Urteil

Schädelweh

14 Monate blieb der Totenkopf des legendären Piraten Klaus Störtebeker verschwunden. Die drei Diebe erhielten nun milde Strafen

Eine Frage bereitete dem Hamburger Amtsgericht monatelang Kopfzerbrechen: Ist Schädel gleich Schädel, oder haben Exemplare herausragender Persönlichkeiten einen besonderen Wert? Und was ist, wenn gar nicht sicher ist, ob das Gebein tatsächlich so besonders ist, wenn es von einem Museum einfach nur dazu erklärt wurde, um Besucher anzulocken? Der Schädel von Klaus Störtebeker ist jedenfalls so ein schwieriger Fall. Zwar gibt es Expertisen darüber, dass er tatsächlich einst auf dem Hals des legendären Seeräubers, der 1401 auf dem Hamburger Grasbrook geköpft wurde, saß. Aber letzte Sicherheit gibt es nicht, vielleicht ist er auch einem der Freibeuter-Kollegen zuzurechnen. Genau darauf hatte die Verteidigung der beiden Diebe abgezielt: Hier wurde kein gesichertes Kulturgut gestohlen, sondern eben einfach nur irgendein Schädel.

In den vorangegangenen Prozesstagen machte das Gericht allerdings schon klar, sich darüber nicht das Gehirn zermartern zu wollen – schließlich gingen die beiden Angeklagten, beide eher schlichten Gemüts, davon aus, dass es sich bei dem mit Abstand wichtigsten Ausstellungsstück des Museums für Hamburgische Geschichte um eine werthaltige Sache handele. Und einer von ihnen wurde am Freitag deswegen auch verurteilt, allerdings fiel die Strafe eher milde aus. So erhielt der 38 Jahre alte Angeklagte wegen Diebstahls eine Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung. Der zweite, ebenfalls wegen des Diebstahls Angeklagte im Alter von 50 Jahren wurde freigesprochen. Ein dritter, wegen Hehlerei beschuldigter Mann (40) wurde schließlich wegen Begünstigung und Fahren ohne Fahrerlaubnis zu einer Geldstrafe in Höhe von 2000 Euro verurteilt. Erleichtert seufzten die Männer auf. Und der Richter betonte in seiner Urteilsbegründung, dass auch er sich nicht sicher sei, „ob es sich bei dem Schädel um den Totenkopf von Störtebeker handelt“. Dennoch habe der Schädel aus dem Hamburger Museum eine große Bedeutung für die Wissenschaft, da es nur noch sechs solcher Totenköpfe gebe. Folglich sprach das Gericht von einem Diebstahl in einem besonders schweren Fall.

Zuvor hatte die Verteidigung bei allen drei Angeklagten auf Freispruch plädiert. Die Staatsanwaltschaft hingegen forderte für die beiden Männer im Alter von 38 und 50 Jahren eine Freiheitsstrafe von 16 Monaten auf Bewährung beziehungsweise eine Freiheitsstrafe von zwölf Monaten ohne Bewährung. Dem dritten Angeklagten konnte der Tatvorwurf der Hehlerei nicht nachgewiesen werden. Für ihn hatte die Anklagebehörde wegen Begünstigung eine Geldstrafe gefordert.

Das Urteil hatte sich verzögert, weil der 38-jährige Angeklagte auf dem Weg ins Hamburger Amtsgericht in einer Schneewehe bei Geesthacht (Kreis Herzogtum Lauenburg) stecken geblieben war. Er wurde von seiner zu Hilfe geeilten Freundin gebracht. Eine letzte Episode dieses Falls, der zuvor schon eine abenteuerliche Geschichte über den Diebstahl des Schädels zutage befördert hatte: Einer der beiden Diebe hatte den Totenkopf nach dem Beutezug in einer Plastiktüte mit auf eine Grillparty genommen, dort präsentiert und einem Freund übergeben. Im Prozess sagte der Angeklagte, er habe damals eingesehen, den Schädel der Polizei übergeben zu müssen. Dazu habe er aber psychisch nicht in der Lage gefühlt. Deswegen habe er ihn dem wegen Hehlerei angeklagten Mann anvertraut: „Ich war froh, als das Ding weg war.“

Sein Freund versteckte den Schädel daraufhin an verschiedenen Orten – monatelang. Doch irgendwann sei ihm das Versteckspiel zu anstrengend geworden, sagte der 40-jährige Angeklagte im Prozess. Ihm kam die Idee, den Schädel zur Polizei zu bringen und im Gegenzug eine Verkürzung eines Fahrverbots auszuhandeln, das zuvor gegen ihn verhängt worden war. Mit diesem Plan und dem Schädel im Gepäck wurde er bei der Kriminalpolizei vorstellig – der Tausch blieb jedoch ohne Erfolg. 14 Monate nach seinem Verschwinden kehrte der Schädel in das Museum zurück.

Der 40-Jährige hatte zunächst auch die Belohnung von 5000 Euro kassiert, die das Museum für die Rückgabe des Totenkopfs ausgelobt hatte.

Auch das Museum musste Kritik einstecken. Denn bei der Umsetzung ihrer Tat hatten die Diebe leichtes Spiel. Nach Angaben des Museums war die Vitrine, in der der mit einer Million Euro versicherte Schädel lagerte, damals weder abgeschlossen noch mit einem Alarm gesichert und für alle Besucher zugänglich. Der Totenkopf wurde Historikern zufolge 1878 in Hamburg entdeckt.