Amoklauf

Er mordete ohne ein einziges Wort

Das Grauen in Newtown, dem Ort des Grundschulmassakers, kam nicht in Gestalt der kleinen Opfer zu den Eltern, die ihre nach der Tat evakuierten Kinder vor einer nahen Feuerwache abholen wollen.

Das Grauen entstand vielmehr aus dem Fehlen einer Klasse. Einer speziellen Klasse, deren Schüler nicht das Gebäude verlassen hatten. Die Luft roch nach Schießpulver, die Häuser ringsum waren weihnachtlich dekoriert, und die herumirrenden Eltern suchten das eigene Kind, die Klassenlehrerin, Klassenkameraden. Angst steigerte sich zu Verzweiflung und schierer Panik. „Oh, mein Gott, warum nahmen sie mein Baby?“, schrie eine Mutter, bevor sie in den Armen einer anderen zusammenbrach.

Das war der Tag, an dem die Hornhaut auf der Seele riss. Die Hornhaut, die man sich im Amerika der regelmäßigen Amokläufe und Todesschüsse zugelegt hatte. Eine Hornhaut, die entstanden war, weil man das Recht auf individuellen Waffenbesitz angesichts der Weiten der USA und der oft abgelegenen Farmen und Häuser als sinnvoll verstanden hatte. Eine Hornhaut, die gegen den Schock immunisierte. Zum Beispiel am 21. November, als in einem Schulbus in Florida ein 15-jähriger Junge mit einer Pistole spielt, aus der sich ein Schuss löst und eine 13-Jährige tödlich trifft. Deren sieben Jahre alte Schwester sitzt daneben, sie ist wohl traumatisiert bis zu ihrem Lebensende, und man denkt: schlimm. Aber wenigstens nur ein Opfer. Und nur ein Unfall, kein gezielter Mord.

Adam L. erzwang den Zutritt

Der Freitag hat diese Hornhaut zerfetzt. Die unvorstellbare Tat an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown (Connecticut), wo ein junger Mann 20 Kinder erschoss und sieben Erwachsene, bricht die vermeintliche Routine der Schusswaffengewalt in den USA. Sie lässt einen Präsidenten vor den Kameras der Weltöffentlichkeit Tränen vergießen und eine in dieser Frage leidensfähig gewordene Nation zweifeln, ob es auch diesmal bei bloßer Rhetorik bleiben darf oder das großzügige Waffenrecht doch stärker eingeschränkt werden muss.

Adam L., der 20-jährige Attentäter, hatte seine Mordtaten zu Hause begonnen, im vier Kilometer entfernten Sandy Hook, wo er seine Mutter Nancy erschoss. Sie war Lehrerin an der Grundschule, zu der er jetzt mit dem Auto der getöteten Mutter fuhr. Darum war Adam L. mit den Örtlichkeiten vertraut. Aber obwohl er der Sohn einer Kollegin war, wollte ihn die Frau an der Rezeption um 9.30 Uhr nicht hereinlassen. Doch Adam L. erzwang sich den Zutritt. Die zwei Handschusswaffen vom Typ Glock und SIG Sauer dürfte der Täter zu diesem Zeitpunkt unter seiner Jacke getragen haben, ebenso wie eine Splitterschutzweste. Im Auto ließ der Täter ein halb automatisches Bushmaster-Gewehr vom Kaliber .223 zurück.

Die Sandy Hook Elementary ist eine kleine Schule mit nur 700 Schülern im Alter zwischen fünf und zehn Jahren. In den vergangenen zehn Jahren gab es in Newtown einen einzigen Mordfall. Jetzt aber hat „das Böse diese Gemeinschaft besucht“, wie es Connecticuts Gouverneur Dannel P. Malloy sagte. Die Angestellte am Eingang hat der Täter offenkundig zuerst erschossen. Eine Mutter, die zu diesem Zeitpunkt eine Besprechung mit der Schuldirektorin, ihrer Stellvertreterin und der Psychologin hatte, erzählte, dass die Schüsse ihre drei Gesprächspartnerinnen sofort auf den Gang eilen ließen. Dann setzten ganze Salven ein, binnen weniger Minuten fielen wohl über 100 Schüsse. Die stellvertretende Direktorin kam zurückgekrochen zur Besucherin, ein Schuss hatte ihren Fuß getroffen. Als die Besucherin später aus der Schule gebracht wurde, sah sie die 47-jährige Direktorin Dawn Hochsprung und die 56-jährige Psychologin Mary Sherlach im Gang in Blutlachen liegen.

Der in Schwarz gekleidete Täter setzte sein mörderisches Werk vor allem in zwei Klassenzimmern fort. In den anderen Klassen regierte die Angst. Und Lehrer, die nicht nur nach den ersten Schüssen sofort den Notruf alarmierten, sondern umsichtig ihre Schüler zu schützen suchten. Sie ließen sie in Wandschränke klettern und hinter umgestürzten Bänken kauern. Draußen knallten die Schüsse, „das war wie ein ganz lauter Hammer“, sagte später ein Viertklässler, und die Kinder in den Klassen hörten Schreie, solche nach Hilfe, solche, die um Gnade flehten, und solche, die von Schmerzen ausgelöst wurden. Nur von Adam L. hörte man nichts. Der Mörder sprach während seines Massakers nicht ein einziges Wort, sagen Überlebende. Spätestens um 9.50 Uhr, 25 Minuten nach den ersten Schüssen, war Adam L. tot. Er erschoss sich selbst in dem Klassenzimmer, in dem er zuvor mehr als ein Dutzend Kinder ermordet hatte.

Der Mörder wird von ehemaligen Mitschülern als intelligent, aber extrem zurückhaltend beschrieben. Er sei nicht gehänselt worden, aber er hatte auch keine Freunde. Selbst sein in New Jersey lebender 24-jähriger Bruder Ryan L., der in ersten Presseberichten fälschlich als Täter bezeichnet worden war, hatte seit zwei Jahren keinen Kontakt mehr zu Adam. Eine Tante von Adam L. sagte, ihr Neffe habe eine leichte Form von Autismus. Doch das ist keine Geisteskrankheit und erklärt nicht den Gewaltausbruch. Mit guten Noten absolvierte der Junge die Newtown High School, arbeitete danach aber nicht, sondern lebte bei seiner Mutter.

Anderes Massaker verhindert

Geboren wurde Adam L. in Kingston (New Hampshire). Die Familie zog später nach Newtown. 2009 ließen sich seine Eltern scheiden. Warum Nancy L. insgesamt fünf Waffen besaß, ist unklar. Aber es war legal in einer Gesellschaft von 310 Millionen Menschen, auf die 258 Millionen Schusswaffen kommen. In Connecticut muss man jeden Waffenkauf registrieren lassen, Fingerabdrücke geben und dokumentieren, dass man nicht vorbestraft oder geisteskrank ist. Gemessen am US-Standard, sind das strenge Auflagen. Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als 40 Prozent aller US-Haushalte über eine Schusswaffe verfügen. Schon das erklärt, warum auch Politiker, die für Verschärfungen sind, das Thema bisher gescheut haben. So spielte das Thema auch im Wahlkampf praktisch keine Rolle. Nur am Rande erwähnte Obama, dass er im Fall einer Wiederwahl eine Neuauflage eines 2004 ausgelaufenen Gesetzes zum Verbot von bestimmten halb automatischen Waffen anstreben werde. Im gleichen Atemzug unterstrich er das Verfassungsrecht der Bürger auf Waffenbesitz. Waffengegner kritisierten ihn als feige. Aber diesmal keimt bei ihnen Hoffnung auf, dass sich endlich wirklich etwas ändert. Genährt wird das vor allem dadurch, dass die meisten Opfer in Newtown kleine Kinder waren. „Wenn das nicht die Menschen und unsere Politiker wachrüttelt, was dann?“, sagte etwa die demokratische Kongressabgeordnete Carolyn McCarthy.

Im US-Staat Oklahoma ist unterdessen möglicherweise ein weiteres Schulmassaker vereitelt worden. Ein 18-Jähriger wollte offenbar am selben Tag wie Adam L. mit Pistolen und Bomben in seine Schule stürmen. Die Polizei nahm den Jugendlichen am frühen Freitagmorgen fest. Laut Polizei versuchte der 18-Jährige, andere Schüler zu überreden, ihn bei seinem Plan zu unterstützen. Demnach wollte er Schüler in eine Aula locken, die Türen mit Ketten verschließen und das Feuer eröffnen. Der Jugendliche habe gedroht, Mitschüler zu töten, die ihm nicht helfen wollten, berichtete die Zeitung „Tulsa World“ unter Berufung auf Polizeikreise. Laut einem weiteren Zeitungsbericht wollte er Bomben an den Türen zur Detonation bringen, sobald die Polizei an den Tatort gekommen wäre. Der 18-Jährige befindet sich in Gewahrsam, es wurde eine Kaution von einer Million Dollar verhängt.