Museum

Der begehbare Schlager-Schrein

Tony Marshall hat sich in seiner Heimatstadt Baden-Baden selbst ein Museum gebastelt. Doch damit lockt er nicht nur Fans an

Vor einiger Zeit sorgte im Internet ein Video mit Schlagersänger Tony Marshall für Furore. Zwei Dinge machen den Fernsehauftritt aus dem Jahr 2001 zu einem Leckerbissen: Aus einer von Marshall angeführten Polonaise schert im Hintergrund plötzlich eine Verehrerin aus und stolpert zusammengekrümmt hinter die Kulissen. Die Spekulationen im Netz schlugen hoch, ob sich die Frau wohl des Textes wegen übergeben musste. Zuvor, das ist die zweite Besonderheit, hatte Marshall vor begeistert schunkelnden Senioren seinen mit sechs Goldenen Schallplatten veredelten Hit „Schöne Maid“ spontan modifiziert: „Wir singen ,Trallala‘ und tanzen ,Hoppsassa‘, wir wollen fröhlich sein und uns des Lebens freu’n“, sang er noch vorschriftsgemäß. Danach mahnt die Originallyrik, die Produzent Jack White 1971 an dem Volkslied neuseeländischer Maori-Indianer verbrochen hatte: „Wer weiß, wie lange das noch geht, wer weiß, wie lang die Welt sich dreht.“

Tony Marshall ist ein eigenwilliger Kopf, ein Mann, der alle anstrahlt und mit jedem gut Freund sein will – aber dann doch irgendwie immer das macht, wozu ihn sein Schalk treibt, selbst wenn es den einen oder anderen befremdet. Der jüngste Coup: Der 74-Jährige mit dem unverwüstlichen Locken-Toupet hat sich eigenhändig ein Museum gebastelt, mit zahllosen Andenken an und von sich, die er in über 50 Jahren auf der Bühne gehamstert hat. Der erste Kritiker hat schon per „Bild“ seinen Unmut kundgetan, ein Fotograf, der behauptet, viele der Fotos geschossen zu haben, sie Tony Marshall aber nur für den Hausgebrauch, nicht zur öffentlichen Präsentation überlassen zu haben. Nun hat der Entertainer in 57 Jahren genug Nörgelei erlebt, um sich seine kindliche Freude am selbst gebastelten Tony-Schrein nicht verderben zu lassen.

Künftig will er dort regelmäßig sitzen, vor sich ein Weinchen, dazu eine Portion Schafskäse pikant und im Anschluss einen Schnaps. Denn sein eigenes Denkmal hat sich Tony Marshall, typisch, nirgends anders gesetzt als in seiner Lieblingskneipe „Olive“, einem Griechen nur einen Steinwurf von seiner Baden-Badener Wohnung entfernt. Am Wochenende war Einweihung. Eine Polonaise gab es zwar nicht, dazu war die „Olive“ viel zu vollgestopft mit begeisterten Tony-Fans und -Freunden. Auch die „Schöne Maid“ bot der ausgebildete Opernsänger brav im Original dar. In „Tonys Galerie“ hätte ihm an diesem Abend allerdings ein deftiges Umtexten sicher keiner krummgenommen.

Tony Marshall gehört zum Wirtschaftswunderdeutschland wie die VW-Käfer-Expedition zu den Campingplätzen der Adria. Seit den Siebzigerjahren tingelt er neben Heino, Bata Ilic oder Roberto Blanco durch deutsche Stadthallen. Marshall, der mit „Täterätätä“ oder „Wir trinken Brüderschaft mit der ganzen Stadt“ die Partykeller der Persiko-Generation aufheizte, hat deutliche Spuren im kollektiven Gedächtnis der Deutschen hinterlassen.

Doch jetzt will der Kumpeltyp, der einst Herbert Anton Hilger hieß und staatlich examinierter Opernsänger ist, sozusagen auch schwarz auf weiß nachweisen, dass sein Leben ein Stück westdeutsche Nachkriegsgeschichte ist. Mehr als 100 Fotos hängen an der Wand, jedes einzelne, erzählt Sohn Pascal, vom „Vadder“ selbst aufgehängt. Tony Marshall und Rudi Carrell, Tony Marshall und Vico Torriani, Tony Marshall und Dieter Thomas Heck, Tony Marshall und Uwe Seeler. Dazu ganze Bündel von Karnevalsorden. 2550 habe er insgesamt bekommen, sagt der dreifache Vater stolz, im Rheinland oft vier, fünf, sechs an einem Abend, bei vier, fünf, sechs verschiedenen Auftritten.

In einer Ecke steht – neben Marshalls aktueller CD und dem Buch „Einer wie du“ (von Tony Marshall über Tony Marshall) – Tony Marshalls „exklusive Tony-Marshall-Wein-Selection“ aus Rotweinen, die der Winzerkeller Hex vom Dasenstein abfüllt. Es gibt einen Tony-Superman-Comic, eine Vitrine mit Musikpreisen. Ein Straßenschild aus Baden-Baden: der „Tony-Marshall-Weg“. In einer Ecke ein dicker Pott, „1. Siegeliade 1980“ steht darauf. Siegeliade? Marshalls Ehefrau Gaby, seine Sandkastenfreundin und seit 1962 seine Frau, kann mit dem Begriff nichts anfangen. Sie weiß nur, dass die Zugehfrau den Pott vermisst hat, als ihn der „Vadder“ zur „Olive“ schleppte. Die Siegeliade-Trophäe steht jetzt neben einer Holzfigur des Tevje, einer Rolle im Musical „Anatevka“. Die durfte Marshall 2005 erstmals am Frankfurter Volkstheater spielen.

Marshall hat viel Geld verdient, aber reich ist er nicht mehr. Fehlinvestitionen in Ostimmobilien haben ihn fast sein ganzes Vermögen gekostet, er musste seine Villa aufgeben, sein Haus in Florida und die Oldtimersammlung. Trotzdem versucht er, so viel Geld wie möglich zu spenden. Denn Marshalls 33-jährige Tochter Stella Marie kam mit einer Hirnschädigung zur Welt. Ihr Vater besucht Behindertenheime und versucht zu helfen, auch mit Benefizkonzerten. Dazu ist sein Museum („Solange keiner von Mausoleum spricht, ist mir der Begriff recht“) wie geschaffen. Einen Konzertabend pro Monat soll es geben. Beim nächsten Termin ist Bata Ilic dabei.