Amoklauf

„Unsere Herzen sind heute gebrochen“

An einer Grundschule in Connecticut erschießt ein Amokläufer 26 Menschen, darunter 20 Kinder

– Kinder weinen, Eltern drängeln sich panisch durch Absperrungen, Polizisten brüllen Befehle, und zwischendurch schrillen immer wieder die Sirenen der Krankenwagen. Die ersten Berichte und TV-Bilder, die am Freitagmittag von einer Grundschule im beschaulichen Städtchen Newtown im US-Bundesstaat Connecticut eintreffen, sind so bestürzend, dass selbst erfahrenen Nachrichtenmoderatoren immer wieder Tränen in die Augen schießen.

Was an diesem Nachmittag in der Schule geschah, hat eine Nation in die Schockstarre gestürzt und einen Präsidenten zum Weinen gebracht. Ein 24-Jähriger hat 20 Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren getötet und außerdem sechs Erwachsene. Polizeisprecher Paul Vance sagte vor Journalisten, dass 18 Kinder in der Schule getötet worden seien. Zwei weitere Kinder seien im Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen. Die meisten Opfer starben im Klassenzimmer der Mutter des Täters, einer Lehrerin der Schule, die der Mann ebenfalls tötete. Auch der Massenmörder selbst ist tot. Er erschoss sich offenkundig vor dem Eintreffen der Polizei in dem Klassenzimmer. Es gab zudem einen Verletzten. Die Polizei bestätigte, dass es einen weiteren Toten außerhalb der Schule gebe.

Mit Gewehr und Pistolen

US-amerikanische Medien hatten zunächst berichtet, der Schütze sei der 24 Jahre alte Ryan L. Später hieß es jedoch, Ryan L. werde von der Polizei verhört. Er sei in Tarnkleidung in einem nahe gelegenen Wald entdeckt worden. Bei dem Amokläufer handele es sich vermutlich um dessen Bruder, Adam L. (20).

Die kleine Grundschule wird von nur 400 Schülern besucht, die Klassen reichen von der Vorschule bis zur vierten Klasse. Kurz vor 9.30 Uhr war der in schwarz gekleidete Mann in die Schule eingedrungen. Er führte zwei, nach anderen Aussagen gar vier Feuerwaffen mit sich, trug eine kugelsichere Weste und feuerte „Hunderte von Salven“ ab. Zu seinen Waffen soll auch ein Gewehr gezählt haben und mindestens eine Pistole.

Lehrer, die mit ihren Kindern in den Klassenräumen waren, schlossen die Türen ab, ließen die Schüler auf dem Boden oder hinter umgestürzten Bänken Zuflucht suchen und riefen den Notruf.

Eine Besucherin der Schule berichtete später, sie habe zur Tatzeit eine Verabredung mit dem Direktor, seinem Vertreter und dem Schulpsychologen gehabt. Als die Schüsse zu hören waren, seien die drei Schulvertreter in die Haupthalle geeilt. Später kam der Vizedirektor zurück gekrochen, von einem Schuss in den Fuß getroffen. Bei der Evakuierung durch die Polizei, sah sie den Direktor und den Psychologen tot in Blutlachen liegen.

„Zu viele dieser Tragödien“

Die Wahnsinnstat dauerte nur wenige Minuten. Später wurden von Polizisten blutende und leblose Kinder aus dem Gebäude getragen.

So emotional wie selten zuvor sprach der Präsident am Nachmittag im Weißen Haus zur Nation. „Wir haben zu viele dieser Tragödien in den letzten Jahren erlitten“, sagte Barack Obama. „Jedes Mal, wenn ich derartige Nachrichten erhalte, reagiere ich nicht als Präsident, sondern wie jeder andere es auch täte als Eltern. Unsere Herzen sind heute gebrochen.“

Obama, der in seinem Statement stockte und mehrfach mit dem Finger Tränen wegwischte, erinnerte an ähnliche Massaker der jüngeren Vergangenheit in Kinos, Einkaufszentren, einem Sikh-Tempel und anderen Schulen. Die Opfer vom Freitag seien mehrheitlich „wunderschöne kleine Kinder zwischen fünf und zehn Jahren“.

Sie hätten ihr ganzes Leben vor sich gehabt: „Geburtstage, Schulabschluss, Hochzeiten, eigene Kinder.“ Der bewegte Präsident, der ankündigte, seine beiden Töchter heute Abend „wie alle Eltern im Land“ besonders fest zu umarmen und ihnen zu sagen, dass er sie liebte, fügte hinzu: „Unser Land macht dies zu oft durch.“ Das Land müsse nun innehalten und zusammenrücken und etwas tun, um Ähnliches in der Zukunft zu verhindern, mahnte er. Das klang nach einem neuen Anlauf zur strengeren Waffenkontrolle.

Das Facebook-Profil von Ryan L. wurde noch am Abend gelöscht, zu diesem Zeitpunkt hatten bereits Tausende das Bild von L. geteilt. Kurze Zeit später wurde ein neues Profil auf dem sozialen Netzwerk unter dem Namen Ryan L.’s angelegt. Dort luden User Fotos vom Tatort und Bilder von Ryan L. hoch, andere posteten Beschimpfungen gegen den Tatverdächtigen. Nur wenig später erschien auf Facebook ein weiteres, neu angelegtes Profil, diesmal von Adam L. Auch dort posteten User Bilder und Kommentare.

Die Zahl der Opfer des Schulmassakers von Newtown lag noch über der vom Amoklauf an der Columbine High School. Dort hatten am 20. April 1999 zwei Jugendliche zwölf Mitschüler und einen Lehrer erschossen. Danach begingen sie Selbstmord. Mehr Tote gab es noch an der Universität Virginia Tech in Blacksburg 2007. Dort tötete ein südkoreanischer 23-jähriger Student 32 Menschen, bevor er sich selbst richtete.