Ermittlungen

Vater tötet seine Familie

Ein 47-Jähriger hat in Kruft nahe Koblenz vermutlich seine Frau und seine zwei Söhne umgebracht. Seine Motive sind unklar

„Er war ganz versessen auf die Jungs.“ So beschreibt der Ortsbürgermeister von Kruft, Rudolf Schneichel (CDU), den Mann, der in der beschaulichen 4000-Einwohner-Gemeinde im Norden von Rheinland-Pfalz mutmaßlich seine zwei Söhne und seine Frau umgebracht hat. Die Tragödie in der nach außen idyllisch wirkenden Familie hat dem Ort einen Schock versetzt. Die Hintergründe sind noch völlig unklar.

Der 47-Jährige soll die Tat laut Polizei am Donnerstag begangen haben. Dann fuhr er zu Verwandten ins rund 180 Kilometer entfernte Saarbrücken im Saarland. Über die Autobahnen A 48, die bei Kruft verläuft, und die A1 sind es bis dorthin keine zwei Stunden mit dem Auto – vor allem nicht am Abend oder mitten in der Nacht.

Dort stellte er sich am Freitagmorgen gegen 4.40 Uhr der Polizei. Er gab an, seine zwei Söhne im Alter von sieben und neun Jahren sowie seine 43 Jahre alte Frau umgebracht zu haben. Kurz darauf wird aus der Vermutung Gewissheit, Polizisten entdecken die drei Leichen im Haus der Familie in der Krufter Kondstraße. Details wollte die Polizei am Freitag nicht nennen. „Wir haben keine Worte, es gab keinerlei Anzeichen“, sagt Ortsbürgermeister Schneichel. Der Familienvater hatte Schneichels Angaben zufolge einen Schwerbehindertenausweis und arbeitete seit dem Frühjahr als 400-Euro-Jobber in den Grünanlagen der Gemeinde. „Er hat immer perfekte, gute Arbeit geleistet. Es hat einwandfrei funktioniert.“ Privat habe er den Mann nicht gekannt, zu möglichen Problemen der Familie, die seit zwölf Jahren in Kruft lebte, könne er daher nichts sagen.

Neid, Eifersucht, Verzweiflung?

Seine Kollegen arbeiten am Freitag in der Nähe des Tatortes, sie wollen sich nicht äußern. Nur einer lobt ausdrücklich die Arbeit des Mannes, der für die Gemeinde unter anderem Beete gepflegt hatte. „Da gab es nie etwas zu beanstanden“, sagt er. Auch mehrere Anwohnerinnen sagen, ihnen sei nie etwas Besonderes aufgefallen. Die Mutter der Familie habe Haushaltswaren verkauft, man kenne sich flüchtig, sagt eine. „Eine nette Frau.“

Klar sei für den Ortsbürgermeister: „Er war stolz auf seine Kinder.“ Die Jungen hätten ihren Vater oft bei der Arbeit besucht. „Es war schön anzusehen“, beschreibt Schneichel das augenscheinliche Familien-Idyll. „Fast jeder im Ort kannte ihn, seine Kinder habe ich fast jeden Tag hier gesehen.“ Die Söhne des 47-Jährigen beschreibt der Ortsbürgermeister mit tränenerstickter Stimme als „liebe, lebendige Jungs“. Was mag also passiert sein, dass der Vater seinem Familienleben ein so tragisches Ende setzte? Bislang lässt sich darüber nur spekulieren, denn Polizei und Staatsanwaltschaft machen dazu noch keine Angaben. Schuldige wie der mutmaßliche Mörder von Kruft übernehmen nach Ansicht des Notfallpsychologen Gerd Reimann in vielen Fällen nicht nur die bloße Täterrolle. „Diese Menschen sind oft Täter und Opfer zugleich“, sagte der Potsdamer Fachmann mit Blick auf die verzweifelte Lage von Menschen vor Familientragödien und anderen Zwangslagen. Die Doppelrolle entschuldige aber schwere Verbrechen wie die jüngste Tat in Kruft nicht, betonte Reimann am Freitag in einem Gespräch. In etlichen Fällen treiben Neid, Eifersucht und pure Verzweiflung Menschen zu solchen Taten, wie Reimann sagt. „Sie wollen ihrem Partner zum Beispiel bei einer Trennung kein neues Leben überlassen, erst recht nicht mit ihren Kindern. Das können sie nicht ertragen.“ Täter seien sich in vielen Fällen der direkten Folgen ihres Verbrechens nicht bewusst. „Unter Stress ist der Kopf nicht mehr eingeschaltet“, sagt der Potsdamer Psychologe Reimann. Deshalb wüssten viele vor einer Tat auch nicht, wie sie sich danach verhalten werden – etwa ob sie ihrem eigenen Leben ein Ende setzen oder sich der Polizei stellen. Viele dächten bei diesen Kurzschlussreaktionen auch nicht an lange Jahre hinter Gittern: „Nach der Tat bereuen sie diese auch nur selten.“

Im Krufter Fall sollen die Leichen noch an diesem Wochenende obduziert werden, möglicherweise an der Klinik der Johannes-Gutenberg-Universität in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz. Diese Untersuchung könnte Licht ins Dunkel bringen. Bis dahin dürften viele Bewohner des Ortes weiterrätseln – so auch Ortsbürgermeister Schneichel. „Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es ist, den Mitschülern davon zu erzählen“, sagt er. „Da kommen einem die Tränen, das geht einem durch und durch.“

Der Täter sollte noch am Freitag dem Haftrichter vorgeführt werden, wie der leitende Staatsanwalt Harald Kruse sagte. Der Mann war nach eigenen Angaben nach der Tat zu Verwandten ins Saarland gefahren. Diese begleiteten ihn zur Polizeiwache. Einige der Verwandten seien mittlerweile vernommen worden, sagte Kruse.

Seelsorger für die Gemeinde

Fest steht laut Polizei bislang, dass die Ehefrau sowie die beiden Kinder des Mannes Opfer eines Gewaltverbrechens wurden. Experten der Spurensicherung untersuchten bis zum Mittag das Haus. „Das wird jetzt ausgewertet“, sagte ein Polizeisprecher. Vor Ort in Kruft war auch ein Notfallseelsorger, Bekannte der Familie legten an dem Haus Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Voraussichtlich am Sonnabend sollen die Leichen obduziert werden, wie ein Polizeisprecher sagte. Wo genau die drei Toten in dem Haus gefunden wurden und wie sie ums Leben kamen, war zunächst nicht bekannt. Die Staatsanwaltschaft und die Koblenzer Kriminalpolizei haben die Ermittlungen aufgenommen. Zu den möglichen Hintergründen der Tat machten sie bislang keine Angaben.

Bereits 2010 gab es in Kruft zwei rätselhafte Todesfälle. Damals kamen bei einem Beziehungsdrama am dritten Adventswochenende ein 51-jähriger Mann und dessen 47-jährige Ehefrau ums Leben. Ein weiterer Mann, der offenbar der neue Lebensgefährte der Frau war, wurde dabei schwer verletzt.