Abschied

Der „Trauer-Guru“ und die letzte Reise

Der krebskranke Bestatter Fritz Roth zeigt in einer Berliner Ausstellung, wie er mit dem Tod umgeht

– Ein Schatten lag auf der Leber, kein Fleck, eher eine Wolke. Man konnte sie deutlich im Ultraschall sehen. Die Diagnose traf ihn nicht unvorbereitet, doch als sein Arzt sie aussprach, da kämpfte er doch gegen die Tränen. Krebs.

Es ist die zweithäufigstes Todesursache in Deutschland. Fritz Roth weiß das. Er ist Bestatter, wenn auch einer, der so gar nicht dem Bild des Bestatters entspricht. Leise und diskret, das ist nicht sein Stil. Fritz Roth sucht die Öffentlichkeit. Eine stattliche Gestalt in edlem Zwirn, freundliche Augen hinter einer randlosen Brille, Licht spiegelt sich auf seiner imposanten Stirnglatze.

Jahrelang ging er mit einem Thema hausieren, von dem Seelsorger sagen, es sei privat: der Tod. Er polterte, er predigte, er prangerte an. Dass der Tod nicht verhandelbar sei, dass man ihn annehmen müsse, das sind so Sätze, die der 63-Jährige gerne abspulte. Ein „Trauer-Guru“ wurde er genannt. Seine Ausstellung „Ein Koffer für die letzte Reise“ tourt durch Deutschland. Prominente und Bürger zeigen, was sie in den Tod mitnehmen würden. Von diesem Sonnabend an ist die Schau bis 30.November in der Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche am Breitscheidplatz zu sehen.

Infolge zweier Kriege musste die Branche lange nach neuen Wegen suchen, weil die Sterbezahlen jahrelang sanken und immer mehr Bestatter auf den Markt drängten. Rund 4500 sind es heute in Deutschland. Fritz Roth ist einer der erfolgreichsten. In Bergisch-Gladbach betreibt er Deutschlands einzigen privaten Urnenfriedhof. 900 Beerdigungen organisiert er jährlich, dreimal so viele wie vor zehn Jahren. Trauerbegleitung, das ist seine Marktlücke. Er hat sie 1982 entdeckt, als er seinen Job als Unternehmensberater kündigte, um noch einmal neu durchzustarten.

Seit März weiß er nun, dass seine Uhr tickt. Der Krebs sitzt schon in der Lunge. Eine Operation und zwei Chemotherapien konnten ihn nicht stoppen. Fritz Roth sagt, im schlimmsten Fall blieben ihm noch sechs Monate. Noch spürt er keine Schmerzen. Das macht es ihm leichter, über den Tod zu sprechen. Er gibt deswegen auch Interviews, eines mit seinem Freund, dem CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, ein Rheinländer wie er, ein Katholik, ein Karnevalist. Auch er ist unheilbar an Krebs erkrankt. Auch Bosbach geht offensiv mit der Diagnose um, sie hält ihn aber nicht davon ab, ein weiteres Mal für den Bundestag zu kandidieren.

Nie die Hoffnung aufgeben. Weiterkämpfen. Das Leben genießen, solange es noch geht. Das sind so Phrasen, mit denen die beide Freunde um sich werfen wie mit Kamellen. Man versteht plötzlich, was die beiden am Karneval fasziniert. Es ist eine Show, ein Versteckspiel, ein Maskenball. Aus aktuellem Anlass haben sie sich als Clowns kostümiert.

Am 18.November ist Fritz Roth zu Gast bei Günther Jauch, zum Auftakt der ARD-Themenwoche „Leben mit dem Tod“. Andere Bestatter registrieren es mit Unbehagen. Bislang verziehen viele dem „Trauer-Guru“, dass er PR für sein eigenes Unternehmen machte.