Stromausfall

Blackout legt München lahm

Am Donnerstagmorgen fällt in weiten Teilen der bayerischen Hauptstadt der Strom aus. Viele Pendler müssen lange in den Zügen ausharren

Der Humor stirbt bekanntlich zuletzt. Vor allem wenn die Krise so groß nicht ist. Und so gab es auch an diesem für München so düsteren Morgen reichlich schwarzen Humor. „In München alles schwarz – davon träumt die CSU!“, twitterte Alf Frommer. Schülersprecher Andre Candidus von den Jusos vermeldete: „Schule fällt dank Stromausfall aus.“ Der Münchner Schauspieler Michael Jäger freute sich über ein unerwartetes Schäferstündchen: „Sehen wir es positiv. Der Stromausfall war lange genug für einen Quickie.“ Und auf Facebook gab es bereits die erste Fanseite: „Stromausfall München – es lebe das Mittelalter!“

Ganz so weit mussten die Stadtwerke dann aber doch nicht zurückgehen in der Erinnerung, wann es so etwas zuletzt gegeben hatte in München: Ein Stromausfall, der für mindestens eine Stunde die halbe Stadt lahmgelegt hat. 1992 zuletzt – und „vielleicht in den 70er-Jahren“. Und eben am 15.November 2012. Es war sieben Uhr morgens, als in der bayerischen Landeshauptstadt buchstäblich die Lichter ausgingen. 450.000 Menschen saßen plötzlich im Dunkeln – gefangen hinter elektrischen Rollläden, die sich nicht mehr öffnen ließen, eingesperrt in Aufzügen, die sich nicht mehr rührten, festgesetzt in U-Bahnen und in Autoschlangen vor ausgefallenen Ampeln. Da kamen die Spätaufsteher, bei denen einfach nur der Radiowecker nicht klingelte, noch glimpflich davon.

Nichts mit der Energiewende zu tun

Ein Defekt an einem Versorgungskabel (110 kV) zwischen München und der nördlich gelegenen Stadt Moosburg, so die erste Analyse der Münchner Stadtwerke (SWM), soll für den katastrophalen Blackout verantwortlich sein. „Wir vermuten, dass der Schaden aus dem vorgelagerten Netz kommt“, sagte der Geschäftsführer für Versorgung und Technik, Stephan Schwarz, bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz am Mittag. „Es wird vermutlich eine Stromspitze gewesen sein, die durchgelaufen ist.“ Aus Sicherheitsgründen schalte das Netz in solchen Fällen automatisch ab. Zudem sei es infolge der technischen Störung auch zu einer Explosion im Umspannwerk Bogenhausen gekommen.

Näheres konnten die Stadtwerke zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht sagen. Nur mit einer Einschätzung war Schwarz relativ schnell bei der Hand: Mit der Energiewende und „der ganzen Diskussion über sichere Netze“ habe der Vorfall „nichts zu tun“. „Ein Bezug zur Energiewende ist völlig verfehlt. Das, was heute passiert ist, das hätte auch vor 20 Jahren passieren können.“ Für die Münchner, die an diesem Donnerstagmorgen versuchen mussten, ihren Alltag zu bewältigen, dürften solche Überlegungen aber zunächst mal zweitrangig gewesen sein. „Wir saßen gerade beim Frühstück, als der Strom ausblieb“, erzählte Stefanie S., Mutter aus München-Laim. „Den Rest vom Brötchen gab es dann bei Kerzenschein, und ich musste ungeschminkt aus dem Haus – zu dunkel.“ Dafür freute sich ihr Sohn Anders. „Der ging zu Recht davon aus, dass all die Lehrer, die von außerhalb in die Stadt pendeln, bestimmt nicht rechtzeitig kommen würden.“

Pünktlich zur Arbeit kamen an diesem chaotischen Morgen wohl die wenigsten. Auf den Straßen fielen zeitweise die Ampeln aus, die Autofahrer mussten sich per Handzeichen absprechen, wer fahren durfte. Auch viele Tankstellen standen still, wer kein Benzin mehr hatte, musste abwarten. Noch unangenehmer wurde es für Pendler, die öffentliche Verkehrsmittel benutzten. Als der Strom gegen sieben Uhr ausfiel, standen zunächst restlos alle Züge still. Die Fahrgäste, die zu diesem Zeitpunkt in den Zügen saßen, mussten zum Teil in den Tunneln verharren, teilweise bis zu 45 Minuten.

Erste Strecken wurden dann ab 7.30 Uhr wieder in Betrieb genommen. Doch bis der Nahverkehr wieder einigermaßen verspätungsfrei lief, dauerte es noch bis zum Mittag. „Ansage heute in der U-Bahn: Sehr geehrte Fahrgäste, bitte fragen Sie mich nicht, wo wir hinfahren, ich weiß es auch noch nicht“, twitterte ein leidgeprüfter Pendler. Die Sicherheitseinrichtungen wie Notruf und Nothalt hätten jedoch die ganze Zeit funktioniert, betonten die Stadtwerke. Sie seien mit einem Notstromaggregat versorgt worden. Auch in Krankenhäusern und öffentlichen Einrichtungen sprangen die Notstromaggregate an. So etwa im Klinikum Großhadern. Dort seien alle wichtigen Bereiche wie OP-Säle und Intensivmedizin versorgt gewesen, die Patienten ebenso, wie ein Sprecher betonte. Einige Aufzüge seien fünf Minuten stehen geblieben, hätten dann aber von Hand gestartet werden können.

Befreiung aus Aufzügen

Bei BMW, einem der größten Arbeitgeber in München, gab es keinerlei Beeinträchtigungen durch den Stromausfall. „Das Werk München arbeitet wie gehabt“, sagte ein Sprecher. Es sei natürlich vorgekommen, dass Mitarbeiter Probleme hatten, pünktlich zur Arbeit zu kommen. Die Stromversorgung des Werks und der Zentrale am Olympiapark sei aber gewährleistet gewesen. In der Staatskanzlei, die ebenfalls von einem Notstromaggregat versorgt wurde, fielen nur kurz die Aufzüge aus. Ebenso im Münchner Rathaus, wo dreimal Menschen aus Aufzügen befreit werden mussten. Die Berufsfeuerwehr hatte so gut wie alle Kräfte im Einsatz. Sie war bei insgesamt 50 Einsätzen zugegen. Bei 25 Einsätzen befreiten die Feuerwehrleute Menschen aus Aufzügen. Der Stromausfall gilt als der schlimmste Ausfall in München seit 20 Jahren. Dennoch könne man ihm auch etwas Positives abgewinnen, betonte Stadtwerke-Chef Schwarz: „Wir haben sehr viel gelernt dabei.“