Sicherheit

Gefährliche Luft über den Wolken

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Schon wieder sind in einer Flugzeugkabine giftige Dämpfe ausgetreten. Die Fluggesellschaften tun sich dabei bisher nicht durch Offenheit hervor

Unreine Kabinenkluft in Flugzeugen ist offenbar kein Einzelfall. Bei einem Lufthansa-Flug von Frankfurt/Main nach London-Heathrow am Sonntagmorgen sendeten die Piloten des Flugs LH900 nach Informationen der Berliner Morgenpost eine Dringlichkeitsmeldung („Pan Pan“), weil ein „unnatürlicher Geruch“ aufgetreten sei. Der erste Offizier fühlte sich unwohl, beide Piloten legten die Sauerstoffmasken an.

Passagiere kamen nicht zu Schaden, der Kapitän informierte sie darüber, dass es ein „technisches Problem“ an Bord gebe. Die Besatzung des Airbus321 begab sich nach der Landung in ein Krankenhaus, während die britische Flugunfalluntersuchungsbehörde AAIB sich des Falls annahm. Ein Lufthansa-Sprecher sagte, dass die Maschine am Flughafen untersucht werde, Flugdatenschreiber und die Blackbox im Cockpit würden ausgelesen. Der Airbus wurde vorerst außer Betrieb genommen. Die Crew flog am Sonntagabend wieder nach Frankfurt/Main, wo sie erneut ärztlich untersucht wurde.

Am Himmel über Deutschland tritt in Flugzeugen häufiger verunreinigte Kabinenluft auf, als bislang bekannt war. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) schätzt, dass es seit 2010 bereits 70 bis 80 „schwere Störungen“ in deutschen Verkehrsflugzeugen gegeben habe, bei denen Piloten oder Besatzungsmitglieder durch giftige Dämpfe außer Gefecht gesetzt worden seien. Diese Zahlen gab die Behörde vergangene Woche in der nicht öffentlichen Sitzung des Tourismusausschusses des Bundestags bekannt.

Nach dem Beinaheabsturz eines Germanwings-Airbus im Dezember 2010, bei dem der Kapitän die Maschine mit letzter Kraft und viel Glück in Köln landen konnte, beschäftigt das Thema auch die Politik. Anfang Oktober hat Lufthansa zugegeben, Triebwerke an ihrem Airbus380 wechseln zu müssen, weil mehrfach Ölgerüche in der Kabine aufgetreten seien. Davon hatten die Behörden aber erst aus den Medien erfahren: Auf die Frage im Ausschuss, wie oft die Lufthansa den Austritt giftiger Dämpfe gemeldet habe, antwortete ein Behördenvertreter, es habe eine einzige Meldung gegeben – und die sei erst zehn Tage nach dem Vorfall abgeschickt worden, als es nichts mehr zu ermitteln gegeben habe.

Fluggesellschaften sind gesetzlich dazu angehalten, unmittelbar zu melden, um den Behörden Untersuchungen zu ermöglichen, andernfalls drohen hohe Geldbußen. Für die Fluglinie scheint allerdings alles mit rechten Dingen zuzugehen. Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty sagte: „Lufthansa kommt ihrer Meldepflicht in vollem Umfang nach.“

Behörden sehen sich behindert

Der Vertreter der BFU und der europäischen Luftsicherheitsbehörde Easa bemängelten vor den Bundestagabgeordneten die Zusammenarbeit mit den Fluggesellschaften. Es könne nicht im erforderlichen Maß untersucht werden, weil Fakten nicht zugänglich seien, kritisierte ein Beamter. Wenn nicht sofort nach dem Vorfall die Blackbox und die Maschine untersucht werden könnten, seien wesentliche Beweismaterialien nicht zugänglich.

Die Fluggesellschaften wissen offenbar seit Jahren um das Problem. Im Verdacht, die neurotoxischen Symptome auszulösen, steht das Additiv TCP. Dieses wird dem Triebwerksöl in kleinen Mengen beigemischt. Weil die Frischluft für die Kabinen direkt an den Triebwerken abgezapft wird, kann ausgetretenes Öl verdampfen und die Atemluft kontaminieren. So hat Air Berlin bereits am 17.September 2010 in einer „internen Mitteilung“ an „alle Besatzungsmitglieder“ darauf hingewiesen, dass der Zusatz „TCP in geringen Spuren im Triebwerksöl“ vorhanden sei. Folgende Symptome, beschreibt der Flugbetriebsdirektor, könnten auftreten: „Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall sowie langfristige neurologische Symptome wie Lähmungen, Schwindel, Kopfschmerzen, Ermüdungserscheinungen, Herzrasen, Kurzatmigkeit, Glieder- und Muskelschmerzen.“

Solche Erkenntnisse wollten die Fluggesellschaften bislang für sich behalten. Noch im Juni 2010 befürchtete der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF) in einem vertraulichen Strategiepapier, dass sich das Thema durch die Medien „vom bisherigen Betroffenenkreis Besatzungsmitglieder zum Betroffenenkreis Passagiere verlagern würde“. Eine in diese Richtung „abdriftende Diskussion“ würde zu einem „massiven Reputationsverlust der deutschen Fluggesellschaften führen und vermutlich Passagierrückgänge nach sich ziehen“, heißt es.

Offiziell ist die Luft an Bord daher rein. So meldet der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) auf seiner Internetseite, dass „Berichte in der Presse“ auftauchen würden, in denen „die Vermutung geäußert wird, dass mit der abgezapften Luft aus den Turbinen auch giftige Öle an Bord eines Flugzeugs gelangen könnten“. Dabei sei „bislang nicht nachgewiesen“, dass „giftige Öle aus den Turbinen in die Kabine gelangen“.

Einige BDL-Mitglieder sind da schon weiter. Immerhin gesteht Lufthansa jetzt ein, dass „im Ausnahmefall verunreinigte Kabinenluft zu gesundheitlichen Schäden führen“ könne, wie das Unternehmen in der ARD-Sendung „Monitor“ in der vergangenen Woche kleinlaut zugegeben hat.

Das Durcheinander bei Zahlen, Fakten und Kommunikation hält der grüne Bundestagsabgeordnete Markus Tressel für „mehr als unglaubwürdig“. „Bis zu dem Lufthansa-Statement hat die Bundesregierung mögliche Folgen verunreinigter Kabinenluft komplett negiert“, sagt Tressel. Seit mehr als drei Jahren weist der Politiker auf die Gefahren durch verunreinigte Kabinenluft hin. Bundesverkehrsministerium und Fluggesellschaften warfen dem Grünen stets Panikmache vor.

„Hochgradig peinlich“

Nun wandte sich Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) in einem Brief an die EU und fordert Konsequenzen – mit Argumenten aus einer Kleinen Anfrage, die Tressel mit Kollegen stellte. „Hochgradig peinlich“ sei das für den Minister, sagt Tressel. Er fordert, nervengiftfreie Triebwerksöle einzusetzen und effektive Warnanlagen in Cockpits einzubauen. „Wenn wir über die Gesundheit von Passagieren und Crew sprechen, dann ist es nicht zu viel verlangt, dass ordentliche Filter eingebaut werden.“

Mit dem Mief in den Kabinen wird erst Schluss sein, wenn die Belüftungsanlagen der Flugzeuge ihre Luft nicht direkt von den Triebwerken abzapfen – sondern vom Rumpf der Maschinen, dort, wo die Luft naturgemäß frischer ist. Dieses „Ram Air“-System baut der Hersteller Boeing bei seinem neuesten Flieger 787 ein. Der europäische Konkurrent Airbus setzt auch bei künftigen Modellen auf das problematische Zapfluftprinzip.