dean sich jetzt erinnern.

Was hat den Bruder geritten?

Jetzt rätselt man nicht mehr nur über die Herkunft des Satzes selbst, sondern auch darüber, was den Bruder des berühmtesten Astronauten geritten haben könnte, ihm kein halbes Jahr nach dem Tod derart in die Parade zu fahren.

Lautete doch Neils öffentlich geäußerte Lesart stets, er habe sich die Worte in der stundenlangen Ruhephase zwischen Landung und Ausstieg ausgedacht. Und auch Dean hatte, als er vom Autor der großen Biografie über Neil im Jahre 2002 nach dem Satz gefragt worden war, den „Risiko“-Abend mit keinem Wort erwähnt.

„Und dies obwohl Neil Armstrong seiner Familie volles Rederecht über alles gegeben hat“, wundert sich jetzt Robert Pearlman, Betreiber der weltraumgeschichtlichen Website ColectSpace.com.

Aber fühlten sich wirklich alle Eingeweihten frei, darüber zu reden? Buzz Aldrin, der an jenem Julitag nach Armstrong auf die Leiter trat und es eigentlich wissen müsste, wollte darüber in einem Interview mit dem Autor dieser Zeilen lieber erst gar nicht reden, wich aus: „Dieser Aspekt wird doch von den Medien völlig überbewertet.“ Der Schriftsteller Norman Mailer, der die Vor- und Nachbereitungen der ersten Mondfahrt als „Life“-Reporter intensiv verfolgte und Armstrong so nah kam wie kein anderer Journalist vorher und nachher, ging davon aus, dass der Spruch aus dem Brain Trust der Nasa stamme. Andere wiederum meinten, auch die Nasa habe sich so etwas nicht zugetraut und deshalb den Schriftsteller Arthur Miller mit der Komposition der passenden Worte beauftragt.

Miller hat allerdings nie das Copyright für den Satz beansprucht. Ein früherer Nasa-Ingenieur schon, der 2009 zum 40. Jahrestag der Mondlandung behauptete, er habe von sich aus, vor lauter Sorge, dass Armstrong in dem Moment nur etwas über den Mondstaub einfiele, bei seinen zuständigen Kollegen diesen Satz vorgeschlagen. Bewiesen ist nichts.

Peinlicher Fehler

Bei Lichte betrachtet ist auch nach Dean Armstrongs Einlassung nach wie vor alles möglich, abgesehen von der Lesart seines Bruders, dass diesem der Schritt und der Sprung erst nach der Landung des „Eagle“ als spontane Eingebung gekommen seien. Die Enthüllung über den Zettel beim „Risiko“-Spiel sagt jedenfalls nichts darüber aus, ob sich Bruder Neil den Satz ausgedacht hatte, ein Praktikant bei der Nasa, Arthur Miller, Walt Disney oder ein ganz anderer.

Er sagt vor allem auch nichts über das zweite große Rätsel um den Satz, das unter den Afficionados der Mondfahrt für nicht minder hitzige Debatten sorgt: Ob nämlich Neil Armstrong ihn in jener Sekunde, auf die es ankam, in der ihm Milliarden Menschen zuhörten, die Worte überhaupt korrekt über die Lippen brachte (siehe Infokasten). Der Streit zwischen ihm und seinem Bruder wird denn auch erst dereinst im Himmel geklärt werden können. Ein Ende der Debatte ist nicht in Sicht.