Mord

New York zweifelt am System Nanny

Eine Kinderfrau hat offenbar zwei Kinder einer Familie auf der Upper West Side ermordet

Es ist der ultimative Albtraum: Eine Mutter kommt nach Hause und sieht, dass ihre Kinder tot sind. Am Donnerstagabend passierte das Marina Krim, die in einer der reichsten Gegenden von New York wohnt: in der Upper West Side gleich neben dem Central Park – in unmittelbarer Nähe des „Museum of Natural History“.

Sie kam mit ihrer dreijährigen Tochter an der Hand in ihre dunkle, stille Wohnung zurück. Anfangs dachte sie, ihre Kinderfrau sei mit ihren anderen beiden Kindern ausgegangen. Sie ging nach unten zum „Doorman“, dessen Aufgabe es ist, den Ein- und Ausgehenden die Türen zu öffnen, und fragte ihn, ob er die Vermissten gesehen habe. Der Doorman verneinte. Also ging Marina Krim wieder in ihre Wohnung zurück.

Sie fand ihren Sohn Leo (1) und ihre Tochter Lucia (6), die Lulu genannt wurde, in der Badewanne. Daneben lag auf dem Boden Yoselyn Ortega, ihre 50-jährige Kinderfrau; sie hatte Schnittwunden an ihrem Hals. Das Messer wurde in der Nähe gefunden.

Nachbarin hörte abends Schreie

Eine Nachbarin erinnert sich, dass sie um halb sechs Uhr am Abend der Bluttat Schreie aus der Wohnung gehört habe: „Du hast ihr die Kehle durchgeschnitten!“ Die Kinderfrau wurde in kritischem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert, sie steht unter Polizeiaufsicht. Die Behörden gehen davon aus, dass sie die beiden Kinder erstochen hat. Die Kinder wurden im Krankenhaus für tot erklärt. Als die Polizei am Tatort eintraf, war Marina Krim in der Lobby ihres Apartmentgebäudes. Sie schrie und klammerte sich an ihrem überlebenden Kind fest.

Der Vater, Kevin Krim, ist der Chef der Internetsparte des Fernsehsenders CNBC. Er befand sich auf einer Dienstreise. Am Flughafen fingen ihn Beamte ab; sie begleiteten ihn ins Krankenhaus, wo seine Frau und seine überlebende Tochter schon auf ihn warteten.

Der Fall hat in New York für enormes Aufsehen gesorgt – unter anderem wegen der gesellschaftlichen Schicht, in der sich die Tragödie ereignete. Die Krims waren vor wenigen Jahren aus San Francisco nach New York gezogen. Sie wohnten in einem eleganten Gebäude aus dem 19.Jahrhundert, in dem eine Dreizimmerwohnung 10.000 Dollar Miete pro Monat kostet. Die Wohngegend ist sehr beliebt bei wohlhabenden Familien.

Die Mutter schrieb in einem Internet-Blog über Kochrezepte und brachte Kindern das Malen bei. Ihr kleiner Sohn Leo lernte gerade zu laufen. Ihre Tochter Lulu war laut Einladung zu einem Familienfest an „Kunst, Ballett und allem, was mit Prinzessinnen zu tun hat“ interessiert. Die Kinderfrau war offenbar gerade erst angestellt worden.

Jene Nachbarin, die die Schreie hörte, erinnert sich, dass sie Yoselina Ortaga tags zuvor im Lift getroffen und mit ihr geplaudert hatte. Praktisch alle New Yorker Familien, die es sich leisten können, beschäftigen solche Kinderfrauen.

Auf dem Blog „UrbanBaby“ (www.urbanbaby.com), das dem Erfahrungsaustausch von Müttern in Manhattan dient, beschreibt eine anonyme Bloggerin, an welche Erfahrungen sie das entsetzliche Schicksal der Familie Krim erinnert.

Ihre eigene Kinderfrau, schreibt sie, hatte sich eine Zeitlang merkwürdig benommen: die Wäsche ungewaschen in den Trockner gelegt, einen Topf voller Wasser auf dem Herd vergessen, außerdem sprach sie viel an ihrem Handy.

Eines Tages weigerte die Kinderfrau sich plötzlich, Englisch zu reden; sie antwortete nur noch auf Spanisch. Auf die Frage, ob sie heimgehen wolle, antwortete sie „Si“, dann stieg sie in ihr Auto und fuhr davon. Fünf Minuten später war die Kinderfrau wieder da, tanzte und sang in der Einfahrt des Hauses im Schnee und fragte, ob sie den Hund der Familie mitnehmen dürfe.

Imaginäre Stimmen

Die Bloggerin verständigte die Polizei. Bei einer Untersuchung stellte sich heraus, dass diese Kinderfrau bereits seit langem unter Schizophrenie litt. Die Kinder der Bloggerin berichteten außerdem, dass die Kinderfrau gar nicht wirklich telefoniert habe, sondern über das Handy mit imaginären Stimmen gesprochen habe, was die Kinder sehr ängstigte. Manchmal schloss sie sich mit der Katze in Wandschränken ein.

Diese Geschichte ging harmlos aus, die Geschichte der Familie Krim endete in einem Blutbad. Beide sind geeignet, Zweifel an der Institution der Kinderfrau zu säen: einer Fremden, der man das Liebste und Teuerste anvertraut, was man hat. Aber ohne Kinderfrauen wäre der Alltag für viele New Yorker Familien schlicht nicht zu bewältigen.

„Meine Kinderfrau“, schreibt eine Bloggerin, „schickte mir gestern, als sie die Nachrichten hörte, eine SMS – sie schrieb, ich solle meinen Töchtern sagen, wie sehr sie sie liebt.“