Alte Menschen

Methusalem auf der Spur

Im Süden von Aserbaidschan erreichen besonders viele Menschen ein biblisches Alter

– Die Fahrt durch das Talysch-Gebirge darf man getrost als wildromantisch bezeichnen. Der Kleinbus rumpelt über die kurvenreiche Straße, vorbei an dicht bewaldeten Hügeln, reißenden Flüssen und einfachen Bauernhäusern. Alles ist grün und saftig, man könnte sich einen Moment lang in der Illusion wiegen, man befände sich im Schwarzwald. Doch das hier ist der tiefste Süden von Aserbaidschan, die Grenze zum Iran ist nur wenige Kilometer entfernt. Hier lebt die kaukasische Volksgruppe der Talyschen, von der nicht allzu viel bekannt ist, außer dass sie perfekt Persisch und Aserisch spricht und extrem langlebig ist.

Endstation ist Lerik, das in den Reiseführern zu Aserbaidschan bislang kaum Erwähnung fand. Touristen aus Europa kommen kaum hierher, zu beschwerlich ist die Anfahrt von Aserbaidschans Hauptstadt Baku. Für 323 Kilometer braucht man acht Stunden. Doch Pilata Fatulayeva (48) ist davon überzeugt, dass Lerik das Zeug zur Touristenattraktion hat. „Baku wurde im Mai mit dem Eurovision Song Festival berühmt – und im nächsten Jahr haben wir hier ein Festival der ältesten Menschen der Welt“, so Pilata. Sie ist die Direktorin eines Museums für Langlebigkeit, das wohl einzige auf der Welt. Hier ist die Vita von etwa acht Dutzend Talyschen aus der Gegend dokumentiert, die älter als 100 Jahre wurden.

Umstrittener Star des Museums ist der Schafhirt Şirali Müslümov, der 168 Jahre alt geworden sein soll. Eine Geburtsurkunde gibt es allerdings nicht. Und angesichts des ältesten dokumentierten Menschen, der 122 Jahre alt wurde, erscheint Müslümovs Alter doch äußerst zweifelhaft. „1805 wurde er hier in der Region geboren, 1973 starb er“, erläutert Pilata. Der Mann sei drei Mal verheiratet gewesen und habe 23 Kinder gehabt, im Alter von 136 Jahren soll er noch eine Tochter gezeugt haben. Da liegt natürlich die Vermutung nahe, dass Müslümov sich bei seinem Alter um ein paar Jahrzehnte verrechnet hat.

20 Personen, die älter als 100 sind

Doch auch Rembrandt Scholz, Altersforscher am Max-Planck-Institut in Rostock, hat von den extrem Hochbetagten in Mittelasien schon gehört. „Auffallend viele hochaltrige Menschen gibt es auch in einigen Gegenden von China, in Japan oder im Hunza-Tal in Pakistan“, so Scholz. Aber das Problem sei, dass oft wegen fehlender Unterlagen kein wissenschaftlicher Nachweis über das Alter zu führen sei, denn anders als in Deutschland gibt es in vielen Ländern kein vergleichbares Personenstandsregister.

Fakt ist aber, dass die Menschen der Region rund um Lerik auffallend alt werden. Zurzeit gibt es 20 Personen, die älter als 100 Jahre sind. Der aserische Reiseführer Farid Mugimzadeh erklärt das mit den besonderen Genen der Talyschen. Museumsdirektorin Pilata dagegen glaubt, dass es an der Ernährung liege. Doch dass ausgerechnet die kalorienreiche Kost der Talyschen so gesund sein soll, die Fleisch, Brot und vor allem Milchprodukte lieben und von denen viele täglich ein Glas geschmolzene Butter trinken, erscheint aus ernährungswissenschaftlicher Sicht auch nicht gerade plausibel.

In Cengemiran, einer winzigen Siedlung unweit der Stadt Lerik, lebt die 97 Jahre alte Rubaba Mirzayeva. Rubaba, die behauptet, 143 Nachfahren zu haben, lebt in einem einfachen Holzhaus. Unter ihrem Kopftuch verbirgt sie lange, dunkelblonde Zöpfe, die ihr Sohn stolz vor uns enthüllt. „Ich habe meine Haare immer mit Milch gewaschen, so gingen sie mir nie aus und behielten ihre Farbe. Shampoo habe ich auch nie benutzt“, sagt Rubaba. Sie hat immer nur das gegessen, was von ihrem eigenen Hof stammte, Tomaten, Kartoffeln, Erbsen. „Mein ganzes Leben lang habe ich nicht ein einziges Mal im Supermarkt Lebensmittel gekauft.“

Dann erzählt sie von ihrem Mann, der in der Armee war. „Am schlimmsten war es in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Doch alles wurde besser, als der „geliebte Vater“ Heydar Aliyew das Ruder im Land übernahm. „Er brachte uns Elektrizität, wir sind ihm dankbar“, sagt Rubaba. Die Propaganda klingt seltsam aus dem Mund einer alten Frau. Doch der Kult, der um die Vaterfigur der Nation getrieben wird, der sein Land wie ein Diktator regierte und 2003 starb, kennt kaum Grenzen in Aserbaidschan. Immerhin gibt es keine Not unter Aserbaidschans Alten. 230 Manat, das entspricht der gleichen Summe in Euro, erhält Rubaba monatlich als Rente, für hiesige Verhältnisse ein Betrag, von dem man gut leben kann. Und vielleicht hat ja auch Rubabas längst ergrauter Sohn recht: „Die Alten genießen in unserer Kultur Hochachtung. Sie leben inmitten der Großfamilie, werden geliebt, umsorgt und sind glücklich.“ Wenn das kein Grund sei, so lange wie möglich unter den Lebenden zu weilen.