Brauchtum

Ein Gespenst geht um

Zu Halloween entdecken die Deutschen das Gruseln wieder – Berlin hat mit Beelitz und Brieselang gleich zwei mögliche Geisterstätten

Immer wenn es dunkel wird, wandelt er durch die Hörsäle. Ein Schatten ist er nur. Ein schwereloses Wesen. Aber viele wollen ihn schon gesehen haben: Hajo, den ewigen Studenten, das Gespenst der Ruhr-Universität Bochum. Zu lange soll er an seiner Doktorarbeit gearbeitet haben. Schon in den 70er-Jahren hatte er damit begonnen. Und als er in den 90ern starb, war sein wissenschaftliches Werk nicht abgeschlossen. Bis jetzt treibt ihn die Promotion. Bis jetzt hat er keine Ruhe gefunden.

Hajo von der Ruhr-Universität ist nur eine von vielen unheimlichen Gestalten, die in Deutschland ihr Unwesen treiben. In düsteren Wäldern und Ruinen, auf verlassenen Grundstücken tauchen sie plötzlich auf. Spukritter, Irrlichter, Weiße Frauen. Manchmal blutet es aus Wänden, manchmal reiten kopflose Gestalten durch die Siedlung, manchmal hört man Weinen, und niemand weiß, woher es kommt. Manchmal steht nachts ein unheimliches Wesen an der Straße. Im Ebersberger Forst bei München zum Beispiel oder in der Nähe von Celle. Die ruhelosen Geister von Frauen sollen es sein, die durch Unfälle ums Leben gekommen sind und sich rächen wollen.

Schauermärchen? Zahllose Augen- und Ohrenzeugen berichten in Internetforen, Unheimliches selbst erlebt zu haben. Und das zumeist an Orten, an denen einst Schreckliches geschah. Folter, Morde und todbringende Krankheiten.

Die letzte große wissenschaftliche Erhebung zum Geisterglauben der Deutschen liegt zehn Jahre zurück. Im Januar 2002 hatte das Allensbacher Meinungsforschungsinstitut herausgefunden, dass jeder zehnte Erwachsene in Westdeutschland, aber nur drei Prozent der Ostdeutschen davon überzeugt sind, dass unerlöste Seelen Verstorbener an verwunschenen Orten spuken.

Bilder fallen von der Wand

Aber die Häufigkeit, mit der heute die immer zahlreicher werdenden Agenturen zum Erfassen von paranormalen Phänomenen in Wohnungen bemüht werden, lässt den Schluss zu, dass der Glaube an das Irrationale in den vergangenen Jahren eher zugenommen hat. Da sollen Bilder ohne Grund von der Wand fallen, da klopft es in der Wand, da poltert es auf dem Dachboden. Die Geisterjäger rücken mit Kameras und Aufnahmegeräten vor. Und kommen meistens zu natürlichen Erklärungen für die Phänomene. Aber eben nur meistens.

Zu den beliebtesten Spukorten der Republik gehört Brieselang bei Berlin. Schon seit Jahrzehnten lockt ein unheimliches Licht die Gruseltouristen in den Brieselanger Forst. Ein ermordetes Mädchen, sagen die einen, wäre die Ursache. Eine ruhelose Unglückliche. Der Bahnwärter vom benachbarten Bahnhof Falkenhagen, sagen die anderen, würde noch immer den Weg durch den Wald leuchten – obwohl der Bahnhof gar nicht mehr in Betrieb ist. Andere wiederum wissen von geheimen Laboren im Wald zu berichten und von Gasen, die das Licht verursachen.

Kein Areal aber ist für Geisterjäger so interessant wie die Anlage der ehemaligen Heilstätten von Beelitz in Brandenburg. Der denkmalgeschützte, 200 Hektar umfassende Komplex mit 60 zum Teil recht verfallenen Gebäuden im Jugendstil bietet viel Platz für alles, was Angst und Schrecken verbreitet. Türen sollen sich plötzlich öffnen, unheimliche Stimmen wehen durch die Räume, Schreie.

Gestalt geht durch Frau hindurch

Eine Frau aus Beelitz hat behauptet, vor den Heilstätten wäre eine schwarz gekleidete Gestalt einfach durch sie hindurchgegangen. Im Internetforum „Paranormale Phänomene“ tauschen sich Nutzer darüber aus, ob es vielleicht Adolf Hitler wäre, der hier so viel düstere Energie verbreiten würde. Schließlich lag er hier während des Ersten Weltkriegs im Lazarett.

Gespensterjäger wollen die Stimmen von Opfern des als „rosa Riese“ in die Kriminalgeschichte eingegangenen Serienmörders WolfgangS. gehört haben. Er hat zu Wendezeiten auch die Frau und den Säugling eines russischen Militärarztes der Heilstätten getötet.

Gespensterjäger glauben nicht jeder Legende. Schon gar nicht solchen, die ihnen den Gruselspaß verderben könnten. Und deshalb lebt auch Hajo, der ewige Student, an der Ruhruniversität weiter. Tatsache ist, dass im April 1996 in der Bochumer Studentenzeitung ein Nachruf auf den Kommilitonen Hajo Mulsow stand. Er war ein Überbleibsel der 68er-Generation, der nie ein Examen machte. Die Vermutung liegt nahe, dass eben jener Hajo die Fantasie des ewigen Studenten von Bochum bis heute anregt. Es sei eine typische Wandersage, sagt Dirk Sondermann, Begründer des Instituts für Erzählforschung im Ruhrgebiet, um eine Geschichte, wie sie in unterschiedlichen Versionen an unterschiedlichen Orten erzählt wird.