Amnesie

Der Mann ohne Vergangenheit

Benjaman Kyle leidet seit acht Jahren an Gedächtnisverlust. Eine Petition fordert: Obama soll ihm helfen

„Ich vergesse ziemlich viel“, sagt der Mann, den alle Benjaman Kyle nennen. An einiges erinnert er sich aber doch: Einmal ist er mit dem Aufzug außen an einem Haus hochgefahren, weil er das Denver Theatre sehen wollte. Überhaupt kommt die Stadt Denver in seinen Erinnerungen häufig vor: Das beste mexikanische Restaurant dort heiße „Mama Elena’s“. Einmal saß er in der Bücherei der University of Colorado in Boulder und las Ausgaben einer Restaurantzeitschrift. Er erinnert sich auch an „Raumschiff Enterprise“ – die Serie aus den 60ern. Er mag Science-Fiction, hat alle Bücher von Ray Bradbury gelesen. Geboren wurde er zehn Jahre vor Michael Jackson – jedenfalls glaubt er das; sein Geburtstag wäre dann der 29.August 1948.

Leider weiß er ansonsten nicht sehr viel. Der Mann, der wohl gar nicht Benjaman Kyle heißt – der Vorname könnte echt sein, inklusive der merkwürdig falschen Schreibweise „Benjaman“ –, wurde vor acht Jahren (am 31.August 2004) neben einem Burger King im amerikanischen Bundesstaat Georgia gefunden. Er lag neben einer Steinmauer, nackt. Sein Körper war mit Ameisenbissen übersät. An seinem Schädel fanden die Ärzte drei Dellen, die von Schlägen mit einem stumpfen Gegenstand herrührten. Er war blind. Nachdem ihm im Krankenhaus der graue Star aus den Augen operiert worden war, sah er in einen Spiegel und war entsetzt: „Ich wusste nicht, dass ich so alt war“, sagte er hinterher. Graue Haare, eine Stirnglatze, blaugrüne Augen – ein Mann in seinen Sechzigern.

Normalerweise werden Männer, deren Namen man nicht kennt, in Amerika „John Doe“ genannt. Aber in dem Krankenhaus in Georgia, in das er eingeliefert wurde, gab es schon einen John Doe. Also nannte das Personal ihn „B.K.“. Warum ausgerechnet diese zwei Buchstaben? Weil er hinter dem Burger King gefunden worden war. Daraus wurde „Benjaman Kyle“. Wie gesagt: Benjaman könnte echt sein, Kyle ist eine Erfindung.

Eine Zeit lang war Benjaman Kyle dann berühmt. Er trat in der „Dr. Phil Show“ auf, einer populären US-Fernsehsendung mit einem Psychologen; dort wurden Fotos von ihm gezeigt, auf denen er per Computersimulation verjüngt worden war. Die Diagnose lautete retrograde Amnesie, auch „Hollywood-Amnesie“ genannt, weil das Leiden so häufig in Filmen auftaucht. Es gab Nachrichtensendungen über ihn, Zeitungsartikel.

Selbstverständlich äußerten manche den Verdacht, dass der Mann simuliere. Aber was hätte er davon gehabt? Sein Leben wurde durch den Gedächtnisverlust ja nicht schöner oder besser. Das FBI suchte unterdessen nach Fingerabdrücken, DNA-Spuren, nach Gebissabdrücken. Hatte er jemals bei der Armee gedient, war er von der Polizei aufgegriffen worden? War er vielleicht Teil eines Zeugenschutzprogramms gewesen, ehe er einen Mordversuch überlebte?

Niemand meldete sich. Niemand konnte das Rätsel lösen. Und so schlief das öffentliche Interesse wieder ein. Benjaman Kyle schlief unterdessen in einem Wäldchen gleich hinter der Polizeistation in Jacksonville (Florida). Kein Obdachlosenasyl nahm ihn auf. Denn der Mann, den niemand vermisste, hatte weder Führerschein noch Kreditkarte.

Und er hatte keine Sozialversicherungsnummer – jene neunstellige Ziffer, ohne die in Amerika (einem Land ohne Ausweispapiere und Meldepflicht) gar nichts geht: Ohne Sozialversicherungsnummer kann man kein Bankkonto eröffnen. Ohne Sozialversicherungsnummer bekommt man keine Arbeit. Benjaman Kyle konnte nicht einmal ein Buch ausleihen. Er war gestrandet. Benjaman Kyle ist der erste Mensch, der in Amerika offiziell als vermisst geführt wurde, obwohl sein Aufenthaltsort bekannt war.

Dann drehte John Wikstrom, ein junger Filmstudent, der im Internet von dem Fall erfuhr, einen Dokumentarfilm über Benjaman Kyle. So kam wieder Bewegung in die Sache: Ein Senator aus Florida setzte sich für ihn ein, und mithilfe der Kfz-Zulassungsstelle konnte dem Namenlosen eine Identitätskarte ausgestellt werden. Ein Restaurantbesitzer stellte Kyle ein – er bezahlte ihn bar, anders ging es ja nicht. Dabei stellte sich heraus, dass Kyle wohl schon einmal in einer Küche gearbeitet hatte: Er kannte sich mit den Geräten aus. Der Mann ohne Gedächtnis schläft nicht mehr im Wald, sondern in einem Schuppen mit Klimaanlage, den ihm ein Wohltäter überlassen hat.

Aber er hat immer noch keine Sozialversicherungsnummer: Geht nicht, so die Behörden. Wir würden ihm ja gern eine neue ausstellen, aber dafür müssten wir seine alte kennen, die er bei seiner Geburt erhalten hat. Solange er uns die nicht nennen kann, können wir nichts für den Mann tun. Sorry. Dank John Wikstrom gibt es nun eine Petition im Internet: Das Weiße Haus möge sich des Falls annehmen. Damit der Stab des Präsidenten diese Petition aber auch nur zur Kenntnis nimmt, müssen mindestens 25.000 Unterschriften zusammenkommen – innerhalb eines Monats. Bis 25.Dezember ist noch Zeit. 8487 Menschen haben bisher unterschrieben.