Ausschank

Froh, wenn die Glocke läutet

Vor zehn Jahren wurde in England die Sperrstunde abgeschafft. Gäste und Wirte halten an ihr fest

– Wenn in „The Cock’s Tavern“ im Londoner Nordosten die große Schiffsglocke erklingt, kommt Bewegung in die holzgetäfelten vier Wände. In Scharen strömen die Gäste zur Theke, um der non-verbalen Aufforderung Folge zu leisten: „Last order“. Die Glocke sagt dem Pub-Volk unmissverständlich: „Wer noch ein Bier will, der muss jetzt bestellen – oder zu Hause weitertrinken.“ In vielen britischen Pubs ist diese alte Regel noch immer Gesetz – auch zehn Jahre nach der Aufhebung der strikten Sperrstunde ab 23Uhr am 11.November 2002.

Die Glocke gehört nach wie vor zu einem britischen Pub wie der Barkeeper hinter dem Tresen und der unvermeidliche Teppichboden davor. Die allerwenigsten der 61.000 Pubs auf der Insel machen von der Möglichkeit Gebrauch, eine Verlängerung der Öffnungszeiten zu beantragen. „Am ehesten die, die in den Innenstädten oder neben Klubs und Restaurants gelegen sind“, sagt David Wilson von der britischen Beer and Pub Association. Der Verband kommt ein Jahrzehnt nach dem Fall der Sperrstunde zu einem ernüchternden Ergebnis: Ganze 23 Minuten pro Tag hat der durchschnittliche Pub länger auf als früher.

„Es ist einfach eine Frage der Resonanz“, sagt David Wilson von der Branchenorganisation, die die noch rund 50.000 verbliebenen Pubs in Großbritannien vertritt. Gerade auf dem Land lohne es für viele „Publicans“, wie die Betreiber genannt werden, nicht, länger zu öffnen. Die Menschen seien einfach an die Öffnungszeiten gewöhnt. Schließlich mache man auf der Insel auch selten den unnötigen Umweg vom Büro über zu Hause, um ins Gasthaus zu kommen, sondern beginne den Abend unmittelbar nach Dienstschluss. Bisweilen sei der eine oder andere Gast sogar ganz froh, wenn endlich die Glocke ertöne.

Vor zehn Jahren hatte unter anderem eine große Diskussion über „binge-drinking“ (deutsch: Koma-Saufen) die Sperrstunde fallen lassen. Ganze Horden von Kampftrinkern jedes Alters fielen in die Pubs ein und hatten nur ein Ziel: bis 23.00 Uhr möglichst betrunken zu sein. Die Labour-Regierung von Tony Blair wollte mit der Aufhebung dem geneigten Trinker auch ein wenig den Zeitdruck nehmen – und damit Horden von Alkoholleichen just nach elf Uhr abends auf den Straßen verhindern. Außerdem sollte die Gastronomie gestärkt werden.

Kneipen-Sterben setzt sich fort

Beides misslang. Das Pubsterben in Großbritannien setzt sich ungehindert fort. In den vergangenen 30 Jahren nahm die Zahl der „Public Houses“, wie Pubs mit voller Bezeichnung heißen, von 69.000 auf jetzt noch 50.000 ab. In schlimmsten Zeiten drehten wöchentlich bis zu 52 Publicans ihre Zapfhähne zu – derzeit liegt die Zahl der wöchentlichen Schließungen immer noch bei 18. Die Wirte versuchen, mit Quiz-Abenden, Livemusik und immer annehmbarerem Essen gegenzusteuern. Auch der Ausschank von immer mehr lokalen Bieren aus Mikro-Brauereien soll die Pints wieder öfter füllen, hofft Wilson.

Und die Trinker: Während es an Theken und an Tischen weitaus gesitteter zugeht, findet das Koma-Saufen jetzt auf Plätzen und Bürgersteigen sowie in privaten Wohnungen statt – mit billigem Stoff aus dem Supermarkt. Das Pint im Pub ist dann nur noch der krönende Abschluss der Wochenend-Sauftour. Die britischen Behörden gehen davon aus, dass Koma-Saufen die Ursache für ein Drittel aller Sexualstraftaten, ein Drittel aller Einbrüche und die Hälfte der Straßenkriminalität im Vereinigten Königreich ist.

Weniger rüpelhaft als früher

Die Sperrstunden-Befürworter, die vor zehn Jahren neben allerlei anderen Horrorszenarien unter anderem auch einen Anstieg der Fälle von Mundkrebs wegen der längeren Kneipen-Öffnungszeiten prophezeit hatten, behielten dennoch nicht recht. „Keines dieser Szenarien ist eingetreten“ sagt David Wilson. In vielen Pubs geht es sogar weniger rüpelhaft zu als früher. Nur in der Londoner „St. Stephen’s Tavern“ direkt am Big Ben ist noch immer alles gleich. Wenn dort die Glocke erklingt, rennen die Gäste nicht zur Theke, sondern gleich direkt ins benachbarte Parlamentsgebäude.

Die „division bell“ kündet nicht von der bevorstehenden Sperrstunde, sondern von einer wichtigen Abstimmung im Parlament. Da müssen die Abgeordneten sich beeilen, denn sie haben nur genau acht Minuten Zeit.

Von Pub zu Pub „kriechen“

England ist bekannt für seine Trinktradition. Auch das sogenannte Pub Crawling kommt ursprünglich von der Insel. Der Begriff stammt von den Wörtern „pub“ (Kneipe) und „crawl“ (kriechen). Mittlerweile gibt es aber in fast allen großen europäischen Städten Pub-Crawl-Angebote für Touristen. Die Grundidee ist, dass in jedem Lokal mindestens ein Bier getrunken werden soll. Es gibt allerdings auch alkoholfreie Abwandlungen, zum Beispiel mit Kaffee.

Der Weg zwischen den Kneipen wird zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Taxi zurückgelegt. Von Vorteil ist es für einen Pub Crawl also, wenn er in einer Stadt gemacht wird, die eine möglichst hohe Kneipendichte aufweist, dann schaffen es die Teilnehmer vielleicht noch, „nur“ von einer Bar in die nächste zu stolpern, ohne gleich kriechen zu müssen. Im schottischen Glasgow und in London gibt es auch sogenannte Sub Crawls, bei denen vor allem in den Kneipen in der Nähe der Haltestellen einer U-Bahn-Linie getrunken wird.