Fernsehen

Wieder ein Unfall für die Quote

Er hatte für Stephan Raabs Show trainiert: Schauspieler Stephen Dürr verletzt sich bei einem Sprung vom Dreimeter-Brett schwer

Es ist sein 50. Sprung vom Dreimeter-Brett. 49 Mal ist alles gut gegangen beim Training für Stefan Raabs „TV Total Turmspringen“. Dann passiert etwas, mit dem keiner gerechnet hat. Statt mit den Händen schlägt der ehemalige Soap-Schauspieler Stephen Dürr („Alles, was zählt“) mit der Stirn zuerst auf die Wasseroberfläche. Sein Kopf wird in den Nacken gerissen, er verrenkt sich Halswirbel. Der Vater zweier kleiner Töchter schafft es gerade noch an den Beckenrand im SSE an der Landsberger Allee. Dann bringt ihn ein Rettungswagen ins Krankenhaus in Friedrichshain, wie die Berliner Feuerwehr bestätigte. Dürr hat Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen.

Es bestehe der Verdacht, dass das Rückenmark bei dem Aufprall beschädigt worden sein könnte, berichtete „Bild“. Dürr sei vorübergehend sogar ins künstliche Koma versetzt worden. Das war bereits am Mittwoch. Inzwischen ist der 38-jährige Hamburger jedoch offenbar wieder ansprechbar. Die Zeitung zitiert ihn mit den Worten: „Mein erster Gedanke war: Bitte, lieber Gott, lass mich nicht gelähmt bleiben! Lass mich nicht im Rollstuhl enden! Dann wurde mir schwarz vor Augen.“ Ein Foto zeigt den verletzten Schauspieler auf der Intensivstation. Sein Kopf ist mit einer Halskrause fixiert. Dürrs Management bestätigte den Unfall.

Das Foto vom bettlägerigen Dürr hat schlimme Erinnerungen an einen anderen Unfall geweckt. Man denkt an Samuel Koch, den jungen Kunstturner, der sich am 4. Dezember 2010 in der ZDF-Show „Wetten, dass ...“ vor laufender Kamera das Genick brach. Seither ist er querschnittgelähmt. Der unglückliche Aufprall beim Turmspringen hat jetzt eine Frage aufgeworfen, die immer dann reflexartig aufkommt, wenn im Fernsehen wieder ein Unfall passiert. Wie viel Risiko dürfen Spielshows ihren Kandidaten zumuten? Wo fängt die Verantwortung der Sender an, wo hört sie auf?

Nicht der erste Unfall

ProSieben-Entertainer Raab (46) hat sein „TV Total Turmspringen“ schon sieben Mal seit 2004 ins Fernsehen gebracht. Die Regeln sind einfach: Prominente müssen vom Turm ins Wasser springen und dabei gute Noten erzielen. Dürrs Unfall war nicht der erste in der Geschichte der Sendung. 2010 prallte Elton, der ewige ProSieben-Showpraktikant, beim Salto rückwärts aus fünf Metern Höhe mit dem Gesicht aufs Wasser. Er kam mit einem blauen Auge davon. ProSieben Moderator Daniel Aminati hatte ein Jahr zuvor weniger Glück. Noch heute kursiert im Internet ein Videoclip von „Daniels Horrorsprung“. Man sieht, wie er aus zehn Metern Höhe mit dem Rücken auf die Wasseroberfläche aufschlägt. Beim Aufprall platzen Adern an den Oberschenkeln, Aminati klagt über Rückenschmerzen, beißt die Zähne zusammen und wiederholt den Sprung – diesmal fehlerfrei.

Der Entertainer ist dafür bekannt, dass er sich selber auch nicht schont. Gewinnen wollen um jeden Preis, das ist sein Erfolgsrezept. Als er im April 2010 mit dem Mountainbike in seiner Show „Schlag den Raab“ stürzte, rappelte er sich wieder auf und schaffte es noch über die Ziellinie – trotz Gehirnerschütterung. Seinen Kollegen Aminati verlieh er für den Rückenklatscher die „Goldene TV-Tapferkeitsmedaille in Silber“. Der Ausrutscher als PR-Gag. Es war ja gerade noch mal gut gegangen.

Experte überrascht

Dürr hat allem Anschein nach weniger Glück gehabt. Trotzdem warnen Experten davor, den Unfall hochzuspielen. „Dass sich jemand beim Sprung vom Dreimeterbrett den Halswirbel verrenkt hat, höre ich zum ersten Mal“, sagt Werner Alt, Fachreferent für Turmspringen beim Deutschen Schwimmverband (DSV) Er spricht von einer Verkettung unglücklicher Zufälle und davon, dass man sich eine solche Verletzung auch überall anders hätte zuziehen können – zum Beispiel beim Treppensteigen. Das Risiko beim Turmspringen hält der Profi für überschaubar. Er sagt, er selber habe schon das Comedy-Duo Mundstuhl für einen Auftritt bei Raabs TV-Event fit gemacht. Binnen kurzer Zeit hätten die beiden Komiker einen zweieinhalbfachen Salto vom Dreimeterbrett geschafft.

Auch der Medienpsychologe Jo Groebel mag Dürrs Sturz nicht als Indiz dafür werten, dass die TV-Unterhaltung immer unkalkulierbarere Risiken eingehe, um die Quote anzukurbeln. Er sagt: „Das war ein ganz normaler Sportunfall.“ Mit dem Sturz von Samuel Koch während einer „Wetten, dass..?“-Sendung könne man ihn nicht vergleichen. Und selbst der querschnittgelähmte ZDF-Kandidat hat öffentlich beteuert, er alleine trage die Verantwortung für den Unfall. Bei ProSieben wird man solche Äußerungen erleichtert registriert haben. Das Turmspringen am 24. November finde auf jeden Fall statt, sagte ein Sprecher. Ob die Szene vom Sturz bei den Proben gezeigt wird, ließ er offen.