Sicherheit

Ein Kindergarten wie Fort Knox

Unsere Autorin sieht die amerikanische Vorschule ihres Sohnes nach dem Massaker von Newtown mit anderen Augen

Mein fünfjähriger Sohn Finn geht in einen US-Kindergarten – in genauso einen wie die Sandy Hook Elementary School in Newtown (Connecticut). Bethlehem in Pennsylvania ist ungefähr so weit von Philadelphia entfernt wie Newtown von New York, beides sind recht durchschnittliche Ostküstenstädte. Dazu muss ich sagen, dass ich in Berlin lebe, eine Pendelbeziehung führe und gerade zu Besuch in den USA bin. Mein Mann kümmert sich um die Kinder. Ich will ein bisschen vom Alltag mit einem amerikanischen Kindergartenkind erzählen.

In den Kindergarten kommen amerikanische Kinder mit fünf Jahren. Mit dem deutschen Kindergarten hat er wenig zu tun, er ist ein Jahr der Vorbereitung auf die „richtige Schule“. Und zwar sowohl für die Schüler als auch für ihre Eltern. Kindergärten gehören immer zur Grundschule. Am Ende des Jahres soll das Kind ein bisschen lesen, schreiben und rechnen können. Während ich das Leistungsprinzip längst schätzen gelernt habe – für Finn ist das Erlernen des Alphabets ein aufregendes Spiel und kein Drill –, hatte ich mit dem durchstrukturierten Rest bislang so meine Schwierigkeiten.

Um kurz vor neun Uhr laufe ich mit meinem Sohn zum „Fußgängereingang“, zwei unscheinbare Türen neben dem Haupteingang. Auf einem kleinen Vorplatz stellen sich die Kindergartenkinder der zwei Vormittagsklassen in zwei Schlangen auf. Um 8.55 Uhr gehen die beiden Türen auf, die zwei Lehrer treten heraus, stellen sich an die Spitze ihrer Schlangen, winken den Eltern zu und marschieren mit ihren Schützlingen ins Haus. Die Türen schließen sich und sind bis 11.40 Uhr von außen nicht zu öffnen.

Zwei Mal sind Finn und ich morgens zu spät gekommen. Die Türen waren schon zu, also bin ich mit ihm zum Haupteingang marschiert. Der ist eigentlich den Schulbussen vorbehalten. Als wir ins Gebäude traten, standen verschiedene Wände entlang bereits verschiedene Schlangen. Ein paar Jungs aus der nächstgelegenen Reihe riefen Finns Namen, aber Finn wollte sich nicht dazustellen: „Das ist die Schulbusschlange!“ Wir mussten also weiter hinein durch den Schulflur, bis wir jene Klassenkameraden fanden, die sich zuvor an der Fußgängertür aufgestellt hatten. Finn stellte sich dazu, ich guckte verwirrt, bis mich sein Klassenlehrer entdeckte, der hastig meinte: Ja, da könne ich Finn stehen lassen. Als wir uns das zweite Mal verspäteten, scheuchte ich Finn nur von draußen durch den Haupteingang und kehrte um. Ich habe keine Ahnung, was passiert, wenn man sein Kind zu spät abholt, ich wage es nicht, auch nur eine Minute zu spät zu kommen. So erzieht eine amerikanische Grundschule auch die Eltern.

In der Schulordnung steht, dass Gäste einen Passierschein benötigen, den es nur im Sekretariat gebe: „Der Haupteingang wird von Sicherheitskameras überwacht. Bitte betätigen Sie die Klingel links neben der Tür und nennen Sie Namen und Grund Ihres Besuchs.“ Ich bin noch nie länger im Schulgebäude gewesen, habe keine Ahnung, wie das Klassenzimmer meines Sohnes aussieht. Das Volk, das aufschreit, weil sich der Präsident in die Krankenversicherung „einmischen“ will, das Volk, das es nicht leiden kann, wenn man in sein Recht auf Waffen, Benzin und Fast Food eingreift, gibt seine Kinder widerstandslos an der Schulpforte ab wie an der Grenze zu einem fremden Land.

Als ich vom Massaker in Newtown hörte, hatte ich Finn schon vom Kindergarten abgeholt. Ich werde mich nicht mehr über die Sicherheitsvorkehrungen beklagen. Von mir aus sollen sie Finns Kindergarten in Fort Knox umbauen – und ich ziehe meinen Hut davor, dass die Schule es schafft, auf meinen Sohn dabei so heimelig wie die „Sesamstraße“ zu wirken.