Verkehrsunfall

Geisterfahrt fordert sechs Menschenleben

Nach schwerem Unfall in Baden wird nach Wegen gesucht, Falschfahrer sicher zu stoppen

Blaulichter scheinen im Nebel auf, die Autobahn 5 beim badischen Offenburg gleicht auf 100 Meter Länge einem Schlachtfeld. Den Helfern bietet sich ein unvorstellbar grausiger Anblick. Überall auf der Fahrbahn liegen Leichenteile und die Trümmer von vier Autowracks. Kurz zuvor hatte ein 20-jähriger Geisterfahrer mit seinem weißen BMW gegen sechs Uhr am Sonntagmorgen einen voll besetzten Minivan mit hoher Geschwindigkeit gerammt. Alle fünf Insassen des Minivans und der Unfallverursacher kamen ums Leben. Eine Ersthelferin wurde anschließend angefahren und schwer verletzt. Vier weitere Menschen erlitten leichte Verletzungen.

Der Geisterfahrer war nach Angaben der Polizei allein unterwegs. Er war gut 15 Kilometer südlich, bei Lahr, in falscher Richtung auf die Autobahn aufgefahren. Der entgegen kommende Minivan wurde von einem 30-Jährigen gesteuert. In dem Wrack starben außer ihm zwei Frauen (23 und 36 Jahre alt) sowie zwei Männer (26 und 27 Jahre alt), die alle aus dem Raum Emmendingen stammen.

Unmittelbar nach der Frontalkollision hielt eine bis dahin unbeteiligte Fahrerin ihren Pkw auf dem Seitenstreifen an, offensichtlich, um Hilfe zu leisten. Doch dann passierte das nächste Unglück: Ein Autofahrer übersah sie im Nebel und überrollte sie. Ein weiteres Fahrzeug prallte daraufhin in die ungesicherte Unfallstelle. Die Helferin kam lebensgefährlich verletzt ins Krankenhaus, wird aber wohl überleben. Die Insassen der beiden anderen Autos wurden glücklicherweise nur leicht verletzt. Noch am Sonntagnachmittag stand der BMW des Geisterfahrers vollständig deformiert an der Leitplanke. Der Motorblock des entgegenkommenden Minivans vom Typ VW Touran wurde bei der Kollision herausgerissen. Die beiden jungen Frauen und die drei Männer wurden aus dem Wagen herauskatapultiert. Alle fünf starben sofort an ihren schweren Verletzungen.

Nebel lag über der Autobahn

Zunächst hatte stundenlang Unklarheit über den Unfallhergang geherrscht. Etwa fünf Minuten vor dem Unfall seien Hinweise auf einen Falschfahrer bei der Polizeidirektion Offenburg eingegangen. Doch erst gegen acht Uhr, als die Morgensonne den wabernden Nebel langsam durchdringt, wird den Feuerwehrmännern, den Helfern des Roten Kreuzes und den vier Notärzten das ganze Ausmaß des Unglücks bewusst. Die Leichen liegen auf etwa 100 Meter Strecke in einem dichten Teppich aus Fahrzeugteilen. Ein Polizeihubschrauber versucht am Vormittag zweimal vergeblich, Übersichtsaufnahmen aus der Luft zu machen. Erst gegen 13 Uhr ist die Sicht so klar, dass die Fotos gemacht werden können. Die Autobahn ist stundenlang komplett gesperrt. Auch die nicht betroffene Gegenfahrbahn ist abgeriegelt, um mögliche Schaulustige fernzuhalten.

Mit ernsten Gesichtern stehen die Polizeibeamten auf der Fahrbahn und stellen sich die Frage nach dem „Warum“. Es kann sich keiner von ihnen an einen ähnlich schlimmen Unfall in der Gegend erinnern. Im Oktober hatten Falschfahrer in Deutschland schon mehrere schwere Unfälle auf Autobahnen verursacht. Zuletzt hatte ein Geisterfahrer im Sauerland einen Unfall mit fünf Toten herbeigeführt. Der Mann hatte bei einem Suizid auf der Autobahn bei Meschede sich und vier weitere Menschen in den Tod gerissen – auch an einem Sonntagmorgen.

Akustische Warnmeldungen

In Rheinland-Pfalz waren bei einem Falschfahrerunfall ein Vater und zwei seiner Kinder getötet worden. In Bayern kamen bei einem Geisterfahrerunfall Anfang Oktober fünf Menschen ums Leben. Damals hatte eine vermutlich psychisch kranke Frau den Unfall verursacht.

Der saarländische Verkehrsminister Heiko Maas (SPD) erneuerte angesichts der abermaligen Tragödie seine Forderung nach akustischen und optischen Warnmeldern. Warnschilder könnten deutlich auf das falsche Auffahren auf die Autobahn hinweisen, sagte Maas am Sonntag in Saarbrücken. Zusätzlich schlug er vor, akustische Melder zu entwickeln, „die über Sensoren eigenständig einen Falschfahrer bei der Auffahrt auf die Autobahn erkennen und Alarm geben“. Auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) erwägte zuletzt, durch neongelbe Warnschilder die Auffahrten noch besser zu kennzeichnen. Es gibt auch Forderungen, an den Auffahrten Krallen zu installieren, die Fahrzeuge, die in falscher Richtung auffahren wollen, stoppen würden.