Fitness

Schluss mit Weichei

Crossfit, „das härteste Work-out der Welt“, erobert Europa. Unser Autor hat sich einen Monat gequält – und es lieben gelernt

Schon die ersten Recherche-Ergebnisse lesen sich furchterregend: „Sie wollen sich quälen wie ein Marine?“ Oder schlicht: „Das härteste Work-out der Welt!“ Nach ungefähr zwei Minuten Bedenkzeit erkläre ich mich bereit, einen Monat lang ein Training namens Crossfit zu testen. Auf den ersten Blick ist es nichts anderes als intensives Zirkeltraining: eine Mischung aus Kondition, Gewichtheben, Turnen. Man trainiert in Gruppen und immer unter Aufsicht eines Trainers. Mitte der 90er-Jahre ist Crossfit in den USA entstanden. Seitdem ist es dort zur Massenbewegung geworden. Von alldem hatte ich bis zu diesem Tag noch nie gehört.

Ich bin wohl eine gute Testperson dafür, wie sehr Crossfit für einen Durchschnittsmenschen taugt. Meine Sport-Bilanz ist bescheiden. Das, was für Al Bundy die vier Touchdowns im Highschool-Finale sind, ist für mich der dritte Platz bei der U12-Tennis-Stadtmeisterschaft Leipzig 1988. Bewegung sah ich als notwendiges Übel. Aber jetzt, mit 35, fand ich es an der Zeit, endlich mal durchtrainiert zu sein.

Mein Trainer heißt Nico Bartke. Der 26-jährige Berliner ist ein Paket aus Muskeln plus Hirn. Er hat internationales Informationsmanagement studiert, seinen Trainerschein machte er während eines Auslandsjahrs in Spanien. Mit seinen zwei dänischen Kumpeln Lars und Jess hat Nico in Kreuzberg eine eigene Crossfit-Box eröffnet. Kein Wellness-Bereich, keine Bar. Einfach eine Halle mit ein paar Stangen, Gewichten und Seilen. Der Crossfitter mag es schlicht. Ein Tagebuch.

Tag 1: Den Einsteigerkurs machen mit mir ein Kollege und zwei frisch nach Berlin Gezogene. Wir beginnen mit leichten Lockerungs- und Dehnübungen. Manche kenne ich vom Yoga. Aber hier geht alles viel schneller. Dann erklärt uns Nico die drei Hauptübungen des Tages. Die erste ist eine Art intensiver Kniebeuge, sogenannte Squats. 20 Sekunden Squats, 10 Sekunden Pause. 20 Sekunden Squats, 10 Sekunden Pause, 20 Sekunden Squats. Puh! Anstrengend. Aber kein großes Problem. Ich merke nur, wie meine Aufmerksamkeit etwas nachlässt, als Nico die nächste Übung erklärt: „Kettlebell Swings“. Man schwingt aus der Hocke heraus mit einem Gewicht zwischen 12 und 24 Kilogramm. Sieht einfach aus. Ist es nicht. Beim dritten Versuch muss ich abbrechen. Mir wird schwindelig. Ich setze mich. Wie peinlich.

Die dritte Übung: „Burpees“. Sprung in den Liegestütz, Sprung in die Hocke, einmal hochspringen. Total einfach. Blöd nur, wenn man das ständig hintereinander machen muss. Abschluss und Höhepunkt eines jeden gut einstündigen Trainings ist das „Work-out of the Day“ – kurz WOD –, eine Kombination der zuvor gemachten Übungen. Alles nur viel intensiver in schnellerer Frequenz. Nico ruft: „3, 2, 1 – go!“, dreht die Anlage auf: Red Hot Chili Peppers, Eminem. Laute Gitarren, viel Rhythmus. „I’m sexy and I know it“, dröhnt es aus den Boxen, während wir uns schweißgebadet und taumelnd von einem Burpee zum nächsten Kettlebell Swing quälen. Ständig muss ich Pausen machen, benommen von Schmerz und Schwindelgefühl. Am Ende sinken alle schwer pumpend mit heftigem Atem zusammen. Man klatscht sich gegenseitig ab.

Tag 2, Muskelkater: Nico hatte gesagt: „Es gibt Muskelkater und Muskelkater. Und es gibt Muskelkater, bei dem du nicht mehr auf dem Klo sitzen kannst.“ Genau den spüre ich jetzt. Bei jedem In-die-Knie-Gehen. Beim Treppensteigen. Beim Hinsetzen. Überall.

Tag 3, „Fun-Friday“: Spaßfreitag heißt großes Gemeinschaftstraining. 40 Leute. Meine Hoffnung wird enttäuscht, hier noch ein paar Anfänger auf meinem Niveau zu treffen. Um mich herum nur schöne, trainierte Menschen. Die meisten sind männlich, zwischen 20 und 30. Ich fühle mich alt, schwach, fett. Das lässt mich keiner spüren. Crossfitter sind Meister darin, sich gegenseitig anzufeuern.

Tag 6, kleine Sprünge: Heute ist unter anderem Seilspringen dran. Ich schaffe keine einzige Umdrehung. Deprimierend. Manche machen sogar „Doubleunders“ – also Sprünge, bei denen das Seil zweimal unter einem durchschwingt.

Tag 9, immer bei den Mädels: Langsam fällt auf, dass mich Nico immer in eine der Mädchengruppen steckt. Da kann ich wenigstens beim Gewichtheben mithalten. Eine der Fittesten hier ist Linda Wollgast. Sie sagt: „Ich habe noch keinen getroffen, der bei Crossfit angefangen und wieder aufgehört hat.“ Da muss ja was gehen, denke ich.

Tag 14, Krampf: Aaaaaahhhhh! Mein erster Schrei. Krampf in beiden Unterschenkeln. Woher der nur kommt? Nach nur 30 Burpees, 25 Kettlebell Swings, Gewichtheben und 400 Meter Dauerlauf mit 16 Kilogramm Extragewicht. Trotzdem bemerke ich Fortschritte. Ich bin zwar erschöpft, habe aber keinen schlimmen Muskelkater mehr. Auch die Erholungsphasen zwischen den Einheiten werden kürzer. Das Schwindelgefühl ist verschwunden.

Tag 17, immer weiter: Ich stemme und drücke und schwitze und kämpfe. Zwar schenkt mir Nico nach dem Training immer einen Handschlag und ein „Super!“, aber der Preis dafür sind immer wieder Dutzende Burpees und Squats.

Tag 19, erster Doubleunder: Glücksmomente. Meine ersten Doubleunder! (Zur Erinnerung: Das waren die doppelten Seilsprünge.) Merkwürdigerweise gelingen sie mir mitten im Work-out zwischen Gewichtheben und – natürlich – Burpees. Und das, obwohl ich fix und alle bin und die Augen vom Schweiß gerötet sind. Nico strahlt. Das muss der Crossfit-Effekt sein: Wenn man längst aufgegeben hat, ist immer einer da, der einen antreibt. Und auf einmal beherrscht man utopische Dinge.

Tag 20, Komplimente zählen: Ich schiele auf die Waage. Abgenommen habe ich nicht. Trotzdem fühlt sich alles straffer an. Später auf der Arbeit: „Hast du abgenommen?“, fragt eine Arbeitskollegin.

Tag 23, feste Termine: Es scheint unter den Athleten eine Form der Höflichkeit zu sein, sich mit den Worten „bis morgen“ zu verabschieden. Diese sonst unverbindliche Floskel wird beim Crossfit Gesetz. Eine Verabredung steht. Am nächsten Tag verflucht man sich dafür – und macht sich trotzdem wieder auf den Weg zum Training. Die soziale Überwachung greift.

Tag 30, Bilanz: Jeder Tag, an dem ich nicht trainiere, löst ein schlechtes Gewissen aus. Ein Wochenende ohne Training kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Crossfit ist in meine Arbeitswoche voll integriert. Und das Beste: Es macht sogar nach wie vor Spaß.

Epilog: Samstagabend. Ich lümmle auf dem Sofa herum, sehe fern, esse Chips und trinke Bier. In Hamburg betritt Wladimir Klitschko die Arena, um seinen Weltmeistertitel zu verteidigen. Als Einmarschmusik erklingt „Can’t Stop“ von den Red Hot Chili Peppers. Dank Crossfit kenne ich den Song in- und auswendig. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Kettlebells, Springseile, Gewichte. Obwohl Nico nicht in der Nähe ist, mache ich umgehend zehn Burpees, zehn Squats und zehn Liegestütze ...