Gewalt

Flucht aus der Hölle

Die entführte 17-jährige Rebecca H. aus Rostock entkommt nach drei Tagen ihrem Peiniger

Rebecca ist ein fröhliches Mädchen, auf dem Fahndungsfoto lacht sie in die Kamera. Am vergangenen Sonnabend feiert sie im Klub „Bacio“ im Rostocker Stadthafen, es ist eine Abi-Party. Gegen 2.30 Uhr bricht sie auf, geht zu Fuß in Richtung der Wohnung ihrer Eltern im Stadtteil Toitenwinkel. Vorher will Rebecca noch einen Freund besuchen. Doch dort kommt die 17-Jährige nie an.

Am Petridamm im Stadtteil Dierkow begegnet sie dem 28 Jahre alten Radfahrer Mario B., der in dieser Nacht eigentlich nur noch schnell Zigaretten holen will und sie dabei anfährt. Was Rebecca nicht weiß: Mario B. ist wegen sexuellen Missbrauchs und Körperverletzung mehrfach vorbestraft. Er kommt zurück, sie denkt, er will sich entschuldigen – bis sie das Messer sieht. Mario B. bedroht und verletzt das Mädchen, noch an Ort und Stelle missbraucht er Rebecca.

Danach verschleppt er sie in seine Wohnung am Dierkower Damm, nur wenige Meter entfernt. Die Fenster sind abgedunkelt, Rebecca kann nicht erkennen, ob es Tag oder Nacht ist. Immer wieder vergewaltigt der mutmaßliche Täter sie. Allerdings kann sich die Rostockerin in der Wohnung weitestgehend frei bewegen. Nur dann, wenn Mario B., der eine Ausbildung zum Koch gemacht hat, die Wohnung verlässt, fesselt er sie. Die Nachbarn von Mario B. bekommen von alldem offenbar nichts mit.

Mehrfache Fluchtversuche

Rebecca versucht mehrfach zu fliehen, doch ihr Peiniger testet sie. Kurz nachdem er die Wohnung verlässt, kommt er wieder, um zu sehen, ob sie sich befreien will. Wenn ja, schlägt er sie erneut. So geht das fast vier Tage lang.

Am Dienstag, als Mario B. wieder das Haus verlässt, gelingt ihr endlich die Flucht. Spärlich bekleidet springt Rebecca durch ein Fenster der Zweizimmerwohnung im Hochparterre, schleppt sich verletzt den Dierkower Damm entlang, wo ihr Peiniger sie so lange festhielt. Rebecca versucht, mehrere Autofahrer anzuhalten, zunächst vergeblich. Schließlich bemerkt sie Frank Z.

„Ich bin Rebecca“, sagt sie zu ihm. Sie will, dass er sie so schnell wie möglich nach Hause bringt. Z. fährt sie ein paar Hundert Meter weg, informiert die Polizei. Es dauert nur wenige Minuten, dann umstellen die Ermittler das Haus, in dem Mario B. die 17-Jährige festhielt. Per Handy-Ortung können die Ermittler ihn in der Rostocker Innenstadt bei den Wallanlagen ausfindig machen. Dort lässt er sich widerstandslos festnehmen.

Mario B. hat inzwischen gestanden, die Jugendliche überfallen und in seiner Wohnung festgehalten zu haben. Am Mittwoch wurde er dem Haftrichter vorgeführt, es wurde Haftbefehl erlassen.

Mario B. ist erst 28 Jahre alt – von denen er ungefähr zehn Jahre im Gefängnis verbracht hat. Das erste Mal wurde er im Alter von 14 Jahren wegen Vergewaltigung zu einer Jugendstrafe verurteilt. Weitere Verurteilungen folgten unter anderem wegen Raubs und Körperverletzung. Zuletzt hatte er eine Haft von zwei Jahren und neun Monaten voll verbüßt. Michael Ebert, Chef der Polizeiinspektion Rostock, sagt: „Der Mann ist gewaltbereit und saß insgesamt zehn Jahre im Gefängnis. Er weiß, was mit ihm passiert, wenn er gefasst wird.“

Bei der Polizei sagt Mario B. aus, er habe Rebecca nach einigen Tagen freilassen wollen, wenn ihre Wunden verheilt seien. Dann, so seine Hoffnung, würde er bei einer Verurteilung besser wegkommen, vielleicht würde Rebecca ihn ja auch gar nicht anzeigen. Doch die Polizei glaubt ihm nicht: „Eine Sehne an Rebeccas Hand ist verletzt, sie hat viel Blut verloren. Das ist keine Wunde, die in zwei oder drei Tagen verheilt“, sagt Ebert.

Zu dem Vorwurf der Vergewaltigung habe sich Mario B. nicht geäußert. „Im Übrigen hat er eingeräumt, das Mädchen angegriffen und dazu veranlasst zu haben, sich in seine Wohnung zu begeben. Er hat auch eingeräumt, dass er das Mädchen dann bis zum gestrigen Tage in der Wohnung festgehalten hat“, sagt Staatsanwalt Andreas Gärtner.

In ärztlicher Behandlung

Inzwischen ist Rebecca wieder mit ihren Eltern zusammen. Die 17-Jährige befinde sich in ärztlicher Behandlung. Ein Polizeiseelsorger kümmert sich um sie. Seine erste Einschätzung: Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Über Facebook teilen Rebeccas Eltern ihren Dank mit: „Was hier passiert ist an Unterstützung, wir sind völlig überwältigt. Habt bitte Verständnis dafür, dass wir im Moment unter uns bleiben möchten.“

Seit seiner Entlassung am 15. August 2011 stand Mario B. unter Führungsaufsicht. Bei einer Führungsaufsicht muss sich der Betroffene bei seinem Bewährungshelfer melden. Geschieht das nicht, wird der Helfer aktiv. „Im Rahmen dieser sind keinerlei Beanstandungen seitens der Führungsaufsichtsstelle bekannt geworden“, sagt Gärtner. „Er hat sich bislang gut bewährt.“

Doch im August 2012 erhielt Mario B. eine Anzeige wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Dennoch ging sein Bewährungshelfer offenbar davon aus, dass er keine Gefahr mehr für die Gesellschaft darstellte. „Es gab keine Hinweise darauf, dass er weitere Straftaten begehen würde“, sagt Gärtner.

Eine katastrophale Fehleinschätzung, wie sich jetzt gezeigt hat. Während in den vergangenen Tagen mehr als 100 Polizisten, Taucher, Spürhunde und ein Hubschrauber nach Rebecca suchten, schaute sich Mario B. zusammen mit seinem Opfer die Fahndung im Fernsehen an. Tagelang durchkämmte die Polizei das Gelände um das Haus des mutmaßlichen Täters, doch die dicke Akte von B. fiel den Ermittlern nicht ein.

„Fürchterliche Tat“

Zu der Frage, warum nicht gleich nach dem Verschwinden Rebeccas auch der einschlägig bekannte Mario B. überprüft worden sei, sagt Polizeiinspektions-Chef Ebert nur: Er sei überzeugt, dass die Polizei den mutmaßliche Täter auch schnell im Rahmen der Fahndung selbst gefunden hätte. Er gehörte in die Gruppe der Männer, die überprüft worden wären. Geschehen war dies bis Dienstag also offenbar nicht.

Rostocks Polizeipräsident Thomas Laum fällt es einen Tag nach Rebeccas Selbstbefreiung dann auch immer noch schwer, von einem glücklichen Ende zu sprechen: Zu schlimm sind die Erlebnisse, die das Mädchen nach ihrer Rettung der Polizei geschildert hat, zu präsent ist auch noch die Ungewissheit der vergangenen Tage, ob Rebecca überhaupt noch lebend gefunden würde. „Die Schäden, die sie durch diese fürchterliche Tat erlitten hat, können wir uns alle wahrscheinlich nur begrenzt vorstellen“, sagt Laum lediglich.

Ganz Rostock hat nach Rebecca gesucht. Doch letztendlich musste sich die 17-Jährige selbst aus ihrer Lage befreien.