Mode

Alles im grünen Bereich

Die US-Firma Pantone hat „Emerald“ zur Farbe des Jahres 2013 erklärt. Warum sie so gut zu unserer Stimmung passt

Wenn es eine Kleiderfarbe gibt, die für Tradition steht, für Bodenständigkeit und einen zünftigen Blick in die Welt, dann ist es Grün. Jäger tragen es, Schützenbrüder. Ur-Bayern, die in teuren schweren Loden durch Münchens Innenstadt spazieren. Das hat Würde. Sexy ist das nicht.

Wenn wir der Prognose des US-Unternehmens Pantone glauben können, dann erlebt die Wahrnehmung der Farbe Grün mitsamt den Gefühlen, die sie bei uns auslöst, derzeit einen drastischen Wandel. Denn die Firma Pantone, die seit Jahren Farbsysteme für den Druck, Kosmetik, Textilien und alles andere entwickelt, was unseren Alltag bunt macht, hat in Grün die Trendfarbe des Jahres 2013 entdeckt. Dass wir in den kommenden Monaten unsere Schlafzimmer grün tapezieren, uns grüne Kopfhörer ins Ohr stecken und uns in grünem Outfit präsentieren, das hat sich Pantone nicht einfach so ausgedacht. Trendscouts, Frauen und Männer, die erforschen sollen, was angesagt ist, haben akribisch Magazine, Blogs und YouTube-Videos analysiert. Sie haben sich in den großen Kunstgalerien ebenso umgesehen wie bei Filmproduktionen. Sie haben sich in den Clubs der Welt die Nächte um die Ohren geschlagen und beobachtet, welche Farben an den Bars getragen werden. Sie haben bei den Anbietern exklusiver Küchengeräte geschaut, wonach die Käufer von Cappuccino-Maschinen greifen. Und sie haben herausgefunden, dass kein Ton so gut zur globalen Stimmung passt wie „Emerald“, ein sattes leuchtendes Smaragdgrün, dem Pantone die Nummer 17-5641 gegeben hat, damit sie die Hersteller von Farben in der ganzen Welt nach derselben Rezeptur mischen können.

„Emerald“, sagte Leatrice Eiseman, Chefin des Pantone-Farbinstituts, „ist eine Farbe des Wachstums, der Erneuerung, der Heilung, der Einheit und der Regeneration.“ Werte, die wir nötiger hätten als je zuvor. Vor allem nach einem Jahr, in dem „Tangerine Tango“ den Ton angab. Dieses im vergangenen Dezember von Pantone zur Farbe des Jahres 2012 erklärte Orange ist feurig, energiegeladen, genau das Richtige für Menschen, die anpacken. Grün, so Leatrice Eiseman, ist Balance.

Wenn „Emerald“ erst mal auf den Laufstegen dominiert, dann wird sich Grün in den unterschiedlichen Schattierungen durchsetzen. Das ist eigentlich erstaunlich, denn Grün galt in den vergangenen Jahren nicht gerade als Modefarbe. 2010 waren gerade mal 1,4 Prozent der neu angemeldeten Autos in Deutschland grün. Das könnte sich ändern. Was die Kleider betrifft, so setzt die Szene schon jetzt auf die Farbe. Robert Pattinson kam im grünen Anzug zur „Twilight“-Premiere nach Los Angeles. Hollywood-Star Anne Hathaway ziert in einem weit ausgeschnittenen grünen Kleid das Cover der aktuellen US-„Vogue“. Von Ökochic keine Spur. Auch nicht bei Prinzessin Kate, die zu einem ihrer letzten offiziellen Auftritte im grünen Kleid erschienen war. Eine schöne Hülle für eine Schwangere. Denn der Ursprung des Wortes „Grün“ liegt in dem germanischen Wort „groa“, das „keimen“ oder „wachsen“ bedeutet.

Farbe des Lebens

Gut möglich, dass in der allgemeinen Vorliebe für die Farbe Grün eine besondere Stimmung ihren Niederschlag findet. Die Sehnsucht nach innerer Ausgeglichenheit in einer hektischen Welt ebenso wie die nach einer intakten Natur. Grün ist die Farbe des Lebens. Ohne den grünen Farbstoff Chlorophyll könnte in der Natur nicht die wichtigste Reaktion der Erde ablaufen: die Fotosynthese, bei der Pflanzen Kohlendioxid in Energie umwandeln und gleichzeitig den lebensnotwendigen Sauerstoff abgeben.

Grün ist die traditionelle Farbe des Islams, in dessen Paradiesvorstellung saftige Wiesen eine entscheidende Rolle spielen. In Gesellschaften, in denen viele in Wüsten ums Überleben kämpfen mussten, ist das kein Wunder. Auch im Christentum ist Grün eine heilige Farbe, sie symbolisiert die Auferstehung. Goethe hat Grün in seiner Farbenlehre als Farbe der Mitte beschrieben, weil sich in ihm Gelb, das Licht, und Blau, die Finsternis, die Waage halten. Das ist auch der Grund dafür, dass Grün lange Zeit als die optimale Farbe für Wohnzimmer galt. Es soll ausgleichend auf die Menschen wirken, die hier zusammenkommen. Dem expressionistischen Maler Wassily Kandinsky war in Grün allerdings zu viel der Ausgeglichenheit. Er verglich es mit einer „Kuh, die nur zum Wiederkäuen fähig mit blöden, stumpfen Augen die Welt betrachtet“. Das war nicht gerecht.

Der Teufel trägt Grün

Wenn sich heute zwei Menschen nicht mögen, dann sind sie sich nicht grün. Die Redewendung geht auf das Mittelalter zurück, in dem Grün die Farbe der Liebe war. Im Straßenverkehr ist es die Farbe der Freiheit. „Grüne Welle“ – was kann es beim Autofahren Herrlicheres geben? Aber alles, wofür es im Alltag und Beruf „grünes Licht“ gibt, macht froh.

Es gibt aber auch Grüntöne, die unangenehmere Assoziationen auslösen. Giftgrün zum Beispiel. Und man kann nicht nur gelb, sondern auch grün vor Neid sein. In der mittelalterlichen Malerei begegnet man grünen Schlangen und Dämonen. Der Teufel selbst trägt bisweilen ein grünes Jäckchen. In der Literatur des 20. Jahrhunderts gibt wohl kaum einen widerlicheren Bewerber um die Hand einer jungen Dame als der spätere Ehemann von Tony Buddenbrook, Bendix Grünlich. Dass Thomas Mann diesem Schlitzohr diesen Nachnamen gegeben hat, ist kein Zufall. Grünlich – das klingt nach Schleim und Falschheit.

Es ist auch kein Zufall, dass einer der bedeutendsten Bildungsromane im deutschsprachigen Raum „Der grüne Heinrich“ heißt. Gottfried Kellers Roman erzählt die Geschichte eines Teenagers, der wegen eines Streiches die Schule verlassen muss und von seiner besorgten Mutter zu Verwandten geschickt wird, damit er sich eines Besseren besinnt. Grün steht eben auch für ein gewisses Unvermögen – allerdings für eines, das eher vorübergehend ist. Wer „noch grün hinter den Ohren“ ist, der ist es nur, weil ihm die Erfahrung fehlt. An den knüpft sich die Erwartung, dass er noch reifen wird. Grün ist die Farbe der Hoffnung. Grün macht glücklich, weil es ein Versprechen ist, weil es die Freude transportiert, die die Größte ist: die Vorfreude.